Presseschau
Bin-Laden-Tötung macht wahre Chancen zunichte

War die Tötung des unbewaffneten Osama bin Laden rechtmäßig und strategisch sinnvoll? Die Medien haben ganz unterschiedliche Ansichten. Auch über den Anteil von George W. Bush an der Militäraktion wird gestritten.
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Das Wall Street Journal moniert, dass mit dem Tod Bin Ladens eine der größten Chancen des Geheimdienstes vertan worden sei. Durch ein Verhör Bin Ladens hätten weitere Al-Kaida-Führer und ihre Geldquellen aufgespürt werden können, argumentiert das Blatt. Ähnlich wie die Verhaftung von Saddam Hussein 2003 wäre die Festnahme Bin Ladens ein größerer Beleg für die Tapferkeit der US-Militärs gewesen als sein Tod. Jetzt gebüre Obama zwar Lob dafür, dass er die Mission befehligt habe, die Bin Laden getötet habe. Der US-Präsident müsse dennoch erkennen, dass er erfolgreich gewesen sei, obwohl er die Politik seines Vorgängers George W. Bush geleugnet habe – vielleicht werde er eines Tages sogar einsehen, dass nur die Rolle von Bush den Erfolg möglich gemacht habe.

Ähnlich argumentiert die Zeit: Zwar habe es eine Menge strategische Gründe gegen eine Gefangennahme Bin Ladens gegeben – möglicherweise hätten Racheakte, Anschläge, Geiselnahmen und Befreiungsversuche den USA, ähnlich wie Deutschland in der RAF-Zeit, bevorgestanden. Dennoch wäre ein Prozess gegen Bin Laden ein „überaus kluges Signal gewesen an eine Weltgemeinschaft, die nicht selten an den Prinzipien der Demokratie (und denen Amerikas) zweifelt.“ Dieser Prozess hätte gezeigt, wie sehr der Rechtsstaat einem Al-Qaida-Gottesstaat überlegen sei.

Business Insider: absurde Diskussion

Der Business Insider hinterfragt den von der US-Regierung korrigierten Bericht zum Angriff auf Osama bin Laden, der nach der neuen Fassung unbewaffnet gewesen sei, als er erschossen wurde. Zwar sei die vom Weißen Haus veränderte „Geschichte“ frustrierend, dennoch seien die Fragen nach der Gesetzmäßigkeit des Tötens von Bin Laden absurd. Der Mann habe vor einem Jahrzehnt fast 3000 Amerikaner getötet und seitdem immer wieder versichert, noch mehr zu töten. Außerdem: Hätte sich Bin Laden ergeben wollen, hätte er dies in den vergangenen zehn Jahren jederzeit tun können. Für die Soldaten schließlich sei es kaum möglich gewesen festzustellen, ob Bin Laden tatsächlich unbewaffnet gewesen sei.

Aus Sicht der New York Times hat Barack Obama mit der erfolgreichen Mission in Pakistan bewiesen, dass er ein Land „geradeaus“ lenken kann, dass hinter seiner „schüchternen Oberfläche“ oft ein „muskulöser Zweck“ sei. Zwar habe Sarah Palin in ihrer Glückwunsch-Erklärung versucht, Obamas Namen zu vermeiden und das Lob der Bush-Regierung zuzuschreiben. Doch in Wirklichkeit sei die Gerechtigkeit für die Familien der am 11. September 2011 getöteten Menschen „qualvoll“ verzögert worden, weil das Bush-Team einen „größenwahnsinnigen Umweg“ über Bagdad eingeschlagen hätten.

Standard: Liberale Muslime weiterhin USA-kritisch

Der Wiener Standard erörtert die Reaktionen auf Bin Ladens Tod in der liberalen arabischen und islamischen Welt. So habe sich beispielsweise die bekannte ägyptische Bloggerin Nora Shalaby zunächst als glücklich über Bin Ladens Tod geäußert, später aber die „Obsession“ mit dessen Tod kritisiert und den Fokus zurück auf den „amerikanischen Imperialismus“ gelenkt. Shalabys Reaktion zeige das Spannungsfeld, in dem Menschen wie sie lebten. „Sie lehnen und lehnten Osama Bin Laden und alles, was er verkörpert, zutiefst ab – als falsch und schädlich für sie selbst und für die ganze Welt. Dass ein ‚Symbol des Bösen’ aber den, der dieses Symbol jetzt gekappt hat - und dessen johlende Anhänger –, automatisch gut machen soll, das können sie nicht nachvollziehen.“ Vor diesem Hintergrund wirft das Blatt die Frage auf, was mehr Einfluss auf die Sicht der arabischen Liberalen auf die USA habe: die Befreiung vom islamischen Schandfleck Osama Bin Laden oder das jüngste US-Veto im Uno-Sicherheitsrat gegen eine Verurteilung von Israels Siedlungspolitik.

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