Presseschau
Bondwächter riskieren globale Kettenreaktion

Die internationale Presse sieht in der Herabstufung der US-Bonität ein Signal dafür, dass die Weltwirtschaft weiterhin angeschlagen ist. Jetzt seien sogar Horrorszenarien realistisch.
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Die britische Financial Times wundert sich, dass ausgerechnet die Einlassung einer Ratingagentur, die mächtig zur Finanzkrise beigetragen habe, so hohe Wellen schlägt. Gleichwohl erinnere die Herabstufung daran, dass die Weltwirtschaft kein stabiler Pfad sei.

Die Herausforderung sei komplex: Die Politiker müssten in den hochentwickelten Ländern eine Normalisierung der Fiskal- und Geldpolitik herbeiführen und den exzessiven Schuldenüberhang sowie die finanzielle Brüchigkeit in Griff bekommen; in den Schwellenländern gehe es darum, die Überhitzung der Wirtschaft abzufedern; schließlich müsse das gesamte Schema der globalen Nachfrage neu ausgerichtet werden.

SZ: Weltweites Schuldenchaos

Aus Sicht der Süddeutschen Zeitung ist die drohende Herabstufung der US-Bonitäts-Note der bislang "schwerwiegendste Beleg für das Schuldenchaos, in dem nun weite Teile der Welt stecken". Hinter dem Streit um Haushalt und Schuldenobergrenze erkennt das Blatt gravierende strukturelle Probleme, die die Regierung nicht in in Griff bekomme, darunter die international nicht wettbewerbsfähige US-Industrie, die angeschlagene Finanzbranche, die teuren Kriege an mehreren Fronten und der teure Ausbau des Sozialsystems, der mit der Pleite von Bundesstaaten wie Kalifornieren kontrastiere.

Wall Street Journal: "Neuentdeckte Aggression der Bond-Wachhunde"

Eine verwundete Rating-Agentur sei ein "gefährliches Monster", diese Erfahrung müssten die USA gerade machen, schreibt das Wall Street Journal. Die Rater seien beschuldigt worden, zur Finanzkrise beigetragen zu haben, indem sie Staatspapieren, Institutionen und sogar ganzen Ländern Top-Noten gegeben hätten, die diese nicht verdient hätten. Dann hätten sie ihren Fehler verschlimmert, indem sie diese Noten zu langsam gesenkt hätten.

Gleichwohl sollten die Finanzmärkte die "neuentdeckte Aggression" der "Bond-Wachhunde" begrüßen. In den betroffenen Ländern selbst jedoch bekämen jetzt die Steuerzahlen die Auswirkungen zu spüren, weil die Kreditkosten stiegen. "Sie werden sich schon bald wünschen, dass die Agenturen ihre Krallen schon früher ausgestreckt hätten, bevor die großen Schulden des privaten Sektors auf ihrem geknickten Rücken abgeladen wurden."

Manager Magazin erwartet dramatische Wertberichtigungen

Für das Manager Magazin ist der Ausblick der Ratingagentur Standard & Poor's nicht überraschend, gleichwohl ein "Ereignis von globaler Tragweite". Hintergrund: Eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit der USA drohe eine globale Kettenreaktion auszulösen, die auch andere Schuldner mitreißen würde. Nicht nur hätten Banken und Versicherungen weltweit mit dramatischen Wertberichtungen zu kämpfen, besonders die asiatischen Notenbanken mit großen Mengen an US-Staatsanleihen als Reserven müssten rekapitalisiert werden. "Ein Horrorszenario. Für Häme ist kein Platz. Europa, auch das vergleichsweise solide Deutschland, wäre mitbetroffen."

Die Financial Times Deutschland begrüßt den Warnschuss von S&P, den die US-Politik dringend brauche, um sich auf einen maßvollen Mix aus Steuererhöhungen und Ausgabensenkungen zu einigen. "Nicht nur, um das Haushaltsdefizit zu senken, sondern insbesondere, um die zunehmend nervösen Anleger zu beruhigen. Die US-Politik muss vor allem demonstrieren, dass sie überhaupt noch handlungsfähig ist. Dass sie ein Wundermittel gegen die hohe Schuldenlast entdeckt, erwartet niemand ernsthaft."

NYT fordert weniger Militär-Ausgaben

Die New York Times fordert die US-Regierung auf, den Militär-Etat zu kürzen. Das Land könne es sich nicht leisten, in den kommenden zwölf Jahren 7,5 Billionen Dollar dafür auszugeben - die tatsächlichen Kosten für die Kriegsführung seien dabei sogar unberücksichtigt. Als Maßnahmen zur Senkung des Etats schlägt das Blatt unter anderem vor, die Zahl der zivilen Mitarbeiter des Pentagon (650.000) um zehn Prozent zu senken, bei Navy und Airforce - deren Bedeutung bei den heutigen Kriegen gegenüber Army und Marines zurücktrete - die Zahl der Soldaten zu reduzieren und die Bestellung neuer Flugzeuge auf den Prüfstand zu stellen.

Der Tagesanzeiger relativiert die Angst vor den Auswirkungen der US-Schuldenlast. Zum einen seien die Schulden in Dollar notiert und könnten theoretisch auch mit der Notenpresse beglichen werden, auch wenn dies unwahrscheinlich sei. Hinzu komme, dass die Verschuldung mit einer "vernünftigen Mischung aus Sparen, Steuerreform und ja, auch einer Steuererhöhung" in den Griff zu bekommen sei. Das Problem liege aber darin, dass Demokraten und Republikaner in einem Glaubenskrieg kämpften, der keine Kompromisse zulasse.

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von "ecolot.de".

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