Presseschau: Bunkermentalität im Schloss Bellevue

Presseschau
Bunkermentalität im Schloss Bellevue

Die internationalen Medien halten Christian Wulffs Kriegsmetaphorik für deplaziert und empfehlen Bundeskanzlerin Angela Merkel, das Ansehen des Bundespräsidentenamtes durch eine Neubesetzung zu retten. Die Presseschau.
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„Der Sitzenbleiber von Bellevue“ übertitelt die Rheinische Post einen bitteren Kommentar zu Wulff: Mit kriegerische Metaphern wie „Krieg“ oder „Stahlgewittern“ trage er zur Hysterisierung der Affäre bei, doch als Bewohner eines Schlosses, gelegen im idyllischen Berliner Tiergarten, verbiete sich diese „Bunkermentalität“. Dass er nun schlicht ausharren wolle, zeuge von einer „gewissen Verachtung“ für sein Amt: „Er glaubt, das Sitzenbleiben in schwieriger Zeit reiche als Qualitätsnachweis für sein Amt aus.“ Dabei gehe es längst darum, ob er die charakterliche Eignung für dieses Amt habe.

„Krieg, Stahlgewitter - geht's noch?“, fragt die WAZ in ihrem Leitartikel. Der Präsident wähne sich in einem Krieg mit Journalisten und sehe sich, „ohne mit der Wimper auch nur zu zucken, in diesem Krieg als Opfer.“ Dabei sei klar, dass Angela Merkel ihn nie als Bundespräsident hätte vorschlagen dürfen, hätte sie von den Urlaubsflügen oder den Flugzeug-Höherstufungen gewusst: Sie habe ein klares Gefühl, was in puncto Vorteilsnahme gehe und was nicht. „Was man Merkel vorwerfen muss, ist daher von anderem Kaliber: Sie hat das Amt für sich abgehakt. Hauptsache, es funktioniert und macht keinen Ärger.“ Was man ihr vorwerfen könne, sei, dass sie sich in Wulff getäuscht habe. Das Angebot von SPD-Chef Gabriel für eine gemeinsame Lösung sei zwar nicht frei von Taktik: „Gleichwohl: Sie sollte annehmen. Als Chance für das Amt.“

„Offensichtlich fühlt sich das Staatsoberhaupt wie im Kugel- und Granatenhagel und setzt darauf, gehärtet und unbeschadet daraus hervorzugehen“, analysiert Focus Online. Doch dies sei nicht mehr gewiss. Nach Medienberichten hätten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel, CSU-Chef Horst Seehofer und FDP-Chef Philipp Rösler bereits verständigt und einen Kandidaten im Auge, den Rot-Grün nicht ablehnen werde. Zwar wurde dies dementiert. Doch wäre es mehr als ungewöhnlich, sollten sich die Spitzen der Regierungsparteien tatsächlich nicht auf einen möglichen Rücktritt – zumindest gedanklich – vorbereiten. „Denn in der Bundesversammlung, die das Staatsoberhaupt in geheimer Abstimmung wählt, hat Schwarz-Gelb nur noch eine knappe Mehrheit.“ Abweichler könnten sich Union und FDP bei einer Bundespräsidentenwahl kaum leisten.

Der Spiegel beobachtet, wie der Bundespräsident mit seiner Taktik die eigenen Leute zermürbt. „Hinter den Kulissen ist das abgekühlte Verhältnis zwischen Wulff und seinen Leuten deutlich spürbar.“ Seine Ansicht, die Affäre sei spätestens in einem Jahr ausgestanden, sei umstritten. Selbst wenn er bis 2015 durchhalte, werde dieser Skandal an ihm „kleben wie Kaugummi“, zitiert das Magazin einen Unionspolitiker. „Je länger sich die Affäre hinziehe, desto schwieriger könnte es werden, die Reihen geschlossen zu halten.“ Bislang sei man der Auffassung gewesen, ein Scheitern von Angela Merkels einstigem Favoriten würde die Kanzlerin selbst beschädigen, zumal in der noch nicht ausgestandenen Euro-Schuldenkrise. Doch nun wachse offenbar die Furcht, Wulff schade mit seiner „Komme was wolle“-Strategie zunehmend den eigenen Leuten.

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  • Zum Kredit an den Bundespräsidenten der Bericht vom 09.01.: BW-Bank...: H. Buchenau hat - leider - schlecht recherchiert: Zuerst sein Haus kurzfristig über Geldmarktkredite zu finanzieren und dann am - gefühlten - Zinstief in einen längerfristigen Festzins um zu schulden, ist nicht nur nicht ungewöhnlich, sondern geradezu die Regel bei allen einigermaßen aufgeklärten Kunden. Und der genannte Zinssatz von 2,10 % ist so, wie Ihn hunderte / tausende anderer Kunden guter Bonität auch bekommen. Herr Wulf hat einiges mehr als ungeschickt gemacht, aber machen Sie bitte nicht aus allem, was auf die Schnelle danach aussieht gleich einen Baustein des Skandals.Also Herr Buchenau: Note mangelhaft, setzen! Michael Bachhofer, Ravensburg, Banker (früher BW-Bank)

  • Wenn sich der Bundespräsident Herr Wulff korrekt verhalten hätte, gäbe es auch nichts zu meckern. Wieso geht Herr Wulff nicht wie alle Bürger gleich zur Bank und holt sich dort einen üblichen Kredit und lässt das Darlehen in das Grundbuch eintragen.
    Oder hat er zuerst die 500.000,- € von Frau und Herrn Gerkens geschenkt bekommen um jetzt die Sache nachträglich zu korrigieren? Diese Frage bleibt offen. In der Antwort der Frage können Lüge und Korruption verborgen sein. Diesen Unsinn hätte Herr Wulff niemals nötig, tat er doch. Mit seinem Handeln hat Herr Wulff das Vertrauen als Bundespräsident selber unwiederbringlich zerstört.
    Als Bundespräsident hat Herr Wulff versagt. Die Medien haben sein Fehlverhalten offen gelegt, nur gut so

  • Wieso Stahlgewitter? - All quiet on the Western Front.

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