Presseschau

Das Bild vom "hässlichen Deutschen" in Europa

Der Koalitionsstreit um einen möglichen griechischen Schuldenschnitt dominiert die internationale Berichterstattung. Die Kommentatoren lassen kein gutes Haar an einer Regierung, die ihre Glaubwürdigkeit verspielt.
  • Daniel Lenz
26 Kommentare
Erst monatelanges Zögern, nun plötzlich ein handfester Koalitionskrach: Die schwarz-gelbe Regierung findet keine einheitliche Antwort auf die Griechenland-Frage. Quelle: dpa

Erst monatelanges Zögern, nun plötzlich ein handfester Koalitionskrach: Die schwarz-gelbe Regierung findet keine einheitliche Antwort auf die Griechenland-Frage.

(Foto: dpa)

Entgegen den Bemühungen der Kanzlerin Angela Merkel (CDU) setzt der Koalitionspartner FDP die Debatte über eine mögliche Insolvenz Griechenlands in der Öffentlichkeit fort. In der Financial Times Deutschland erklärt FDP-Generalsekretär Christian Lindner, die Menschen in Deutschland, die Finanzmärkte und die Griechen bräuchten langfristig Klarheit. „Das geht nicht dadurch, dass man ein Schweigegelübde ablegt“. Der Hinweis auf die unruhigen Finanzmärkte, so Lindner gegenüber der FTD, sei „nur der Versuch, eine überfällige Debatte über einen nicht wünschenswerten, aber möglichen Zahlungsausfall Griechenlands zu unterbinden“.

„Noch ein paar Tage weiter so, und das Bild vom ,hässlichen Deutschen’ ist in Europa perfekt“, kommentiert die Zeit die „unqualifizierten Äußerungen“ der „liberalen Boygroup“ aus Rösler und Lindner, des CSU-Präsidiums sowie von EU-Kommissar Günther Oettinger – der in der Bild-Zeitung zu bedenken gegeben habe, „die Flaggen von Schuldensündern vor den EU-Gebäuden auf Halbmast zu setzen“. In diesem Klima sei Deutschland in Gefahr, seine europäische Glaubwürdigkeit zu verlieren. Doch Kanzlerin und Finanzminister müssten hilflos zusehen, wie sich gerade das bürgerliche Lager, „das doch bisher auf wenig so stolz sein konnte wie auf seine Treue zu Europa“, selbst zerlege.

„Panik und Verzweiflung“ erkennt der frühere Politiker-Berater Michael Spreng in seinem Blog Sprengsatz als Gründe für die Äußerungen von Philip Rösler zur „geordneten Insolvenz“ Griechenlands. Der FDP-Chef und Wirtschaftsminister wolle kurz vor der Berlin-Wahl, die für die FDP desaströs auszugehen drohe, ein populistisches, europakritisches Signal senden. Dabei gefährde das Gerede über eine „geordnete Insolvenz“ eine „geordnete“ Rettung Griechenlands, die nur aus einem radikalen Schuldenschnitt, aber einem weiteren Verbleib Griechenlands in der Eurozone bestehen könne. Röslers – und analog dazu Horst Seehofers – Einlassungen demonstrierten nur, dass sich die schwarz-gelbe Koalition im Zustand der Auflösung befinde. „Angela Merkel hat nicht mehr die Kraft und die Macht, die beiden kleineren Partner zu disziplinieren.“

Die Frankfurter Rundschau stellt die Vermutung in den Raum, Rösler habe mit seinen Äußerungen einfach testen wollen, ob seine FDP mit etwas mehr Euroskepsis wieder in den Umfragen steige und auf diesem Weg bei den Wahlen besser punkten oder überhaupt überleben könne. Dies sei allerdings ein „riskantes Spiel“ und drohe die Partei zu zerreißen. „Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher hätte vermutlich Schwierigkeiten, sich nicht mit Grausen abzuwenden.“

Deutschland soll sich endlich entscheiden
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

26 Kommentare zu "Presseschau: Das Bild vom "hässlichen Deutschen" in Europa"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Ist es immer noch nicht verstanden worden? Das ganze ist ein langer Prozeß wo für (These) und wider (Antithese) wie in einer Verhandlung zu einer Lösung (Synthese) kommen. Es gibt Zentrifugal- und Zentripedalkräfte. Weder für oder wider haben heute Recht, morgen nicht und übermorgen vielleicht.

  • Es sagt viel über unsere Medien aus, dass ein Wirtschaftsminister der nur davon spricht, den Fall einer Insolvenz mal zu überdenken, sofort lächerlich gemacht oder runtergebügelt wird. In Bayern gilt: Wer zahlt schafft an! Und als Mitarbeiter eine Genossenschaft kenn ich das Moto: "Hilfe zur Selbsthilfe!" Wenn die Troika bestätigt dass GR nicht genug Willen zeigt sollte es keinen Cent mehr geben. Sicherlich haben wir auch Vorteile vom Euro und der EU, aber dass man Vor- und Nachteile nicht öffentlich abwegen darf lässt mich an der Demokratie in D zweifeln (Gibts da nicht ein Grundrecht?). Es ist auch zutiefst undemokratisch, dass die EZB gegen das Recht Staatsanleihen ankauft mit dem Argument der EFSF wird eh durch die nationalen Parlament gewunken und übernimmt dann diese Anleihen. Soweit ich weiß stimmt der Bundestag erst in Zukunft darüber ab. Die Demokratie stibt in D und wir verarmen auf Generationen. Da sollte es uns auch nichts groß kümmern, dass die engl. Presse schon wieder an das 3. Reich erinnert um uns klein zu halten.

  • Das einzige, was den "häßlichen Deutschen" seit Jahrzehnten sowohl in Europa als auch in der übrigen Welt weniger häßlich macht, ist das Zücken seines Scheckbuchs. Ansonsten werden die Deutschen verachtet, verlacht und für total blöd gehalten. Was zu wiederlegen wäre (Ironie off).

  • Was schreiben Sie für einen Unsinn! Es käme ".. auf die Tatsachen.." an , denn "..Lügen haben bekanntlich kurze Beine." Ich verstehe Sie so: Die Schuldenberge der Südländer und Griechenlands (PIGS) existieren nicht wirklich und sind nur eine Erfindung der deutschen Industrie und Ihrer Medien. Ebenso die nicht funktionierende Steuerverwaltung in G und I sowie die Abstufung durch die Rating Agenturen sind alles deutsche Propaganda (Goebbels lässt grüßen). Sie sind ja ein Komiker und sollten wirklich nicht unter dem Pseudonym eines intelligenten Florentiners schreiben! Tatsächlich wird die Deutsche Bevölkerung mit Phrasen über „Europa fällt auseinander“ oder „Es wird Krieg geben (AM Westerwelle bei Maybritt Illner!)“ und die faktische Kosten-Nutzen des EURO für Deutschland seit der Einführung berieselt bzw. dauerbegossen. Ich bin jetzt 54 und werde wahrscheinlich noch erleben wie die „Deutsche Milchkuh“ ihre Produktion für Europa erst reduzieren und dann einstellen wird und zwar weil sie nicht mehr kann. Wird dann der Tierarzt oder der Schlachter kommen? Wohl letzterer, wenn ich die Einstellung unserer Nachbarn zu uns aktuell und wiederholt betrachte. Man sollte schon einmal „Danksagungskarten“ für die heute 20-30 jährigen Deutschen an Merkel & Co drucken lassen. Sie werden das Geld dafür nicht mehr haben!!

  • Das Schlagwort "Europäische Supermacht" ist nun ausgesprochen. Schröder plädiert sehr dafür und auch die Linken machen sich dafür stark. Aber hat sich der "Osten" wirklich klargemacht, was das heißt. Dann gibt es keinen Soli mehr für den Osten, denn die neuen Länder sind dann reich gegenüber Süd-Italien, dann gibt es den Soli für Sizilien, für Griechenland, für die portugiesischen Grenzbezirke usw. Wer erwirtschaftet dann für wen die Rente??? Einheitsbesteuerung für alle Betriebe und Firmen. Aber der Pro-Kopf - Ertrag ist in den Ländern sehr unterschiedlich. In der glühenden Sommerhitze im Süden kann nun mal nicht so viel erwirtschaftet werden wie vielleicht im Norden. Menschen in den südlichen Regionen haben eine andere Lebensauffassung: Leben um zu arbeiten - unmöglich - das Geld wird ausgegeben, wenn es da ist. Das soll keine Kritik sein, es ist eine andere Lebensauffassung und die muß nicht schlechter sein, was die Lebensqualität betrifft. England hat keinen Euro, ebenso wenig Norwegen und Schweden und es funktioniert auch. Wenn man bedenkt, dass das kleine Griechenland die ganze Welt in Atem hält und damit die gesamte Weltwirtschaft, sollte es Europa doch möglich sein, sich hier nicht in Beugehaft nehmen zu lassen: entweder ihr bezahlt oder ihr werdet schon sehen, was dann passiert, so werden die ärmeren Länder drohen. Griechenland - ein Präzedenzfall für alle zukünftigen ähnlich gelagerten Fälle. Was Rösler ausgesprochen hat, resultiert aus der Überlegung, auch Griechenland sollte unter Druck gesetzt werden, insofern gar nicht schlecht. Machen wir uns nichts vor, die Märkte gehen solange nach unten bis der Fall gelöst ist, egal was Rösler oder Merkel aussprechen oder nicht.

  • Gestern Abend Heute-Journal im ZDF... dort sprach Wolfgang Bosbach zur Euro-Rettung klare Worte..

    Der Euro sollte eine Währungsunion - keinesfalls ein Schuldenunion oder eine Transferunion sein!!!

    Vielleicht begreifen unsere Politiker einmal, dass wir nicht ganz Europa retten können..

    In der gleichen Sendung muss man sehen, dass Unternehmer aus Griechenland abwandern und nach Bulgarien gehen, weil dort die Behörden schneller arbeiten...

    Sind hier eigentlich alle Wahnsinnig geworden! Die Griechen bekommen Ihren Arsch nicht hoch... und wir sollen das bezahlen...

    Wer zahlt eigentlich meine Schulden, wenn ich aufhöre zu arbeiten...

    Ganz ehrlich, vielleicht erklärt mir mal einer, wie das alles zusammenpaßt... für mich paßt da gar nichts mehr zusammen..

    aber das war schon immer das Problem wenn man versucht etwas gleich zu machen, was man nicht gleich machen kann!!!

    Genau so ein Wahnsinn wie der Krieg in Afghanistan oder dem Irak... das alles hat auch überhaupt keinen Sinn...

    Bestes Beispiel dafür war die gestriege Meldung, dass der Irakische Ministerpräsident die USA bittet wegen der Prekären Sicherheitslage bis zu 18000 Soldaten im Land zu lassen...

    Noch verrückter wird es dann bei dem Konflikt Türkei/Israel...

    Na ich bin mal gespannt, auf wen wir dann schießen, wenn dort unten einer den Abzug betätigt...

    Ein Wahnsinn alles und dazwischen unsere etablierten Parteien..die keine Lösungen anzubieten haben...

    Mir drängt sich da ein Sprichwort auf... "Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende"...

  • Lieber ungeliebt und sein Geld behalten als beliebt und arm!

  • @ Miss_Trauen,
    das Problem ist dass der Deutsche immer versuchen wird die andere an der Leine zu führen, es sei denn er wird selbst an der Leine geführt. Eine gleichberechtigte Partnerschaft mit Deutschland ist heute noch nicht möglich. Erstaunlich aber ist dass sich der Deutsche auch ziemlich widerstandslos an der Leine führen lässt. Man hat es nach dem 2. Weltkrieg in beiden Teilen Deutschland feststellen können.
    Ich glaube einfach dass der Deutsche es als natürlich betrachtet wenn man seine Kraft einsetzt um sich Vorteile zu verschaffen. Er meint es nicht böse.
    Friedrich der Groß wurde gefragt warum er Österreich angreift. Darauf soll er geantwortet haben "Weil ich es kann"
    Es gibt in Deutschland viele kleine und große Möchtegern Friedrichs
    Ich lebe seit 45 Jahren in Deutschland.

  • Mit dem euroskeptischen Säbelrasseln trägt die FDP nur dazu bei sich in den Augen der Wähler noch unglaubwürdiger zu machen. Etwas mehr Ehrlichkeit von Seiten der Politik ist grundsätzlich nötig. Entweder waren die Politiker, die über den Beitritt Griechenlands zur EU und zur Eurozone entschieden haben, geistig weggetreten oder man sollte endlich die Wahrheit darüber sagen wieso Griechenland Teil der EU und der Eurozone ist - es war eine rein geopolitische Entscheidung zum Schutz der Südostflanke Europas.

  • Ich glaube, nach den Jahren als hässlicher Deutscher kommen wir wohl gut mit ein paar weiteren aus. Immer interessant zu sehen, wer am lautesten schreit. Die UK ist doch sonst so euro-skeptisch und wie war das noch mit dem Pfund? Wenn es etwas gibt, was die Entschlossenheit stärkt, dass D aus dem Euro raus sollte, dann solche Kommentare wie die der Financial Times.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%