Presseschau: Das große Zaudern der Angela Merkel

Presseschau
Das große Zaudern der Angela Merkel

Nach dem Rücktritt von Guttenberg finden die Personal-Rochaden in Merkels Kabinett größtenteils Zustimmung unter den internationalen Medien. Doch die größte Krise der Kanzlerin sei damit noch lange nicht ausgestanden.
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Düsseldorf"Angela Merkel hat keine Zeit verloren", kommentiert der französische L`Express das rasche Revirement in der deutschen Regierung mit Thomas de Maizière als neuem Verteidigungs- und Hans-Peter Friedrich als neuem Innenminister. Der Grund für die Eile liege auf der Hand: "Die schwarz-gelbe Koalition liefert sich derzeit ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der SPD und den Grünen bei den anstehenden Wahlen in einzelnen Bundesländern." Besonders wichtig für die Bundeskanzlerin sei nach dem Debakel in Hamburg die Wahl in Baden-Württemberg, eine Bastion der CDU seit 1953: "Eine Niederlage in dem Bundesland würde Merkel in erhebliche Schwierigkeiten bringen." Bereits der Verlust des "aufsteigenden Stars" Karl-Theodor zu Guttenberg sei ein schwerer Schlag für sie und ihre Partei gewesen: "Der Rücktritt ihres Ministers hat sie offenbar überrascht." Merkel habe ihn anfangs wohl unterstützt, um Turbulenzen vor der nächsten Sitzung des EU-Rates am 24. und 25. März zu verhindern: "Es geht dabei um eine mögliche Aufstockung des europäischen Rettungsfonds - ein Thema, das bei den Wahlen in diversen deutschen Bundesländern eine große Rolle spielt."

Die Financial Times Deutschland wundert sich über den "Schnellschuss" von Angela Merkel, der ganz gegen der Gewohnheit der bedächtigen Machtstrategin erfolgt sei. Merkels Allzweckwaffe, ihr enger Vertrauter Thomas de Maizière, sei der glatte Gegenentwurf zu seinem Vorgänger, dem leichtfüßigen Schnellaufsteiger zu Guttenberg: "Ein scharfer und detailversessener Denker, kein charismatischer Machertyp. Ein korrekter und umsichtiger Abwäger, kein Showtalent. Ein diplomatischer und ausgeglichener Charakter, kein Polarisierer." Einen ähnlichen Charakter schreibt das Blatt dem neuen Innenminister und bisherigen CSU-Landesgruppenvorsitzende Hans-Peter Friedrich zu, weshalb Merkels Kabinett jetzt leiser, unspektakulärer und nachdenklicher werde. So verwundere es nicht, dass die CDU seit den Abgängen von Roland Koch, Ole von Beust und Dieter Althaus weder in Hessen noch in Hamburg oder in Thüringen größere Erfolge vorzuweisen hätten. "Für die Bürger hat sie keinerlei Reibungsfläche mehr zu bieten, auf der Interesse oder vielleicht sogar Begeisterung wachsen könnten."

"Verbohrter Kampf um Deutungshoheit"

Wahrscheinlich sei de Maizière für das Bohren dicker Bretter wie die Bundeswehrreform besser geeignet als der flotte Baron, kommentiert dieBerliner Tageszeitung. Auch der neue Innenminister sei kein Lautsprecher, der das Ministerium im Handumdrehen zur zackigen Law-and-Order-Bastion machen werde. Doch für Merkel sei die tiefste Krise ihrer Kanzlerschaft noch nicht ausgestanden. Dass sie unverdrossen weiter gegen die Opposition wettere und Guttenberg zum Opfer stilisiere, klinge wie ein "verbohrter Kampf um die Deutungshoheit". "Kein Hauch von Selbsterkenntnis; so redet man in der Wagenburg. Dazu passt, dass mit Hans-Peter Friedrich ein glühend uneinsichtiger Anhänger von Karl-Theodor zu Guttenberg nun selbst Minister geworden ist."

Die britische Financial Times wirft der Kanzlerin vor, in der Guttenberg-Affäre einmal mehr Risiken gescheut und Entscheidungen auf die lange Bank geschoben zu haben. Ähnlich vorsichtig habe sie bei Bundesbank-Chef Axel Weber agiert; Weber selbst habe schließlich erklärt, dass er selbst nicht mehr als Kandidat für die EZB-Spitze antreten wolle - "Merkel folgte den Ereignissen, statt sie zu gestalten." Die gleiche Langsamkeit habe Europas Antwort auf die griechische Schuldenkrise im vergangenen Jahr beeinträchtigt. Fazit der Financial Times: Die Beweise für die Unentschlossenheit und politische Anfälligkeit Merkels seien besorgniserregend mit Blick auf Europas Bewältigung der Schuldenkrise.

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Merkel begeht gleichen Fehler zum zweiten Mal

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  • Die Bemerkung der britischen Financial Times hat zu Merkel alles gesagt und genau auf den Punkt gebracht.
    Merkel reagiert nur noch, anstatt zu Gestallten und zu Wirken!

  • Der Stil mancher Kommentare lässt fast ebenso frieren wie die Falschdarstellung evidenter Verfehlungen durch KTG. Eigentlich ist ab jetzt die Zukunft wichtiger, und ich denke, dass Frau Merkel mit ihrer schnellen und eigentlich auch alternativlosen Entscheidung für einen professionellen und klugen Mann genau das Richtige getan hat. KTG hatte unabhängig von der Sache mit der Promotion jedes Mass verloren und in der Spiegelung unserer Castinggesellschaft jede Bescheidenheit aufgegeben. Gegen solcherlei Anfechtungen dürfte ein erwachsener Mann mit Gestaltungswillen und -fähigkeiten immun sein.

  • Haben diese Polit-Claqueure es immer noch nicht verstanden???
    !!! Das Volk darf nicht verarscht werden !!! (Grundgesetz §1)
    Ist der Kopf des Fisches abgetrennt, darf der Rest aber weiter stinken?
    Ein Betrüger und Hochstapler der sich hinstellt und vor laufenden Kameras das Volk derart verarscht und behauptet, nicht gewusst zu haben was er tat. Der muss doch unter Realitätsverlust leiden. In welchen Fällen begreift er denn überhaupt was er tut???
    Selbst in seiner Rücktrittsrede kann dieser Idi... die toten Soldaten nicht ruhen lassen.
    Mittäterschaft an dieser Volksverarschung liegt vor bei all den Polit-Claqueuren, die diese Gaunerei unnötig verlängert und auch noch gedeckt haben, denn sie leisteten Beihilfe!!!
    Und zu guter letzt wird der Betrüger wieder hoffähig gequatscht von diesen Polit-Claqueuren.
    Mittäter: Merkel, Kauder, von der Leyen, Seehofer, Hohlmeier, Mappus, Söder, Schavan, Westerwelle, Friedrich, Pfeiffer, Uhl, Langguth, Strobl, Altmaier etc.

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