Presseschau
„Das Land braucht Banker und Spekulanten“

Die internationale Wirtschaftspresse kritisiert die Politiker für ihre wohlwollende Haltung gegenüber der Occupy-Wallstreet-Bewegung. In Australien steht Europas Ego-Krise zur Debatte.
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Barack Obamas Unterstützung für die „Occupy Wallstreet“-Bewegung sei ein kardinaler Fehler und könnte ihn die Wiederwahl 2012 kosten, meint das Wall Street Journal. Die Bewegung stehe für Werte, die gefährlich weit von den Werten der breiten Massen Amerikas entfernt seien. Dabei beruft sich das Blatt auf eine Umfrage unter etwa 200 Demonstranten in New York, die ihre linksradikalen Ansichten belege. Mehr als die Hälfte der Befragten sei bereits in einer anderen Bewegung aktiv gewesen, und nur etwa 15 Prozent sei arbeitslos; fast ein Drittel der Demonstranten würde ihre Agenda auch mit Gewalt durchsetzen.

Was die Demonstranten verbinde, seien ihre linken Ansichten, etwa der Glaube an eine radikale Umverteilung des Wohlstandes. Die Occupy-Bewegung bestehe zum großen Teil aus engagierten Aktivisten, die vom kapitalistischen System enttäuscht seien. Unter der amerikanischen Bevölkerung bezeichneten sich dagegen 77 Prozent als konservativ oder gemäßigt.

Die Süddeutsche Zeitung findet, dass die Proteste ernst genommen werden müssten. Mit den Bankern und Spekulanten, die nun das Feindbild seien, müsse man kein Mitleid haben, schließlich hätten sie lange genug auf der Sonnenseite des Lebens gestanden. Banker und Spekulanten seien allerdings nicht Kern des Übels, schließlich brauche das Land sie und zwar in guter Verfassung. Die Kritik an Banken sei zwar zulässig, die aktuelle Krise sei jedoch zu einem großen Teil politisch gemacht.

Entgegen der großen Medienresonanz sei die Occupy-Bewegung jedoch klein, ihr Protest greife zu kurz, und ihre Feindbilder seien falsch benannt. Die Politiker wüssten dies, trauten sich jedoch nicht, diese Wahrheit auszusprechen. „Bedenkt man die Geschwindigkeit, mit der die Machtpolitikerin Angela Merkel nach Fukushima ihre früheren Positionen zur Kernkraft verraten hat, um im Mainstream zu schwimmen, muss man jetzt womöglich mit der Verstaatlichung aller Banken rechnen“, ironisiert die Zeitung.

Die russische Zeitung Vedomosti ist einerseits froh, dass die Protestbewegungen noch keine Nachahmer in Russland gefunden habe, fragt sich aber gleichzeitig, warum dies so sei. Bei den Demonstranten in New York und anderen Städten handele es sich meist um junge Menschen mit einem hohen Wohlstandsniveau, welches jedoch in Zukunft sinken könnte. Genau dagegen richte sich der Protest. Die russischen Altersgenossen der Demonstranten seien in aller Regel bereits voll im Leben und arbeiteten hart, um sich den Wohlstand zu sichern. Auf den Staat hoffe schon lange keiner mehr, und erst recht würde niemand auf die Idee kommen, vom Staat zu fordern, die Superreichen zur Räson zu bringen, da alle davon ausgingen, dass Beide unter einer Decke steckten. Die junge Generation der Amerikaner könne auf ein „goldenes Jahrhundert“ der Mittelklasse zurückschauen. Eine solche Tradition habe es in Russland nie gegeben.

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Europa auf dem Holzweg

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Stühlerücken bei der Metro

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  • Wer mit dem Feuer spielt, der kommt darin um!
    Wenn die Kernkapital Qoute nun angehoben werden muss, dann war diese vorher zu niedrig. Wer um Gewinne wegen, Kredite an Länder vergibt, wo absehbar ist, dass diese die Schulden nicht werden bedienen können, der hat (in meinen Augen) selber Schuld!
    Die Banken wollten fette Gewinne, die Bank-Manager ihre fetten Boni, indem sie riskante Geschäfte machten um den Gewinn zu steigern.
    Ist alles legitim, aber wenn es nicht klappt, jammern?
    Natürlich hat die Politik den Grundstein gelegt, oder eben diese Art von Geschäften nicht im Vorfeld verhindert.
    Wenn diese Vorgaben dann, um den eigenen Profit zu steigern ausgenutzt werden, dann werden halt Zweifel an der Moral derjenigen laut, da muss man sich nicht wundern.

  • Solange die Occupy-Bewegung klein ist und keine Führung hat, wird sie medial belächelt: eine Handvoll Spinner ohne Konzept, ein kopfloses Huhn.
    Doch wehe, wenn diese Bewegung wächst und begreift, daß systembedingt von politischer Seite keine Hilfe zu erwarten ist ...

  • Hey Devjo, Jesse hat vollkommen Recht!

    Mal abgesehen davon, welche Bank schreit eigentlich aktuell nach Hilfen? Ist mir da etwas entgangen?? Ich glaube nicht!
    Das die Banken künstlich durch die maßlosen Eigenkapitalanforderungen die die Politik fordert quasi verstaatlicht werden ist dir wohl entgangen, oder hast du es bloß nicht kapiert?!

    Was kann denn X-beliebige Bank dafür, das die europäischen Staaten bis über die Ohren verschuldet sind, und sie dadurch - die eig. sicheren- Schrottanleihen im Portfolio haben??

    Alle, wirklich alle Staaten leben hier über ihre Verhältnisse! Und warum? Damit Poltiker die falschen Entscheidungen treffen, um von allen möglichen Vollpfosten gewählt zu werden, weil sie nicht die
    Warheit sagen, sondern alle möglichen unbezahlbaren Wahlversprechen geben zu können, die sich niemals rechnen werden!(um den Kreis zu Hartz 4 abzurunden...).

    Der Markt, der doch sooo schlimm ist, bildet NUR die menschliche Psyche und deren Handlungshorizont ab!

    Wer sind denn die Banken? Zunächst einmal deren Besitzer. Also in Europa Millionen von Aktionären.
    Wenn du - Devjo- diese enteignen und entmachten willst dann bitte! Dann häng die Viehwaggons an und bau Lager im Osten...

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