Presseschau

Der „Geiz-ist-geil-Präsident“

Die internationale Presse ist von Christian Wulffs Bußgang nicht überzeugt: Er habe das Amt beschädigt und werde wohl kein großer Bundespräsident mehr werden. Die Entschuldigung sei das Mindeste, was man erwarten konnte.
  • Peggy Pfaff
31 Kommentare
Wulff hat sich öffentlich für seinen Umgang mit der Kreditaffäre entschuldigt. Die internationale Presse überzeugt das trotzdem nicht. Quelle: dapd

Wulff hat sich öffentlich für seinen Umgang mit der Kreditaffäre entschuldigt. Die internationale Presse überzeugt das trotzdem nicht.

(Foto: dapd)

„Eine Entschuldigung war das, was man wenigstens erwarten durfte“, urteilt die Financial Times Deutschland über Christian Wulffs Erklärung am Donnerstag. Denn erst habe der Bundespräsident das Parlament Niedersachsens „gelinkt“, dann habe er in den letzten Tagen der Öffentlichkeit ein „moralisch angreifbares Selbstbildnis“ vermittelt: „Da war ein Bußgang nötig.“ Dennoch bleibe die Frage: „War’s das?“

Immerhin sei seine „Vorweihnachtsansprache“ von neuen Enthüllungen begleitet worden. Wulff habe inzwischen das Image eines „schnöden Schnäppchenjägers“, eines „Geiz-ist-geil-Präsidenten“. Mit jedem Vorwurf, den er nicht ausräumen könne, werde ihm seine Würde mehr und mehr geraubt. „Wulff hat sich in eine Lage manövriert, aus der er - trotz Entschuldigung - nur noch schwer herauskommt.“

„Gerade noch gerettet“, befindet die Zeit nach der Erklärung Wulffs. Als Katharsis könne diese jedoch nicht dienen: „Zu durchsichtig ist Wulffs Versuch zu trennen zwischen seiner Vergangenheit als Landespolitiker und Ministerpräsident und seiner Gegenwart als Bundespräsident.“ Und zu deutlich bediene sein Hinweis auf 250 „nach bestem Wissen und Gewissen“ beantwortete Einzelfragen die vorweihnachtliche Stimmung: „Nun lasst es doch mal gut sein!“

Da bleibe ein ambivalenter Eindruck zurück: Er habe sich entschuldigt, er solle im Amt bleiben. Doch der selbst gewählte Auftrag Wulffs, einen Beitrag dazu zu leisten, die „anstehenden Herausforderungen zu bewältigen“ in Deutschland, Europa und der Welt, wirke deutlich zu groß. „Ein Bundespräsident, so wie ihn sich die Mehrheit der Bürger vorstellt, wird Christian Wulff wohl nicht mehr werden.“

„Christian Wulff hat Vertrauen verspielt. Eine Entschuldigung kann das nicht mehr reparieren. Ein Rücktritt wäre konsequent“, meinen dagegen die Salzburger Nachrichten. Deutschland müsse sich fragen, ob es den „richtigen Mann“ zum Bundespräsidenten gewählt habe. „Kanzlerin Angela Merkel entschied sich für einen puren Parteipolitiker, den jetzt eine klassische Politikaffäre ins Schleudern bringt.“ Das könne dem Amt nur schaden, weil sein Inhaber über dem Parteienstreit stehen sollte. Doch Wulffs enttäuschender Umgang mit dieser Geschichte zeige ihn als einen Parteipolitiker, der in kleinster Münze zurückzahle.

250 Einzelfragen habe Wulff beantwortet, doch Antworten auf die „immer noch bohrenden Fragen“ vermisst die Wirtschaftswoche nach wie vor: „Wieso durfte der väterliche Freund Egon Geerkens nach seiner Mithilfe bei der Hausfinanzierung auf Delegationsreisen der Landesregierung mitfahren? Wieso war er zu Zeiten dabei, in denen er gar nicht mehr aktiv unternehmerisch tätig war?“ Zudem seien mit seiner Erklärung neue Fragen aufgetaucht, z. B. ob Wulff bei der BW-Bank Sonderkonditionen erhalten hat. Doch der Bundespräsident habe die Chance verpasst, gleich aktuell Antworten zu geben.

Schwellenländer im Aufwind
Seite 123Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Presseschau - Der „Geiz-ist-geil-Präsident“

31 Kommentare zu "Presseschau: Der „Geiz-ist-geil-Präsident“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Wer schützt den Bürger eigentlich vor dem Staat?

  • "Was dem Ochsen erlaubt ist, ist dir noch lange nicht erlaubt", und dies gilt schon seit tausenden von Jahren, mag Herr Wulff auch noch so sehr von Gleichheit sprechen. Leider!
    ("Lateinisches Sprichwort")

  • @webmax
    Es ist eben nicht so, dass "alle" so handeln wie Wulff es getan hat. Sollte es dennoch so sein, dass eine Mehrheit in Deutschland nur aus Vorteilsnehmern besteht, wird es Zeit dieses Land zu verlassen.

  • Es gibt ein Wort für solche Leute: "Schmarotzer".

  • ...und die Staatsratvorsitzende mit dem Stasi Schäuble
    und der dubiosen FDP sehen das immer noch, damit sind die für mich gemeingefährlich, weil sie damit das Verfassungsorgan BP
    demontieren. Ein Staatsstreich würde theoretisch möglich

  • DoA

    Dead on Arrival

  • Es gibt ganz klare Richtlinien für ALLE Beamte, Verwaltungsangestellte und sonstige "Staatsdiener" in Bezug auf Annahme und Vergabe von Geschenken und Begünstigungen jeglicher Art: bis 10,- Euro (in Worten: Zehn Euro) ist alles im grünen Bereich, was drüber liegt, gilt zumindest als versuchte Korruption und ist damit VERBOTEN. Offensichtlich hat Herr Christian Wulff keinen Chef, der ihn direkt vor die Tür setzen könnte, also bleibt nur eine Möglichkeit: Herr Wulff, treten Sie zurück !!!

  • Ich höre und lese Wulff habe sich entschuldigt. Das scheint mir ein Irrtum, er hat eine Erklärung abgegeben mit einer Kommentieren, aber das bedeutendete Wort: Entschuldigung ist nicht gefallen.
    Auch muß sein Verhalten daran gemessen werden, wie er selbst in kritischer Lage sich zu anderen Personen äußerte, wie z.B. über den damaligen Bundespräsidenten Rau. Spätestens hier zeigt sich das Kaliber.

  • Wenn ein Angestellter in Deutschland ein Weihnachtsgeschenk in Höhe von 50 Euro von Lieferanten entgegennimmt, dann riskiert er die Kündigung.
    Wie ist da der Zinsvorteil von mehreren zehntausend Euro für einen Ministerpräsidenten gegenüber dem Normalbürger zu werten ?

  • Macht Wulff den Köhler?

    Wer so naiv fragt, übersieht einen wesentlichen Punkt: Für einen Rücktritt aus Anstand fehlen Berufspolitikern standesgemäß die Voraussetzungen. Sie können nur zurückgetreten werden. Diesen unschönen Vorgang kann nur derjenige grausam, schmachvoll und entehrend finden, der allen Ernstes glaubt, ein echter Politiker würde hier die gleichen Maßstäbe anlegen. O liebenswerter Humanist, bei dieser Spezies ist Ihre Herangehensweise leider völlig fehl am Platz. Beweis: Ein adeliger Berufspolitiker ließ sich lieber wie ein Hund verprügeln, log, was das Zeug hielt, bis auch das unehrenhafteste Verhalten nichts mehr half. Naive Menschen beklagten damals, man hätte ihm die Ehre genommen. Doch siehe da - schon nach kurzer Zeit besaß der Mann wieder soviel Ehre, um anderen Lehren erteilen und ins politische Geschäft zurückkehren zu können. Das legt folgenden Schluß nahe: Ein Berufspolitiker gibt sich die Ehre - sie zu haben, wäre ihm lästig.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%