Presseschau
Der heiße Tanz um Assanges Auslieferung

Die internationale Wirtschaftspresse diskutiert kontrovers über die Verhaftung von Wikileaks-Gründer Julian Assange. Die Debatte über die Vergewaltigungs-Vorwürfe und die Veröffentlichungen sei nicht nur für Wikileaks selbst, sondern besonders für die britische Regierung eine Belastungsprobe. Am Ende könnte die Bevölkerung gegen sie aufbegehren.
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Man solle Assange besser wegen Spionage anklagen, schreibt die US-Senatorin Dianne Feinstein im Wall Street Journal. Basis dafür sei das Espionage Act aus dem Jahr 1917. Beide entscheidende Punkte seien in diesem Fall gegeben: Die nationale Sicherheit sei bedroht, außerdem habe Assange intentional gehandelt. Assange berufe sich zwar darauf, ein Journalist zu sein, was ihn unter den Schutz des ersten Zusatzartikels zur US-Verfassung stellte (First Amendment). Tatsächlich sei er jedoch ein Agitator, der die Regierung beschädigen wolle, ohne Rücksicht darauf, wer am Ende verletzt werde. "Genauso wie das First Amendment keine Lizenz dafür ist, in einem vollen Theater ,Feuer!' zu schreien, ist es keine Lizenz dafür, die nationale Sicherheit zu gefährden."

Die britische Financial Times zweifelt dran, dass die Verhaftung Assanges spurlos an Wikileaks vorbeigehen werde. Zwar hätten sich offenbar Hacker mit dem Onlinedienst solidarisiert und die Zahlungsdienstleister Paypal und Postfinance attackiert, die ihre Zusammenarbeit mit Wikileaks beendet hatten. Gleichwohl werde die finanzielle Unterstützung für die Seite zwangsläufig schrumpfen, da auch Visa und Mastercard erklärt hätten, keine Zahlungen mehr an Wikileaks zu transferieren. Die Medien, die ihre Informationen von Wikileaks erhielten, könnten zwar auch ohne Assange ihre Veröffentlichung der verbliebenen Kabel fortführen. "Ob aber Wikileaks eine längere Abwesenheit des lebhaften Mister Assange überstehen wird, diese Frage ist so schwierig zu beantworten wie die nach der tatsächlichen Größe der Organisation."

Forbes porträtiert nach der Verhaftung Assanges das einzig verbleibende "öffentliche Gesicht" der Organisation, den isländischen investigativen Journalisten Kristinn Hrafnsson, der seit April für Wikileaks arbeite. Zwar sei unklar, ob Hrafnsson formell jetzt die Organisation leite, gleichwohl habe sich in den vergangenen Mobaten abgezeichnet, dass die Webseite ihre Strukturen allmählich nach Island verlagere. Im November habe Hrafnsson erklärt, Wikileaks habe in Island eine Firma gegründet. Im Vergleich zu Assange sei Hrafnsson eine viel schweigsamere Person, die keinen Gefallen am grellen Rampenlicht finde.

Für die Wirtschaftswoche ist die Datenspionage am Beispiel von Wikileaks nur der Anfang. Im Zeitalter digitaler Kriege ließen sich Wasserversorgung, Handynetze und sogar Kraftwerke über das Netz lahmlegen, da vernetzte Computer alle Bereiche unseres Alltags prägten. Besonders Deutschland sei nach Ansicht von Experten besonders anfällig für elektronische Attacken. "Vor allem, weil die Unternehmen ihr Geschäft aus Kostengründen schneller digitalisiert haben als Wettbewerber in anderen Ländern. Dass Autokäufer ihre Karossen inzwischen online konfigurieren und Supermarkt-Tiefkühltruhen automatisch neue Ware ordern können, ist Ausdruck dieser totalen Automatisierung." Hinzu komme, dass viele Firmen auch Kraftwerkssteuerungen, Telefonanlagen oder Maschinen via Internet warten ließen, was das Risiko für Cyber-Angriffe dramatisch erhöhe. So verkehre sich der ursprünglich Ansatz, alle und alles kostengünstig und komfortabel via Internet miteinander verbinden zu können, - aus Sicherheitsgründen - plötzlich ins Gegenteil.

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Kommentare zu " Presseschau: Der heiße Tanz um Assanges Auslieferung"

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  • US-botschafter Philip Murphy ist ja ein Scherzkeks, sehr unterhaltsam. Der erinnert mich mit seinem Geschreibsel an "Comical Ali" (http://www.youtube.com/watch?v=s27Oq5ot0Zi) - inkompetente Parolen ohne analytischen Tiefgang, eben typisch amerikanisch.

    Es lohnt sich wirklich den Artikel der FTD (http://www.ftd.de/politik/international/:kolumne-horst-von-buttlar-noch-mal-enthuellt-murphys-beichte/50202291.html) zu lesen.

  • ...ein Krieg gegen den irak, der mit der Unwahrheit begründet wurde, dass dort angeblich Atomwaffen existieren würden.

    ...ein zweifelhafter Haftbefehl.

    Für die Wahrheit lohnt es sich immer auf die zweite Nachricht zu warten! Auf die USA lohnt es sich aber nicht mehr zu warten.

    Sicher ist es nicht schön, dass die Dokumente veröffentlicht wurden. Einem Land wie den USA gilt aber mit diesen zweifelhaften Geschichten eine ganz besondere Aufmerksamkeit. Hier vergreift sich ein Land an unseren Menschenrechten.

    ich sehe nicht ein, dass die USA mit dieser Form der "Diplomatie" unsere Freiheit weiter demontiert.

  • Gute Zusammenstellung der Presseschau. Nur die Wirtschaftswoche hat entweder nicht begriffen (Redakteur über 45 Jahre alt??), worum es hier geht oder plädiert offenbar grundsätzlich für eine Abschaffung des offenen internets und damit in einem auch gleich der Pressefreiheit. :-) (Denken hilft!)

    @Frauen: Keine Sorge, das sind entweder bestechliche Prostituierte oder sie werden den Vorwurf irgendwann zurücknehmen müssen. bis dahin bekommt J.A. viel besuch von Geheimdienstlern.

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