Presseschau: Die hässliche Fratze der Schuldenkrise

Presseschau
Die hässliche Fratze der Schuldenkrise

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die populistischen und nationalistischen Eruptionen in Griechenland. Deutschland müsse sich Nazi-Vergleiche nicht gefallen lassen.  
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Die britische Financial Times nimmt die Bundesrepublik in Schutz vor einer Welle des Deutschland-Bashings, die sich vor allem in Südeuropa breitmache. So verglichen griechische Zeitungen das Verhalten  der Deutschen in der Eurokrise mit der Besatzung Griechenlands durch die Nazis. Aber auch der britische Premier David Cameron sage in einer höflicheren Form, dass Deutschland mehr leisten und zahlen müsse, um den Euro zu retten. Von Deutschland werde etwa die Einführung von Eurobonds gefordert, außerdem ein Konjunkturprogramm für die eigene Wirtschaft, um den Import von Gütern aus Südeuropa anzukurbeln. Dabei habe Berlin bereits 211 Milliarden Euro an verschiede Rettungsfonds überwiesen, etwa 70 Prozent des Jahresbudgets. Auch der deutsche Widerstand gegen Eurobonds sei richtig, schließlich würde das Land für die Schulden anderer mithaften, ohne Kontrolle über die Verwendung der Gelder zu haben. Außerdem sei es unklar, wie man Deutsche dazu bekommen soll, südeuropäische Waren zu kaufen. „Vielleicht sollte man Voucher verteilen, die dann gegen einen Pauschalurlaub am Mittelmeer eingetauscht werden können“, ätzt das Blatt. 

Das Wall Street Journal schaut unterdessen nach Griechenland und fragt nach den Schuldigen für die Randale vom Wochenende.  Da seien zunächst die beiden führenden Parteien, von denen eine über den finanziellen Zustand des Landes gelogen und die anderen nichts dagegen unternommen habe. Die Gewerkschaften hätten ihrerseits Reformen stets verhindert und die Wirtschaft mit Streiks paralysiert. Die Anarchisten ließen auch keine Gelegenheit zur Randale aus. Die Griechen seien offenbar nicht in der Lage, zwischen einer weiteren Sparrunde und einem erneuten Bailout oder dem Austritt aus dem Euro zu wählen und die Konsequenzen eines Staatsbankrotts zu akzeptieren. Stattdessen sei es einfacher, ausländische Kreditgeber als Diebe zu bezeichnen – dafür, dass sie die Rückzahlung ihrer Darlehen fordern, die für einen Sozialstaat ausgegeben worden seien, den sich Griechenland hätte allein nie leisten können. Zur Not könne man aber auch den Deutschen die Schuld in die Schuhe schieben.

Der australische Business Spectator sieht Griechenland auch nach der erfolgreichen Abstimmung im Athener Parlament über ein neues Sparpaket vor  gewaltigen Herausforderungen. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel habe bereits klar gemacht, dass der zweite Bailout an Bedingungen geknüpft sei. Die Griechen müssten noch weitere 325 Millionen Euro sparen; die Politiker sollten sich verpflichten, auch nach den kommenden Wahlen und einem möglichen Regierungswechsel die Sparpläne zu erfüllen, und drittens dürfe das Land seine Verhandlungen mit den privaten Gläubigern nicht beenden. Doch selbst wenn das Land diese Forderungen erfülle, hätten Europas Politiker immer mehr Zweifel an dem Kreislauf aus Sparmaßnahmen und Bailouts für den verschuldeten Staat. Angela Merkel bekomme bereits Gegenwind aus der eigenen Partei, und auch in Frankreich habe sich der ehemalige Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing vor Abgeordneten für einen Austritt der Griechen aus der Eurozone ausgesprochen.    

Die Süddeutsche Zeitung sieht das Sparpaket dagegen als einen wichtigen Schritt in Richtung einer Lösung für die Eurokrise, die nun ihre „furchteinflößende Dimension“ verloren habe. Die griechischen Abgeordneten hätten Fakten geschaffen auf die es in Zeiten von Spekulationen und Vorurteilen ankomme. Deswegen verdiene das Spar- und Kürzungspaket Respekt. Jetzt werde sich kein Land der Eurozone der Hilfe verweigern können. Die Gläubiger müssten nun den Glauben aufbringen, dass der Teufelskreis aus Verschuldung, Rezession und Kredithunger durchbrochen werden könne. Die populistischen und nationalistischen Eruptionen in Griechenland wie auch in Deutschland ließen die zerstörerischen Kräfte ahnen, die die Krise noch freisetzen könne. Die Deutschen müssten sich die Nazi-Beschimpfungen nicht gefallen lassen, weil man viel gegeben habe. „Aber: Ist das nicht eine jämmerliche Pose der Kränkung, gemessen an den eigentlichen Opfern der Krise“, fragt das Blatt?

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Putin warnt vor sozialer Ungleichheit

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  • Nennen wir die Dinge doch mal beim Namen. Es sind ja nicht nur die Reichen in Griechenland, die den Staat zugesetzt haben. Mit überhöhten Rentenzahlungen und Sozialleistungen konnte man in Griechenland prächtig Wahlen gewinnen, und ein bisschen Steuerhinterziehung hier und da gefiel bis weit in alle Schichten hinein.
    Zur Euroeinführung gab es vielleich kein Referendum. Angesichts der hohen Zustimmung in Griechenland zum Euro bei seiner Einführung war das ja wohl auch kaum nötig. Sprich: Übertriebene soziale Wohltaten waren beliebt und Garant für Wahlsiege. Grenzwertige Steueroptimierung, um es vornehm auszudrücken, war fast überall in Griechenland populär und die Euroeinführung megamäßig populär. Tun Sie also doch nicht so, als wäre das alles nur eine Oberklassenverschwörung gegen den Mehrheitswillen der Bevölkerung gewesen. Die Reichen mögen von Steuerhinterziehung und übereilter Euroeinführung besonders profitiert haben, aber mitgemischt haben fast alle Griechen gerne und kräftig. Ich pauschalisiere also keineswegs.

  • Als Buchautor kann man schon erwarten, dass Sie weniger generalisieren und exakter formulieren. Zitat: die Griechen erlauben ihren Reichen den Steuerhinterzug. Als ob der Durchschnittsgrieche da irgendetwas zu sagen hat. Und wer hat sich die Mitgliedschaft in der EU erschlichen? Der Durchschnittsgrieche? Der Durchschnittsgrieche hat solche Bilanzen wahrscheinlich in seinem ganzen Leben noch nie gesehen. Gab es vielleicht ein Referendum in Griechenland zum Thema? Mir ist da nichts bekannt. Somit sollte man sich schon vor Augen halten, dass es in Griechenland scheinbar eine Kaste von Leuten gibt, die einen klaren Kurs verfolgt und wo der Durchschnittsgrieche jetzt die Ohrfeigen dafür bekommt aufgrund von fehlender Differentiation.

  • Bischen matt die Antwort - aber niveauentsprechend!

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