Presseschau
Die Lehren aus den Wikileaks-Enthüllungen

Die Internationale Wirtschaftspresse debattiert die möglichen Folgen, die die peinlichen Enthüllungen auf der Internetplattform Wikileaks haben könnten – für die USA und andere Länder, aber auch für Unternehmen. So sollen als nächstes die Banken den Hauch der Transparenz zu spüren bekommen.
  • 1

Die neusten Enthüllungen von Wikileaks werden mit Sicherheit die Außenpolitik der USA beschädigen, glaubt das Wall Street Journal. In den meisten Fällen lichteten sie zwar nur den Vorhang über bereits bekannte Streitpunkte und Eigenschaften der globalen Führer. In einigen Fällen jedoch werde der durch Wikileaks angerichtete Schaden echt sein, denn effektive Außenpolitik brauche Vertraulichkeit im Detail. „Ausländische Offizielle werden nur dann ehrlich mit US-Botschaftern sprechen, wenn sie glauben, dass sich ihre Worte nicht sofort auf den Titelseiten der weltweiten Presse wiederfinden“, schreibt das Blatt. Eine Lektion sei, dass es im Zeitalter des Internet deutlich schwieriger sei, Dinge geheim zu halten. „Unsere Regierung wird lernen müssen, weniger Geheimnisse zu haben und sie einem kleineren Personenkreis anzuvertrauen“, fordert das Blatt. Davon abgesehen diene Julian Assange nicht dem Interesse der freien Gesellschaft. „Seine massenhafte, wahllose Aufdeckung von allem, was den Stempel „Geheim“ trägt,ist ein feindlicher Akt gegenüber einer Demokratie, die gegen Mächte kämpft, die Unschuldige umbringen“, poltert das WSJ. Um ihn zu stoppen, könne die US-Regierung sicherlich mehr tun, als nur einen strengen Brief zu schreiben.

Die britische Financial Times springt dagegen für den WikiLeaks Gründer Assange in die Bresche. Wenn Beweise für Fehler derer, die an der Macht seien, unterdrückt würden, dann sei ihre Veröffentlichung ein „Dienst an der Öffentlichkeit“, ist das Blatt überzeugt. Ein Großteil der Information sei ohnehin kaum überraschend. US Diplomaten würden wie ihre Kollegen im Ausland spionieren und für ihr Land lügen. Vollständige Fakten über die Handlungen der Regierungen, erlaubten es den Bürgern jedoch, sich ein besseres Urteil zu machen. „Dies bedeutet jedoch nicht, dass alle Informationen in den öffentlichen Bereich gehören“, schränkt das Blatt ein. Damit Staatsangelegenheiten effektiv geführt und die Sicherheit der Bürger gewährleistet werden könnten, müssten einige Geheimnisse bestehen bleiben. Eine Konsequenz könne sein, dass die Kommunikation der Diplomaten mit ihren Zentralen besser geschützt werden müsse. „Es wäre sehr bedauerlich, falls der wichtige Fluss diplomatischer Informationen dem Kreuzzug der Wikileaks-Betreiber für die Transparenz zum Opfer fallen würde“, meint die Zeitung.

Noch nie sei eine Großmacht mit so vielen Dokumenten bloßgestellt worden, stellt die Financial Times Deutschland fest und fügt an: „Es wird voraussichtlich auch das letzte Mal sein.“ Denn die USA – und nicht nur sie – verschärften jetzt die Regeln für den Umgang mit sensiblen Daten. „Man könnte auch sagen: Die amerikanische Regierung ist endgültig im Internetzeitalter angekommen.“ Dass viele Menschen per elektronischem Datenaustausch sehr einfach Zugang zu Informationen erhielten, sei der größte Vorteil und Nachteil zugleich. Vor der US-Regierung hätten das bereits Softwarefirmen, Musiklabels und Filmstudios leidvoll erfahren – all jene, deren Produkte millionenfach Raubkopieren worden seien, seit sie auf elektronische Datenträger umgestiegen seien. Das Problem demokratischer Regierungen sei äußerlich etwas anders gelagert, im Kern jedoch ähnlich: „Wenn sie die Vorteile der elektronischen Kommunikation voll ausnutzen wollen, um Informationen schnell durch ihren eigenen Verwaltungsapparat und zu Entscheidungsträgern zu schleusen, riskieren sie, dass ein Einzelner das für kriminelle Zwecke ausnutzt“, bringt es die FTD auf den Punkt. Regierungen müssten sich gegen solche Fälle mutwilligen Datenklaus schützen, damit vertrauliche Kommunikation möglich bleibe, ist das Blatt überzeugt. Das werde die Transparenz und die Informationsmöglichkeiten einschränken, die sich viele von der elektronischen Vernetzung erhofft hatten. „Es wäre ja auch zu schön gewesen.“

Seite 1:

Die Lehren aus den Wikileaks-Enthüllungen

Seite 2:

Kommentare zu " Presseschau: Die Lehren aus den Wikileaks-Enthüllungen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Wenn jemand Daten, die ihm freiwillig und ohne Zwang und ohne bestechung übergeben werden, und dieser jemand dann die Daten öffentlich macht, hat dieser jemand die Daten noch lange nicht entwendet.

    Wenn eine Firma Daten von EC-Kunden zu derem Kauf- und Konsumverhalten speichert und an Dritte weiter gibt, ist das deutlich die gleiche baustelle.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%