Presseschau
„Die Logik des Extremismus ist universal“

Die internationale Presse warnt nach den Mordanschlägen in Norwegen vor allzu schnellen Forderungen nach neuen Gesetzen oder neuer Sicherheitspolitik – und hofft, dass das Land offen und liberal bleibt. Weitere Themen: Mit der US-Schuldenkrise droht ein Armageddon, die Ergebnisse des EU-Gipfels zu Griechenland stimmen ambivalent. Die Presseschau.
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Es gibt „keinen Schutz vor Wahnsinn“, befindet die Financial Times Deutschland zu den Mordanschlägen in Norwegen. Denn auf die Frage, ob man mit schärferen Waffengesetzen, Aufklärungsarbeit gegen rechts oder irgendeiner Forderung bewirken könne, dass die Gesellschaft solchen Taten künftig nicht hilflos ausgesetzt ist, laute die Antwort: „Leider wird das sehr schwierig sein.“ Dieser Mörder habe sich eine verquere Ideologie aufgebaut „aus jener Fremdenfeindlichkeit, die es überall und zu jeder Zeit zu finden gibt - verstärkt auch seit einiger Zeit in den skandinavischen Ländern.“ Zudem habe er von einer „islamischen Kolonialisierung“ gefaselt, wie es auch mancher Kulturkämpfer aus der Mitte unserer liberalen Gesellschaften tue. „So schwer es fällt: Man kann aus diesem Amoklauf keine Konsequenzen ziehen.“ Es bleibe nur eine bittere Erkenntnis: „Offene Gesellschaften zahlen einen hohen Preis.“

Der Schock über die Gräueltaten in Norwegen habe viele Menschen fassungslos gemacht, denn immerhin gelte Norwegen vielen als „neutrales Land“, beobachtet das Wall Street Journal. „Doch Norwegen ist nicht neutral: Es ist Gründungsmitglied der NATO, wird von Al Qaida in Videobotschaften als Teilnehmer am Krieg gegen die Muslime genannt, ist mit Soldaten in Afghanistan vertreten und hat Mullah Krekar, den Gründer der Kurdischen Terroristengruppe Ansar al-Islam, unter Hausarrest gestellt“, zählt das Blatt auf. Der Mordanschlag zeige, dass Norwegen nicht immun sei gegen solche Taten, egal welche Außen- oder Innenpolitik das Land verfolge. Doch das Blatt ist überzeugt, dass Norwegen in dieser Stunde der Trauer wie andere freie Gesellschaften, die mit Terror konfrontiert wurden, mit Urteilskraft, Mut und Belastbarkeit reagiert.

Die Süddeutsche warnt davor, in den Anschlägen die „Tat eines Verwirrten“ zu sehen. Wichtig wäre vielmehr, über die politischen Motive nachzudenken. Der Täter habe sich die Insel Utoya ausgesucht, weil er hier die Sozialdemokraten „zu fassen bekommen konnte“, eine Partei, die für die relativ liberale Einwanderungspolitik Norwegens stehe, die die Rolle einer „integrierenden Instanz“ erfülle. Immerhin seien auf den Bildern aus dem Camp viele Immigrantenkinder zu sehen gewesen. In diese Gemeinschaft sei der Attentäter eingedrungen, als „Herold eines Krieges“ wider „Kulturmarxismus und Islamisierung“, als „Ein-Mann-Freikorps und individuelle Verkörperung“ eines Jüngsten Gerichts über den „Multikulturalismus“, der letztlich nur ein anderer Ausdruck für den „Verrat an Volk und Vaterland“ sei. Der Täter habe die Jugendlichen erschossen, die er sich zu Feinden erwählt hatte, er habe die Opfer gebraucht, um seinem Manifest das Gewicht einer Botschaft zu geben, die niemand ignorieren könne. „Diesen Ernst zu verstehen - darum geht es jetzt. Denn dies war nicht die Tat eines Verwirrten.“

„Wir sollten versuchen sicherzustellen, dass die Kinder und Jugendlichen auf der Insel Utoya nicht umsonst gestorben sind: Wir sollten aus dem heutigen Horror Lehren für die Zukunft ziehen“, schreibt die Financial Times. Die Behörden in Norwegen hätten überaus korrekt gehandelt, indem sie nicht über die Identität des Mörders spekulierten, doch die Medien, in Norwegen, aber auch weltweit, hätten sofort an islamistischen Terror gedacht. „Dass es sich um einen anti-islamistischen Norweger handelt, sollte uns innehalten lassen: Es zeigt, dass die verquere Logik des Extremismus universal ist.“ Das Land sei stolz auf eine Gesellschaft, in der Sicherheit und Überwachung keine allzu große Bedeutung gegeben werde. „Premierminister Jens Stoltenberg hat geschworen, dass das Land seine Offenheit nicht ablegen wird.“ Doch es bestehe Sorge, dass er und norwegische Politiker unter den drängenden Fragen nach Sicherheitspolitik nachgeben könnten. „Norwegen hat die Gefahr, die im Land selbst brodelt, unterschätzt, genauso wie auch andere europäische Staaten. Mit Norwegen müssen sie sich ihren Dämonen stellen, jetzt.“

Die russische Zeitung Vedomosti sieht nach dem Terroranschlag von Oslo die nationalistischen Parteien Europas, die in letzter Zeit im Aufwind seien, stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Die Tat sei ein Beweis dafür, dass „Worte des Hasses sich in Taten verwandeln können“. Der Umgang mit diesen Parteien werde sicherlich nicht mehr der gleiche sein. Die politischen und sozialen Folgen der Tragödie seien nicht abschätzbar. Offensichtlich sei jedoch, dass Norwegen auf einen solchen Angriff nicht vorbereitet gewesen sei. „Dass eines der zivilisiertesten Länder Europas einen Terroristen hervorbringen kann, passte nicht in das Bewusstsein der Norweger“, schreibt das Blatt. Dies gelte auch für die Sicherheitsdienste, die trotz einiger Hinweise im Internet die Tat nicht haben verhindern können.

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