Presseschau: Die selbstverschuldete Schwäche der Euro-Zone

Presseschau
Die selbstverschuldete Schwäche der Euro-Zone

Die Wirtschaftspresse sorgt sich weiter um Griechenlands und Europas Zukunft – und verströmt nur bedingt Optimismus. Außerdem: Amerika stänkert gegen Frankreich und warum der Ruhestand überschätzt wird. Die Presseschau.
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Vor der Krise, genossen alle Eurozonen-Regierungen den Nutzen kollektiver Vertrauenswürdigkeit, Kooperation und Solidarität in Form bevorzugter Finanzkonditionen, die das Wohlergehen Europas widerspiegelten, stellt der Gastkommentator der britischen Financial Times fest, der Direktor der Zentralbank Zyperns. Doch das Investorenvertrauen sei in den vergangenen zwei Jahren heftig erschüttert worden. Zugegeben: Sparmaßnahmen wie in Griechenland, der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit oder auch aktuelle Haushaltsungleichgewichte – all dies habe zur Erosion des Vertrauens beigetragen, hebt der Gastkommentator hervor. Aber die Ansteckung so vieler Eurozonenmitglieder deute auf ein grundlegenderes Problem: das unvollendete Design der Eurozone. Die auf dem Deauville-Gipfel beschlossene Haftungsbeteiligung privater Gläubiger aufzuheben, könne Zuversicht zurückbringen, weil es Kosten senke. Doch für was private Gläubiger nicht hafteten, müsse der griechische Staat aufbringen. Der Schlüssel zu mehr Zuversicht ist: Vertrauen.

Für das Wall Street Journal ist eine zumindest teilweise Staatspleite Griechenlands ausgemachte Sache. Die Aussage von Griechenlands Premierminister Lucas Papademos am Mittwoch gegenüber Gewerkschaftern, wirke unglaubwürdig, ein 50-Prozent-Schuldenschnitt auf griechische Anleihen werde innerhalb der kommenden zwei Wochen besiegelt werden. „Es könnte bereits unmöglich sein, die Pleite zu vermeiden“, glaubt das Blatt. Natürlich könne eine Einigung auch ohne Wackelkandidaten unter den Gläubigern wie etwa Hedgefonds erzielt werden. Doch auch wenn ein Deal zustande käme, werde der möglicherweise nicht reichen, um einen zumindest teilweisen Ausfall zu verhindern. „Darauf vorbereitet zu sein, wäre nicht das schlechteste, was Griechenland passieren könnte“, hält das WSJ fest. „Unvorbereitet zu sein, oder jedem vorher zu erzählen, dass ein Ausfall dem Ende der Welt gleichkomme, wird es nur schlimmer machen.“

In diese Kerbe schlägt auch der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), Olivier Blanchard, im IWF-Blog. „Wir wissen seit langem um sich selbst erfüllende Bank-Runs, sich selbst erfüllende Attacken gegen feste Wechselkurse sind der Stoff von Textbüchern, und wir haben früh in der Krise gelernt, dass Großfinanzierungen den selben Effekt haben können und Runs neben Banken auch Nicht-Banken treffen können“, doziert der IWF-Blogger, denn auch Wahrnehmung forme Realität. Beispiel Italien: Über den Sommer sei nicht viel passiert, aber als Italien erst einmal als Risiko wahrgenommen worden sei, ging diese Wahrnehmung auch nicht mehr weg. Aber auf diese komme es an. „Wenn die Investoren von „echtem Geld“ erst einmal den Markt verlassen haben, kommen sie nicht über Nacht wieder. So lasse sich erklären, warum das Jahr so viel schlechter geendet, als angefangen habe. „Alle Hoffnung verloren? Nein, aber die Erholung wieder auf die Schiene zu bringen, werde schwieriger als ein Jahr zuvor.“ Es brauche realistische Konsolidierungspläne, ausreichend Liquidität, Pläne, die nicht nur angekündigt, sondern auch umgesetzt würden und viel effektivere Zusammenarbeit. „Ich bin optimistisch, dass das passieren wird“, hält der prominente Ökonom fest. „Die Alternative ist zu unattraktiv.“

Auch Ungarn sei am Ende, hält die Financial Times Deutschland fest. Das Land befinde sich ökonomisch am Abgrund und politisch „in einer extremen Randlage, in wichtigen Bestandteilen schon nicht mehr Europa zugehörig.“ Ungarn stehe vor der Pleite. Der Forint sei auf neuem Rekordtief und fast zehn Prozent Zinsen für einjährige Anleihen halte kein Land lange durch. Obendrein sei Ungarn auch noch gezwungen, Finanzhilfen zurückzuzahlen, ohne zu wissen, wie. Die Regierung habe sich das selbst zuzuschreiben, urteilt die FTD. „Wer wie Orban die Notenbank zu seiner Marionette macht und im Schilde führt, die fälligen Kredite durch Plünderung der Devisenreserven zu bedienen, hat auf allen Finanzplätzen der Welt seine Glaubwürdigkeit verspielt.“ Auch radikal wirkende Sanktionen durch EU und IWF seien „angesichts der begrenzten politischen Sanktionsmechanismen pragmatisch und wirkungsvoll“. Premierminister Orban sei nicht so irre, Ungarn in den Ruin zu treiben, nur um Europa mitzureißen.

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  • es ist sehr schlimm was die Politik hier mit der Aufnahme von Griechenland in den EURO angestellt hat. WEN kann man denn haftbar machen fuer diese dilettantische Handhabung der Krise, dass sich das Land nicht halten kann war ja wohl von vorneherein klar ! wir sind AUSGELIEFERT !

  • Schön gesagt,aber können Schweine fliegen ?

  • Schön gesagt,aber können Schweine fliegen ?

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