Presseschau
Die vergebliche Sisyphusarbeit der Börsen

Die internationale Wirtschaftspresse fragt nach der gestoppten Fusion von NYSE und Deutscher Börse, ob der ganze Aufwand nötig gewesen sei. Oder waren die Egos zweier Manager größer als der zu erwartende Ertrag?
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Die britische Financial Times hält das Fusionsverbot der EU für die Deutsche Börse und die NYSE Euronext für falsch. Die Behörden seien davon ausgegangen, dass beide Börsen über 90 Prozent des Derivatehandels auf sich vereinen würden. Dabei hätten sie den weitaus größeren, außerbörslichen Handel mit Derivaten nicht als Konkurrenz betrachtet. Zudem hätten sie den Druck seitens der US-Konkurrenz für die fusionierte Börse ignoriert, genauso wie die Vorteile der geplanten Fusion in Form von Einsparungen von drei Milliarden Dollar. Trotzdem drehe sich die Welt weiter, und ein Einspruch gegen die Entscheidung erscheine wenig aussichtsreich. Der größte Verlierer scheine derweil die NYSE Euronext zu sein, die bis zu 90 Prozent mit direkten Geschäften verdiene und keinen starken Service-Zweig besitze.

„Der Traum ist aus“, kommentiert La Tribune aus Frankreich das Veto der EU-Kommission. Vergebens hätten die Spitzen beider Börsen, Reto Francioni und Duncan Niederauer, versucht, die Definition des Begriffs des „relevanten Marktes“ - in Bezug auf den Derivatehandel und die von der EU befürchtete Dominanz der beiden in diesem Geschäft - in ihrem Sinne zu verändern. Umsonst hätten sie José Manuel Barroso angeboten, vor allen EU-Kommissaren die Vorteile ihrer Fusion zu erläutern. Zwei Motive lägen der Entscheidung der EU-Kommission wohl zugrunde: „Der Wille, möglichen Missbrauch aus der marktbeherrschenden Position des neuen Unternehmens heraus zu verhindern. Und der Anspruch, die Silostruktur der beiden Börsen, die in der gesamten Wertschöpfungskette des Wertpapierhandels mitmischen, aufzubrechen.“

Die Süddeutsche Zeitung glaubt angesichts der gelassenen Reaktionen seitens der beiden Unternehmen nach der geplatzten Fusion, dass diese gar nicht so wichtig und nötig gewesen sei, wie es die Chefs der beiden Börsenplätze stets behauptet hätten. Noch vor einem Jahr hätten beide erklärt, das Überleben der Deutschen Börse und der NYSE Euronext hänge von der Fusion ab. Nun fragt sich die Zeitung, ob der ganze Aufwand im Vorfeld des Deals es wirklich wert gewesen sei. „Waren die Egos zweier Manager wieder mal größer als der zu erwartende Ertrag?“, verweist das Blatt auf die gescheiterte Firmenfusion zwischen Daimler und Chrysler.

Die Börsen-Zeitung vergleicht den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Börse, Reto Francioni, mit dem griechischen Mythoshelden Sisyphos, dessen Felsblock immer kurz vor dem Gipfel des Berges entglitt und der die Arbeit neu beginnen musste. Die Liste der Pleiten für die Deutsche Börse sei mittlerweile ziemlich lang. Der Finanzplatz habe bereits zwei Mal erfolglos versucht, die Börse in London an Land zu ziehen. 2004 seien eine Fusion mit der Schweizer Börse sowie Gespräche mit der Borsa Italiana gescheitert. Hinzu kämen noch acht gescheiterte Deals mit anderen globalen Börsen. „Welch eine Vergeudung von finanziellen und personellen Ressourcen!“, kommentiert das Blatt. Ein ganzes Jahr seien wichtige Teile des Managements durch die Fusionsgespräche blockiert gewesen. Die Folge dürfte sein, dass große Fusionsprojekte, wenn schon nicht ein für alle mal, so doch zumindest für einen längeren Zeitraum für die Unternehmensleitung tabu sein werden, weil sie nach dem erneuten Scheitern kaum zu rechtfertigen seien.

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