Presseschau
Dollar-Crash – die Mutter aller Krisen?

Die Internationale Wirtschaftspresse gewinnt dem schwachen Dollar auch schöne Seiten ab. Das Wall Street Journal findet, Europa solle sich beim neuen deutschen Wirtschaftswunder ruhig etwas abschauen. La Tribune spottet über die Vier-Milliarden-Dollar-Frage.
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Die Onlineredaktion des manager magazin ist alarmiert von einer Mitteilung der chinesischen Ratingagentur Dagong Global Credit Rating. Die habe pünktlich zum G20-Gipfel wissen lassen, dass die Weltwährung Dollar am seidenen Faden hängt. „Starker Tobak“, ächzt das Blatt. „Ein Dollar-Crash – das wäre die Mutter aller Krisen.“ Und schließlich sei China als wichtigster Kreditgeber des amerikanischen Staates ernstzunehmen. Denn: „Nur solange der Rest der Welt bereit ist, dem amerikanischen Staat Dollar-Anleihen abzukaufen, sind die USA ein Topschuldner. China – Eigner der größten Dollar-Reserven der Welt – kommt in diesem Spiel die entscheidende Rolle zu.“ Verlöre der Dollar seinen Status als Weltwährung Nummer Eins, könnten sich die USA nicht mehr in eigener Währung zu niedrigen Zinsen finanzieren. Dann könne dies „zu einem Abwärtsdruck auf das Rating führen“, zitiert die Internetseite des Magazins die Ratingagentur Standard & Poors. Wegen der dadurch sprunghaft steigenden Zinslast werde ein Staatsbankrott wohl nur durch „unbegrenzte Treasury-Käufe seitens der Fed abgewendet werden“ können, schaudert das mm. „Schon die Herabstufung der amerikanischen Bonität – sagen wir, auf japanisches oder italienisches Niveau – hätte weltweit dramatische Folgen.“ Wohl wegen der desaströsen Folgen sei ein Dollar-Crash bislang nicht eingetreten. Mit Blick auf die zunehmende, berechtigte Kritik an den USA solle es beim G20-Gipfel in Seoul vor allem um Beschwichtigung gehen – „um die Mutter aller Krisen zu verhindern“.

Die Financial Times Deutschland hält die grassierende Angst vor einem Währungskrieg für unbegründet – zu einer Abwärtsspirale der Weltwirtschaft werde es nicht kommen, ebenso wenig zu Zuständen wie zu Beginn der 30er-Jahre. Beim vermeintlichen Abwertungswettlauf der Währungen werte effektiv keine der beteiligten Währungen gegenüber den übrigen am Wettlauf beteiligten Währungen ab, „lediglich die langfristigen Zinsen fallen noch weiter und die Geldmenge wird deutlich erhöht“, ist die FTD überzeugt. Im schlechtesten Fall sei der Einfluss auf das reale Bruttoinlandsprodukt gering, und in erster Linie steige die Inflation. Selbst den ebenfalls gefürchteten Protektionswettlauf hält das Blatt weder für wahrscheinlich noch schädlich. Die Gefahr sei vor allem auf die USA und China beschränkt. Und ein solcher Wettlauf werde weniger weite Kreise ziehen, als Anfang der 30er. Damals habe sich jede einzelne Volkswirtschaft abgeschottet. Innerhalb der Euro-Zone oder der gesamten EU sei eine solche protektionistische Politik ausgeschlossen. Zwischen den USA (und Kanada) und der EU sei die Gefahr gering. „Im Extremfall droht eine Zuspitzung zwischen den USA und China“, erwartet die FTD. Schlimmstenfalls komme es zu einer Zweiteilung der Wirtschaftswelt: die USA und Europa auf der einen und China auf der anderen Seite. „China würde also de facto von der Weltwirtschaft ausgeschlossen“, kalkuliert das Blatt. „Der Schaden für die westlichen Industriestaaten würde sich dagegen auf steigende Preise für einige Massengüter beschränken.“

Auch das US-Wirtschaftsmagazin Fortune mag den schwachen Dollar nicht nur schlecht finden. Immerhin habe der schwächere Dollar den USA geholfen, merklich mehr Güter und Dienstleistungen billiger zu verschiffen. „Obwohl ein Dollarrückgang nicht unbedingt eine gute Lanzeitstrategie für Wirtschaftswachstum ist, kann ein Exportanstieg zumindest kurzfristig wirlich helfen, das Bruttoinlandsprodukt zu steigern.“ Wenn es an der Strategie der Geldmengenerhöhung überhaupt etwas positives gibt, dann dass es einen schwachen Dollar aushebele und Handel eher ermutige als blockiere. Nach einem Jahreshoch am 7. Juni habe sich der Dollar abgeschwächt – um 7,5 Prozent gegenüber einem Korb von Leitwährungen bis Ende Oktober und um kolossale 18 Prozent gegenüber dem Euro. Derweil bleibe der US-Exportausblick stark. Im September seien die US-Exporte auf das höchste Niveau in zwei Jahren geklettert. „Es ist wahr, dass Exporte nur rund zwölf Prozent der US-Wirtschaftsleistung ausmache“, räumt das Blatt ein, aber mit einem so anämischen BIP, könne sich der Exporttrend kurzfristig zu einem Wachstum addieren. „Eine kritische Zeit für den freien Handel“, zitiert das Magazin einen Finanzwissenschaftler. Mit großen Problemen der Weltwirtschaft, die man besser nicht verschlimmern solle. „Weitergedacht, könnten die USA also entweder eine schlechte Situation verschlimmern oder eine schlechte Situation ein bisschen erträglicher machen“, resümiert das Blatt.

Die überhand nehmende Rhetorik des Währungskriegs schmecke nach den 1930er Jahren, stellt auch die Financial Times fest. Und zieht ein paar Lehren aus dieser „Raube-Deinen-Nachbarn-Periode“ für die G20-Gipfelteilnehmer. Nummer eins: Schon Gold als Referenzpunkt sei riskant, warnt das Blatt und beruft sich damit auf einen der führenden Goldstandardexperten, Barry Eichengreen, demzufolge der Goldstandard selbst die finanzielle Stabilität und den Wohlstand zwischen den Weltkriegen bedroht habe. Zweite Lektion: Defizitländer hätten seinerzeit Überschussländer übertroffen. Diese Lektion sei schmerzvoll für die Europäische Währungsunion, denn die diszipliniere heute weit stärker als der Goldstandard damals. „Griechenland und andere südeuropäische Länder, die den deutschen Überschuss ausglichen sind nun gezwungen zu deflationieren, während Deutschland entschlossen die Bürde der Anpassung Südeuropa auferlegt“, kritisiert die FT. Eine Ironie sieht die Wirtschaftszeitung darin, dass die griechische Position heute der Deutschlands in den frühen 30ern ähnele, als Einsparungen die Schuldenlast nur hätten schwerer wiegen lassen. Lektion drei: China habe es damals aber nicht geholfen, mit seinem Silberstandard anstelle des Goldstandards fein raus zu scheinen. Die fehlende Wechselkurskontrolle habe dem Land nicht geholfen, als seine Währung damals unter Druck geraten sei. Die letzte Lektion der FT betrifft die Londoner Weltwirtschaftskonferenz 1933: Die Unfähigkeit, eine gemeinsame Lösung zu finden, stamme aus dem Fehlen einer gemeinsamen Diagnose. „Erwartungen an Seoul sollten nicht zu hoch angesetzt sein“, resümiert das Blatt.

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  • Guten Tag,..... Sehen Sie,.... ich mache schon sehr lange in Geld. im Laufe von fast 4 Jahrzehnten bin ich immer vorsichtiger mit Superlativen geworden. " Fuehrungsrolle; Neues Wirtschaftswunder, Super-Aufschwung, Maechtigste Frau der Welt ( Gott sehe uns bei ! ) boersen-Orakel." Hingegen nennt mann Schuesse in den Ofen noch immer in Amerika " Shit ". Ob nun davon geredet oder geschrieben wird. Erfahrungsgemaess wird meistens darin gewuehlt. besten Dank.

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