Presseschau
Eine Zeit nach Gaddafi

In die Freude über die Befreiung Libyens von einem Unrechtsregime mischen sich Zweifel, ob sich das Land zur Demokratie entwickelt. Die internationale Wirtschaftspresse entwirft erste Pläne für die Zeit nach Gaddafi.
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Die britische Financial Times entwirft einen groben Fahrplan für die Rebellen in der Zeit nach dem endgültigen Sieg über Gaddafi. Dass diese kommen werde, könne keiner ernsthaft anzweifeln, der die Jubelszenen der Aufständischen auf dem Grünen Platz in Tripolis beobachtet habe. Zunächst müssten die Rebellen Sicherheit herstellen. Ohne diese könne der Sieg in ein Blutbad zwischen den Rebellen, Regimeanhängern und Zivilisten kippen. Der Plan, auch Soldaten aus Gaddafis Armee für eine neue Truppe zu rekrutieren, sei weise. Auch die zivile Verwaltung müsse unbedingt aufrecht erhalten werden. Außerdem müssten die im Ausland sichergestellten 100 Milliarden Dollar Staatsvermögen wieder ins Land transferiert werden, am besten unter UN-Kontrolle. Schließlich müsse über einen Bodeneinsatz nachgedacht werden, falls der libysche Übergangsrat eine westliche Präsenz anfragen sollte.

Nach Einschätzung der Süddeutschen Zeitung hat Libyen die besten Voraussetzungen für die Zeit nach dem Umsturz. Das Land verfüge nicht nur über die größten Ölressourcen Afrikas, außerdem seien die neuen Machthaber nicht nur im Westen, sondern auch bei arabischen Ländern angesehen. Ob Libyen eine Demokratie werde, sei jedoch offen. Die Rebellen seien ein zusammengewürfelter Haufen aus Nationalisten, Demokraten, Islamisten und Stammesführern, der die Aufgabe habe, das Land zu einen. Andererseits könnte es auch zu einem Bürgerkrieg zwischen den Siegern kommen. Unabhängig vom Verlauf der libyschen Revolution würden die Ereignisse auch die Aufstände in Syrien und Jemen neu befeuern. Der syrische Präsident möge heute noch auf Demonstranten schießen lassen, morgen oder übermorgen werde auch er gehen müssen.

Das Wall Street Journal wundert sich über die Reaktion in den USA auf den bevorstehenden Sieg der Aufständischen in Libyen. Viele Republikaner zeigten nur zögerlich ihre Befürwortung für die Rebellen, möglicherweise aus Angst, dies könne irgendwie Obama helfen. „Statt über die kommenden Gefahren zu lamentieren, ist es an der Zeit, dem libyschen Volk für seinen Mut zu applaudieren und ihm beim Aufbau eines besseren Staates zu helfen“, mahnt das Blatt. Auch wenn die Gefahr von Stammeskämpfen in Tripolis real sei, so hätten die Rebellen in den letzten sechs Monaten gezeigt, dass sie nicht aufeinander losgingen und keine Al-Qaida-Marionetten seien. Die Nato müsse bei der Ausbildung neuer Truppen helfen, wenn dies erwünscht sei. Außerdem müssten UN-Sanktionen so schnell wie möglich aufgehoben werden.

Das überraschend schnelle Vordringen der Rebellen in die Hauptstadt wecke Hoffnungen, Libyen werde schon bald seine Öllieferungen wieder aufnehmen, berichtet die Börsen-Zeitung. Dies sei wohl auch der Grund für einen zwischenzeitlichen Preissturz der europäischen Ölsorte Brent um rund zwei Prozent. Sollten die Hoffnungen Realität werden, dürfte der europäische Ölpreis tatsächlich nachgeben. Das nordafrikanische Land sei vor dem Bürgerkrieg für immerhin zwei Prozent der weltweiten Förderung von Erdöl verantwortlich gewesen. Darüber hinaus sei das libysche Öl von besonders hoher Qualität wegen des niedrigen Schwefelgehalts. Noch bleibe der wichtigste Faktor beim Ölpreis jedoch die Konjunkturerwartung. „Sollten sich die makroökonomischen Frühindikatoren weiter eintrüben, wird es unweigerlich zu einem spürbaren Preisrutsch am Ölmarkt kommen“, prognostiziert die Zeitung.

Die russische Zeitung Vedomosti sieht eine Symbolkraft darin, dass das Ende des Gaddafi-Regimes in Libyen mit dem 20. Jahrestag des Endes der Sowjetunion zusammenfalle. Gaddafi habe nicht aus den Fehlern anderer Herrscher gelernt und alle Warnungen ignoriert. Immer wieder klammerten sich Herrscher an die entgleitende Macht, je länger, desto größer ihre Verluste. Auch in Russland werde angesichts des Jahrestages des Putsches von 1991 diskutiert, ob eine solche Revolution heute noch möglich wäre. Gleichzeitig überlege Putin, seine Herrschaft durch eine erneute Präsidentschaftskandidatur um zwei Amtszeiten à sechs Jahre auszudehnen. Das libysche Beispiel zeige jedoch, dass es für einen Politiker besser sei, nicht zu lange auf seinem Posten zu bleiben.

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