Presseschau
Europa bleibt ohne Superstars

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die Besetzung der neuen Spitzenposten in der Europäischen Union. Das Wall Street Journal zweifelt an den Erfolgen des US-Konjunkturprogramms 2009. Laut 21cbh will BMW in China mächtig wachsen. Veckans Affärer enthüllt ein geheimes Bonussystem für die Top-Manager von Ikea. Fundstück: Schönheit überlebt Krise.
  • 0

Die die EU-Staats- und Regierungschefs haben sich auf die Besetzung zweier neuer Spitzenposten geeinigt. Der belgische Regierungschef Herman Van Rompuy wird erster ständiger EU-Ratspräsident. Die bisherige EU-Handelskommissarin, die Britin Catherine Ashton, wird europäische Chefaußenpolitikerin.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sowie ihre Amtskollegen hätten charismatische Amtsinhaber auswählen können für die neuen Spitzenfunktionen, die mit dem Lissabon-Vertrag entstehen. Doch darauf hätten sie mit voller Absicht verzichtet, schreibt die Financial Times Deutschland . "Sie suchten Staatssekretäre für Europa, die im Hintergrund wirken, keine weltbekannten Selbstdarsteller." Bei EU-Gipfeln und G20-Treffen wollten Merkel & Co. das Rampenlicht nicht mit Europapräsidenten und-außenministern teilen. Dennoch müsse die Entscheidung nicht schlecht sein. Allein schon die Tatsache, dass sich die 27 Staats- und Regierungschefs innerhalb weniger Stunden auf die Personalien verständigten, sei ein gutes Signal. Der Flame Van Rompuy habe sein beeindruckendes Talent zum Kompromisseschmieden bewiesen, während die Bestellung Ashtons zur Außenministerin den Vorteil habe, dass ihr Heimatland Großbritannien wie kaum ein anderes dazu beitragen könne, dass die Gemeinschaft in der Weltdiplomatie Gewicht und Glaubwürdigkeit gewinnt.

Das Wall Street Journal wundert sich, dass sich die europäischen Regierungen trotz jahrelanger Diskussionen immer noch nicht einig seien, welche Rolle der EU-Ratspräsident erfüllen solle. Dies sei teilweise damit zu erklären, dass die Job-Beschreibung das "dünn definierte Ergebnis eines schon mehrere Jahre alten Kompromisses" sei - magere fünf Absätze im gigantischen Kompendium des EU-Rechts. Als Europa seinerzeit ohne Erfolg versucht habe, sich eine Verfassung zu geben, sei der Kompromiss zwischen den großen Ländern (die sich eine starke Persönlichkeit gewünscht hätten, die den Staaten-Block zusammenhält) und den kleineren Ländern (die jemanden bevorzugen, der Konsens herstelle und ihre eigenen Interessen schütze) entstanden.

Das französische Wirtschaftsblatt Les Echos schreibt Herman Van Rompuy, dem Dichter japanischer Haikus, eine "asiatische Würde" zu, die den 62-Jährigen allerdings nicht daran hindere, mit "schlauem Eigensinn" seine Ziele zu verfolgen. In vier Jahrzehnten bei den flämischen Christdemokraten sei Rompuy unter anderem als Finanzminister seinem "Lieblingssport", der Jagd nach Defiziten, nachgegangen. Als Premierminister habe Van Rompuy einen wesentlichen Anteil daran gehabt, den Streit zwischen der Mehrheit der Niederländisch sprechenden Flamen und der Minderheit der Französisch sprechenden Wallonen zu entschärfen.

Das Wirtschaftsblatt aus Österreich glaubt, dass der neue Ratspräsident niemanden regieren, sondern vielmehr koordinieren werde. Vor diesem Hintergrund sei die Bezeichnung "EU-Präsident" falsch: "Die Kompetenzen des Ratspräsidenten ähneln jenen von Barack Obama so stark wie der Stephansdom dem Empire State Building." Für Van Rompuy und Catherine Ashton bestehe eine große Herausforderung darin, die Balance im neuen System zu finden und sich nicht gegenseitig in die Agenden des jeweils anderen einzumischen. Für den Ratspräsidenten komme es außerdem darauf an, mit dem Regierungschef des jeweiligen Vorsitzlandes in der EU einen gemeinsamen Modus zu finden. Ashton wiederum erwarte ebenfalls eine "langwierige Identitätsfindung": "Eine große Unbekannte ist, wieviel Spielraum ihm der Kommissionspräsident einräumen wird. Während seiner ersten Amtsperiode hat Barroso die Zügel in der Brüsseler Behörde straff gehalten, berichten Insider. Dass er sie nun schleifen lässt, darf bezweifelt werden."

Die Business Times aus Singapur kommentiert skeptisch die Suche nach einem EU-Ratspräsidenten und-Außenminister. Von diesen Personalien hänge ab, ob die EU ein erfolgreicher Global Player werde oder ob sie in einer von den USA und China dominierten Welt in die Bedeutungslosigkeit zurückfalle. Schon die Liste der Kandidaten habe "den Puls nicht rasen" lassen. Interessanterweise wollten viele europäische Staatschefs offenbar keine starke Führungspersönlichkeit an der Spitze der EU, die sie selbst überschatten könnte. Die Union brauche jedoch eine starke Person an der Spitze, mit einer klaren Visionen, wie die EU künftigen Herausforderungen gegenübertreten solle, besonders im Umgang mit dem aufstrebenden Asien, fordert das Blatt.

Seite 1:

Europa bleibt ohne Superstars

Seite 2:

Seite 3:

Kommentare zu " Presseschau: Europa bleibt ohne Superstars"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%