Presseschau
Europäisches Kasperletheater

Die Wirtschaftspresse rekapituliert ein düsteres und chaotisches EU-Gipfelwochenende. Die Ergebnisse seien enttäuschend, der Umgang miteinander auf einem Tiefpunkt - und die ganze Krise langsam fade. Die Presseschau.
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Düsseldorf„Europa versucht, seine Krise mit Babyschritten zu lösen“, fasst das österreichische Wirtschaftsblatt seine Enttäuschung über die Ergebnisse des Brüsseler Gipfels in Worte. Europas Polit-Elite traue sich nicht zu, auf einem einzelnen Gipfel eine Lösung für die aktuelle Krise zu präsentieren. Das Problem: Bei ihren Hochrechnungen zum Finanzbedarf gingen sie stets von falschen Annahmen aus: „Statt kaltem Kalkül regiert das süße Prinzip Hoffnung.“ Mit faktisch 250 Milliarden Euro habe man den europäischen Rettungsschirm ausstatten (EFSF) wollen, inzwischen spreche man von Billionen. Zum Kapitalisierungsbedarf der Banken würden nun rund 100 Milliarden Euro genannt, der IWF gehe aber von 200 Milliarden aus, einzelne Think Tanks von doppelt so viel. „Revidiert man im Wochentakt Finanzierungsbedürfnisse nach oben, manifestiert sich der Eindruck, dass sich die Lage kontinuierlich verschlimmert.“ Lege man aber die Karten auf den Tisch, gebe es nur einmal einen Aufschrei - und Klarheit, die wichtig wäre, um eine Lösung zu finden. „Ob sich diese Einsicht bis Mittwoch durchsetzt, ist leider fraglich.“

„Die anhaltende Euro-Krise wird langsam langweilig“, ätzt der Business Insider. „Die täglichen Gerüchte und die Dementi sind nur noch lauter Lärm, der den Menschen Hoffnung machen soll, doch am Ende gibt es keine Lösung.“ Die Stimmung in Brüssel sei „sehr düster“ gewesen, Belgiens Finanzminister Didier Reynders habe gar den Euro-Gipfel verlassen, um stattdessen ins Kino zu gehen: „Er war der einzige Weise, der realisiert hatte, wie sinnlos dieses Treffen war.“ Die europäischen „Kasper“ hätten bereits vor dem Treffen festgestellt, dass es sie nicht weit bringen wird und einen weiteren Gipfel für kommenden Mittwoch angekündigt. Bundeskanzlerin Angela Merkel glaube, dass dieser den Durchbruch bringe. „Doch wir können nicht sicher sein, vielleicht wird wieder nur viel Lärm produziert, oder angekündigt, dass es noch eines weiteren Gipfels bedarf, oder die Idee der Vereinigten Saaten von Europa wird geboren.“ Deren Umsetzung werde Jahre dauern, doch die Finanzmärkte brauchten Lösungen in Wochen oder gar Tagen.

Zum ersten Mal in der Geschichte der EU sei ein Gipfel unterbrochen worden, weil ein Mitglied erst die Zustimmung seines nationalen Parlaments einholen muss, bevor die EU-Chefs endgültig beschließen können, stellt das französische Magazin Marianne konsterniert fest. „Wer sonst genießt ein solches Privileg außer Deutschland?“

Diese Episode sage viel aus über das Kräfteverhältnis in Europa, denn Bundeskanzlerin Angela Merkel habe damit den Terminplan ihres Parlaments den EU-Partnern aufgezwungen. „Sie setzt ihre Ansichten durch: der Schuldenschnitt Griechenlands müsse erst mit den Banken diskutiert werden, der Vorschlag, dass der EFSF die Europäische Zentralbank (EZB) anrufen kann, ist vom Tisch, und die von ihr immer wieder geforderte strikte Haushaltsdisziplin der Eurozone-Mitglieder sei Voraussetzung für eine Einigung“, kritisiert das Blatt. Damit entwickle sich Europa zurück, in das Zeitalter der Antike: „Im Römischen Reich, das einst die Nationen Europas einigte, wurden alle Entscheidungen vom Senat in Rom getroffen. Doch wie wir wissen, befindet sich Rom nicht mehr in Rom, sondern vielleicht in Berlin.“

Kommentare zu " Presseschau: Europäisches Kasperletheater"

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  • „Wer sonst genießt ein solches Privileg außer Deutschland?“

    Vielen Dank, auf solche Privilegien verzichte ich gerne, denn damit im Zusammenhang steht ja vor allem das Privileg als Nettosparer Hauptzahlmeister für die faulen Früchte des Politeuros zu sein. Nominal mögen zwar alle Länder gleich ihrem BIP-Anteil zahlen, unterm Strich wird die notwendigerweise kommende Inflation aber vor allem die Sparer alao Deutschland treffen.

  • Komisch, wenn ich die Kommentare vor mir so lese... Irgendwie scheinen wir schon zu kapieren wo es lang geht. Die Frage ist nur wieso unsere Politiker offensichtlich mit Du...heit geschlagen sind?
    Oben wurde mal geschrieben... Finanzmathematiker berechnet... Tja, stimmt... rechnen können unsere Politiker nciht, weil sonst könnten die mit Schulden jetzt und Schulden vor 60 Jahren mal den Effektivzins berechnen und feststellen, dass die Verschuldung zum großen Teil r e i n zinsinduziert ist! Aber ihr habt ja schon geschrieben... rechnen können die nicht. Das scheint meines Erachtens eine Grundvoraussetzung eines guten Politikers zu sein nicht rechnen zu können. Gute N8 Deutschland. Ein Transparentes Geld- und Wirtschatssytem muss her, damit wir sehen was da überall so "getrieben" wird.

  • @PeterScholz1
    Danke für den Hinweis. Das Gedicht ist besser als das Original

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