Presseschau
Europas Politiker auf dem Kinderspielplatz

Die internationale Wirtschaftspresse schaut den Verhandlungen zur Euro-Rettung besorgt zu, die Börsen-Zeitung fordert mehr Macht für den EZB-Chefökonom, und für Sünder gibt es die passende App. Die Presseschau.
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WiesbadenDie EU laufe Gefahr, durch ihre wirtschaftliche Krise einer politischen Krise die Tür zu öffnen, so die Business Times aus Singapur – einer hausgemachten. Problematisch werde es vor allem, wenn die Länder, die gerade mit finanziellen Problemen kämpfen, dem deutschen Beispiel folgten und die Schuldenbremse einführten. Deutschland nämlich wolle die Anleihenmärkte beschwichtigen, indem es schonungslos Staatsausgaben kürze und auch anderen EU-Mitgliedern unbedingt drastische Kürzungen zur Haushaltskonsolidierung nahe lege.

Solche Maßnahmen gefährdeten jedoch das Wirtschaftswachstum und seien geeignet, die politische Einheit Europas zu untergraben. Diese Art der institutionalisierten Sparsamkeit werde Europa sowohl kurzfristig als auch auf lange Sicht enormen Schaden zufügen, ist sich das Blatt sicher. Eine Schuldenbremse à la Deutschland verwandele Sparprogramme in verfassungsrechtliche Regelungen, die es nahezu unmöglich machten in Krisenzeiten stimulierende Konjunkturprogramme zu verabschieden oder Neuverschuldungen zu beschließen.

Während die Tinte unter dem Rettungsabkommen für Portugal trockne, zeige sich, dass die Rettungsaktion für Griechenland und Irland vom vergangenen Jahr gescheitert sei, stellt der Chefökonom des Zentrums für Europäische Reform, Simon Tilford, in einem Gastkommentar in der britischen Financial Times fest. Irland werde am ehesten Investoren von seiner Kreditwürdigkeit überzeugen können. Doch für Portugal und Griechenland werde es spätestens 2013 keine Alternative mehr zu harter Restrukturierung und Abschreibungen von 50 Prozent und mehr der Schulden geben, ist das Blatt überzeugt. Weitere Rettungsaktionen seien unwahrscheinlich.

Außer dem fiskalischen Transfer bleibe nur der Rückzug aus der Währungsunion, ist das Blatt überzeugt, was einen weiteren Haircut für ausländische Anleihegläubiger mit sich bringen werde. Es sei unmöglich, eine Wahrscheinlichkeit hierfür anzugeben. „Aber bei den Hindernissen für fiskalische Transfers zwischen Eurozonenökonomien wäre es unklug, zuviel Geld dagegen zu setzen.“

Wäre der Einsatz nicht so hoch, wäre die Inkompetenz Europas bei der Schuldenkrise der Eurozone schon komisch, findet der britische Economist. Mit Blick auf Griechenland sei eindeutig Zeit für Plan B. Aber statt voran zu machen: ein Hickhack wie auf dem Kinderspielplatz. Den größten Krach hätten Deutschland und die Europäische Zentralbank (EZB). „Deutschlands Politiker wollen Griechenland nicht mehr Geld leihen, ohne beim Rettungsplan die Spielregeln zu ändern.“ Dagegen wolle die EZB mit dem gescheiterten Plan weitermachen. Natürlich sei es vernünftig, sich um die Auswirkungen einer Pleite Griechenlands auf das europäische Bankensystem zu sorgen. Doch die Ablehnung der EZB, eine Restrukturierung der griechischen Schulden zu erwägen, könne die Eurozone vor die Wand fahren lassen.

Mehr Macht für den EZB-Chefvolkswirt

Mit Blick auf die verzögerte Zustimmung der Deutschen zur Kandidatur des Italieners Mario Draghi für die Nachfolge von Jean-Claude Trichet als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) stellt die Börsen-Zeitung fest, Berlin könne sich gegen die geschickte Pariser Diplomatie nicht durchsetzen. Umso bedeutender werde Draghis Rolle. Er solle EZB-Chefökonom Jürgen Stark stützen und damit – anders als Vorgänger Trichet – seine eigene Position schwächen, indem er dem Chefvolkswirt in geldpolitischen Fragen den Vortritt lasse. So wie der erste EZB-Präsident Wim Duisenberg. Entlasten würde eine solche Arbeitsteilung die Bundesregierung „freilich nicht“. Starks Amtszeit ende im Mai 2014.

USA sollen an den Erfolgsprinzipien festhalten

Zu den traditionellen makroökonomischen Daten – Wechselkurse, Marktzugang und derlei – sei ein neuer Faktor in die Szene vorgedrungen, stellt das Wall Street Journal fest: die Direktinvestitionen chinesischer Firmen in den Vereinigten Staaten. Amerikaner könnten Hauptnutznießer der billionenschweren Investitionen sein – wenn die Anti-China-Einstellung nicht den Vorhang fallen lasse, bevor die Show beginne.

Nicht Politik, sondern Profit bringe die große Mehrheit chinesischer Unternehmen dazu, in den USA zu investieren. China solle erkennen, dass seine Beschränkung amerikanischer Direktinvestitionen die politische Stimmung in Washington tangiere. Die USA sollten sich an die in den 80ern gegenüber Japan vorherrschende Logik erinnern. „Jetzt wäre ein schrecklicher Zeitpunkt für die USA, seine eigenen Erfolgsprinzipien fallen zu lassen.“

Keine Fairness bei Hochtief

Wenige Jahre, nachdem Mehrheitsaktionär RWE Hochtief in die Eigenständigkeit entlassen habe, erreiche der spanische Aufkäufer ACS sein Ziel einer Kontrollübernahme, stellt die Financial Times Deutschland fest. Es liege auf der Hand, dass die Spanier die Beute zerlegen und Teile abstoßen werde, um die drückende Schuldenlast zu verringern. Nicht ausgeräumt sei auch der Verdacht, dass ACS den Baukonzern als Sparkasse benutzen wolle. In der freien Wirtschaft sei es gang und gäbe, dass ein Unternehmen von dem anderen gekauft werde. Nicht in Ordnung wäre aber, wenn ACS die verbliebenen Hochtief-Eigentümer über den Tisch ziehe, findet die FTD. „Doch auch danach sieht es aus.“ Fairness gebe es in diesem Fall bisher nicht.

Toyota verliert die Pole Position

Einen „verwundeten Shogun“ sieht Les Echos in Toyota. Der Autokonzern sei das wichtigste Opfer im Industriesektor Japans, das unter der Katastrophe leide. „Die globale Produktion ging um zehn Prozent zurück, in Japan ist sie um 40 Prozent eingebrochen. Toyota glaubt, erst wieder im November 2011 zur Normalität zurückkehren zu können.“ Die Konkurrenz leide weniger stark: Bei Honda sei die Produktion um 19 Prozent gesunken, Nissan habe sogar mehr Autos hergestellt. Die Ursache: „Toyota war und ist ein japanisches Unternehmen, es produziert hier die meisten seiner Autos, um die Hälfte davon zu exportieren, und es beherrscht hier den Markt.“

Toyota habe stets Wert darauf gelegt, in Japan der erste Arbeitgeber und das führende Industrieunternehmen zu sein, und mit einem begrenzten Händler- und Lieferantennetz zu arbeiten. „Nur so konnte der Autobauer seine Managementmethode, das Toyota Production System, entwickeln, die Toyota zur Nummer Eins weltweit machte.“ Dies sei dem Autokonzern nun zum Verhängnis geworden, er werde bald von General Motors und Volkswagen überholt. Doch Toyota habe sich bewusst für alttradierte Werte, die an das Feudal-Japan der Shoguns erinnerten, entschieden.

Fundstück: Ein App für jede Sünde

Was man mit all den vielen Apps soll, die es für Smartphone & Co. zu kaufen gibt? Zum Beispiel die ein oder andere Todsünde begehen. Apps, die dies erleichtern, stellt CNN Money vor. Den Stolz befriedige eine iPhone-App, die einen für 1,99 Dollar monatlich an das tägliche Foto-Selbstporträt erinnert und das dann hübsch abspeichert. Für die Gier empfiehlt die Wirtschaftsredaktion des US-Fernsehsenders eine Poker-App.

Wer zu faul sei, die Fernbedienung zu betätigen, dem stellen Apps das Fernsehprogramm zusammen. Eine andere App rechne flugs die Kalorien für das dabei vertilgte Knabberzeug aus – nach Fotoaugenschein. Maßlose können sich den Blutalkoholspiegel errechnen lassen und – falls sie zu später Stunde noch online gegangen sind – alle Facebook- und Twitter-Fotos der vergangenen Nacht löschen lassen. Für Sünde ohne Reue.

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von ecolot.de. Mitarbeit: Kerstin Herrn, Peggy Pfaff

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  • der Euro ist auf Sand gebaut. Die katastrophalen Fehlentscheidungen werden wir auf jeden Fall zu spueren bekommen.
    Um so laenger wir mit dem Ausstieg zoegern, um so schmerzhafter wird die Kur!

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