Presseschau
G20 in schwerem Wetter

Die internationale Wirtschaftspresse beschreibt die Spannungen vor dem G20-Gipfel, Manager Magazin und Spiegel sind sich uneins über das Deutschlandbild der Amerikaner, die Financial Times Deutschland findet Nokias Zahlen noch übler als die Produkte und Cinco Días beklagt den Streit ums Gas in Spanien. Fundstück: Bilbo Beutlin soll leben!
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Zum Beginn des Treffens der G20-Finanzminister im südkoreanischen Städtchen Gyeongju, sei die "Kumpelstimmung aus dem Rettungsboot vorüber", die in der akuten Phase der Finanzkrise alles bestimmte, schreibt die Financial Times. Die Schwellenländer fänden sich plötzlich in der Opposition zu den Industriestaaten wieder, sowohl bei der Diagnose der Gründe für die globale Rezession, als auch beim Aufspüren von heilsamen Rezepten. Hinter den Spannungen um Währungen und Handelsvolumen stecke allerdings ein tiefer liegendes Problem, meint das Blatt. Die "G172" - die 172 UN-Mitgliedsstaaten, die nicht Teil der G20 sind - sähen in der Gruppe ein "selbsternanntes und kaum legitimiertes Organ, das nie autorisiert worden ist, seine gegenwärtige Rolle zu spielen." Es wäre daher hilfreich, wenn das Treffen zunächst die Legitimitätsprobleme ansprechen und ein neues Organ etablieren würde "als ernstzunehmendes Steuerungskommittee für die Weltwirtschaft."

Timothy Geithner, der amerikanische Finanzminister, wolle das Treffen in Südkorea nutzen, um die Weltwirtschaft neu "auszubalancieren" und um andere Regierungen davon zu überzeugen, dass die USA nicht über den Weg der Abwertung reich werden wollten, schreibt das Wall Street Journal. "Im Moment gibt es keinen anerkannten Maßstab dafür, was als fair gelten darf," habe Geithner im Hinblick auf die derzeit so viel beklagten Währungsmanipulationen gesagt. Deswegen wolle er die G20-Nationen in Gyeongju drängen, Regeln festzulegen, wie viel Handelsüberschuss im individuellen Fall noch als "nachhaltig" gelten könne. Diese Bemerkungen unterstrichen, wie viel dieses Wochenende auf dem Spiel stehe, schreibt das Blatt. Konkrete Ergebnisse allerdings wären vermutlich erst für November zu erwarten, wenn sich die Staatschefs in Seoul zusammenfinden.

G20 klinge heutzutage nur noch "wie ein Seufzer", meint das Wirtschaftsblatt. Dabei sei die Gruppe der weltweit 20 größten Volkswirtschaften bis vor kurzem als "modernes Äquivalent einer Weltregierung" gefeiert worden. Heute erscheine die G-20 nur mehr als Schatten ihrer selbst, Gemeinsamkeiten, die "im Kampf gegen das Rezessionsmonster" beschworen wurden, würden angesichts des weltweiten Währungskonflikts über Bord geworfen. Das führe so weit, dass ausgerechnet Brasilien, "das immer lautstark eine prominente Rolle beim Lenken des Weltgeschicks gefordert hat" den Gipfel boykottiere. Die Gruppe sehe sich mit einem Sammelsurium aus Einzelinteressen konfrontiert und vor diesem Hintergrund erreiche die Forderung des britischen Notenbank-Chefs Mervyn King, auf dem Gipfel zu einem "Great Bargain" zu kommen "auf der nach oben offenen Wünsche-Skala die Stufe 'fromm' - denn die 20 Verbündeten von gestern sind die 20 Feinde von heute," schreibt das Wiener Blatt.

Indiens Economic Times sieht wenig Anlass, in Südkorea Partei für China zu ergreifen, denn der unterbewertet Yuan zwinge auch alle anderen Länder, die eigene Währung billig zu halten. Dennoch würde ein tatsächlich ausbrechender Handels- oder Währungskrieg alle Volkswirtschaften beschädigen. Indien habe daher ein Interesse, auf dem Gipfel die Zusammenarbeit zu fördern. Auf der anderen Seite verhalte sich die US-Regierung protektionistisch und drohe mit Strafzöllen für Güter aus Ländern mit manipulierter Währung. "Gleichzeitig drucken sie selber endlos Dollar, kaufen Staatsanleihen mit dem frischen Geld und drücken die Zinsen. Und dann machen sie diplomatischen Druck auf China, den Yuan aufzuwerten," schimpft das Blatt. Solange die Zinsen auf den Dollar zu vernachlässigen seien, wandere das Kapital in der Hoffnung auf bessere Erträge eben in die Schwellenländer oder in Rohstoffe wie Gold und Öl. Für Indien bedeute das eine höhere Rechnung für Ölimporte, "Schaum im Aktienmarkt" und Aufwertungsdruck auf die Rupie. Fazit des Blatts: Nicht nur China ärgere sich, wenn die USA versuchen, die eigenen wirtschaftlichen Probleme zu lösen, indem sie Stimmung gegen anderer Leute Exporterfolge machten.

Die Angst vor einem tatsächlich ausbrechenden Handelskrieg könnte die G20 motivieren, aktiv zu werden, hofft Australiens Business Spectator. Ein vorab bekannt gewordenes Gipfel-Papier wolle die 20 Mitglieder dazu verpflichten, "sich einem System anzunähern, in dem der Markt die Wechselkurse bestimmt und das davon Abstand nimmt, Wettbewerbsvorteile durch unterbewertete Währungen zu suchen". Dimitry Pankin, Russlands stellvertretender Finanzminister, habe allerdings den Erfolg des Treffens schon offen angezweifelt. Er sage vorher, dass die USA weiter auf Chinas Sünden herum reiten werde, um Peking zu Zugeständnissen zu zwingen. "Dabei wird am Ende irgendein allgemeines Blabla herauskommen im Sinne von 'lasst uns alle in Frieden leben'", zitiert das Blatt den Politiker. Immerhin würden es die Russen wenigstens für nötig halten, überhaupt anzutreten, während die Brasilianer gleich zu Hause blieben.

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