Presseschau
Irlands Tag der Abrechnung ist gekommen

Die internationale Wirtschaftspresse legt dem irischen Finanzminister nahe, die Geldspritze der EU anzunehmen, und fahndet nach den Gründen für seinen Widerstand. FTD und Börsen-Zeitung drängen auf den Schulterschluss von MAN und Scania. Kommersant berichtet von Gazproms Export-Flaute. Fundstück: dick dank Kartenzahlung.
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Finanzminister Brian Lenihan trifft am heutigen Dienstag seine Kollegen aus der Eurogruppe in Brüssel. Am Mittwoch folgt das Treffen der EU-Finanzminister (Ecofin). Dabei soll das Thema Irland nach Angaben eines EU-Diplomaten außerhalb der üblichen Tagesordnung behandelt werden.

Für Irland sei der "Tag der Abrechnung" gekommen, schreibt das Wall Street Journal. Der irische Finanzminister Brian Lenihan werde beim heutigen Treffen mit seinen europäischen Kollegen angebettelt werden, Europas Bailout-Angebot zu akzeptieren. "Mr. Lenihan sollte das Geld annehmen, und Europa muss hoffen, dass alles wie gewünscht klappt", schreibt das Blatt. Für Lenihan werde dies ein bitterer Moment sein, schließlich habe er in den vergangenen zwei Jahren alles getan, um die Unterstützung der Investoren nicht zu verlieren. Die Entscheidung seiner Regierung vom September 2008, für alle Schulden des Bankensystems einzustehen, habe sich jedoch als einziges Fehlurteil erwiesen. Die irischen Banken seien mittlerweile von der Finanzierung durch die Europäische Zentralbank abhängig. Es sei nötig, die Geldhäuser mit mehr frischem Kapital auszustatten, damit diese sich wieder über die Märkte finanzieren könnten. "Die Europäische Union hat nicht nur das Recht, von Irland die Annahme der Finanzhilfe zu fordern, auch Irland ist verpflichtet das Geld anzunehmen", kommentiert die Zeitung. Je länger sich das Land weigere, desto höher sei das Risiko des weiteren Vertrauensverlustes für das irische Finanzsystem und der Ausbreitung der Krise auf weitere EU-Staaten wie Portugal, Spanien oder Italien.

Die Financial Times beobachtet einen Wandel der öffentlichen Einstellung gegenüber Finanzhilfen der EU für einzelne Staaten. Seien früher Gespräche darüber beinahe skandalös gewesen, so sei ein Versuch der Europäischen Union, Irland zur Annahme einer Geldpritze zu zwingen, der heutige Skandal. Irland müsse zwar bis Mitte nächsten Jahres kein Geld leihen, aber mit Europas finanziellen Mitteln für den Notfall auf der Hand würden die Anleihemärkte beruhigt und die auf Rekordhöhe hochgeschnellten Renditen der irischen Anleihen wieder nach unten gedrückt werden. Die europäische Unterstützung werde jedoch nichts bringen, solange Irland die Quelle der Zweifel an seiner Zahlungsfähigkeit nicht beseitige: das Versprechen, für die Schulden der einheimischen Banken geradezustehen.

Irland, einst bekannt für rasantes Wirtschaftswachstum, sträube sich aus Nationalstolz vor fremder Hilfe, schreibt das österreichische Wirtschaftsblatt. "EU-Hilfsgelder, verbunden mit finanzpolitischen Auflagen, wären eine Demütigung für Irland, das stolz auf seinen wirtschaftlichen Aufstieg und seine hart errungene Unabhängigkeit von Großbritannien ist", glaubt die Zeitung. Doch auch politisches Kalkül spiele eine Rolle. Der unpopuläre Ministerpräsident Brian Cowen befürchte einen Denkzettel bei den nächsten Wahlen, sollte er sich hilfesuchend nach Brüssel wenden. Außerdem dürften die mit einer möglichen Finanzhilfe verbundenen Rigiden Auflagen die niedrige Körperschaftssteuer des Landes infrage Stellen. "Die Rate von 12,5 Prozent ist einigen europäischen Ländern aus Wettbewerbsgründen ein Dorn im Auge", analysiert das Blatt. Für Weltkonzerne wie Google und Pfizer aber sei sie ein Investitionsmagnet, den die Iren nicht aufgeben wollten.

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