Presseschau
Italien steuert die Euro-Zone in die Todesspirale

Trotz Silvio Berlusconis angekündigtem Rücktritt sieht die internationale Presse weiter schwarz für Italien. Zu groß ist der Einfluss des „Cavaliere“ auf die Politik des Landes - auch nach seiner Amtszeit. Die Presseschau.
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WiesbadenDie Zeit warnt vor dem Geist des „berlusconismo“, der noch lange Zeit nach dem Rücktritt des Premierministers seine Wirkung ausüben werde. Anzeichen dafür seien der Verlust von Gemeinsinn, die Leugnung offensichtlicher Missstände und die „Unkultur der Lüge“. Nach dieser Ideologie werde beispielsweise die Schuldenlast des Landes als Panikmache linker Medien und finsterer ausländischer Finanzmächte abgetan. Vor diesem Hintergrund ermahnen die Hamburger Italiens Freunde und Partner in Europa, dem Land erst dann nach Kräften zu helfen, wenn Berlusconi und seine Komplizen das Feld geräumt hätten.

Der Economist zeigt sich mit Blick auf Italien und die gesamte Eurozone pessimistisch. Dass die Rücktrittsankündigung von Berlusconi die Investoren am Anleihemarkt nicht beruhigt habe, sondern die Kurse weiter fielen und die Renditen italienischer Staatsanleihen in die Höhe schnellten, wertet die britische Zeitschrift als Beleg dafür, dass die Eurozone in der „Todesspirale“ stecke: Die Märkte wollten die Peripherieländer, inklusive Italien als drittgrößtem Bond-Markt, aufgeben; dies löse Margin Calls aus und führe dazu, dass die Banken die Kredite vom europäischen Markt zögen, was wiederum die europäische Wirtschaft schädige, die Konsolidierungsbestrebungen der ohnehin auf Sparkurs operierenden Staaten schwäche, Investoren abschrecke und weitere Sparprogramme erforderlich mache. Der Kreislauf könne nur durch Garantien und massive Aufkäufe von Staatsanleihen durch die EZB gestoppt werden.


Das Wall Street Journal geht davon aus, dass die Wirtschaftspolitik Berlusconis weiterhin die Haltung der italienischen Parlamentarier prägen werde. So sei es den Demokraten bisher nicht gelungen, realistische politische Alternativen zu präsentieren. „Da der Ausblick für Italiens Wirtschaft immer düsterer wird, könnte sich die Kombination aus Kontinuität und Krise als verheerend erweisen“, warnt das Blatt. Die Zukunft Italiens werde durch niedriges Wachstum, rückläufige Investments und steigende Arbeitslosigkeit bestimmt.

Die britische Financial Times zeigt sich optimistischer mit Blick auf die italienische Wirtschaft. Die neue Regierung könne sich auf eine solide ökonomische Basis verlassen. Der Primärsaldo im italienischen im Staatshaushalt sei weitaus besser als der anderer Peripheriestaaten in Europa. Die Schulden hätten eine durchschnittliche Fälligkeit von sieben Jahren, schließlich liege das Nettovermögen der Italiener mit 8,6 Billionen Euro vier Mal höher als die öffentliche Verschuldung. „Trotz vieler ihrer Schwächen ist die italienische Wirtschaft in einer viel besseren Verfassung als die Politik in Italien.“

Die Süddeutsche Zeitung forscht nach den Ursachen des italienischen Niedergangs und erkennt, dass ein ganzes System in Agonie verfallen sei. Zentral bei dieser Entwicklung sei die Verschmelzung von Politik und Unterhaltung – eine komplette Generation Italiener sei geprägt worden „von den bonbonfarbenen Bildern aus den Fernsehstudios Berlusconis und den Eskapaden des Ministerpräsidenten“. Bereit, sich von dem Übel zu befreien, seien die Italiener aber nicht, da das Bewusstsein für die Gefahren der Schuldenkrise nicht existiere.

Auf der Suche nach einem griechischen Partner

Der Wiener Standard kommentiert das Gezerre um eine neue Regierung in Griechenland. Am dritten Tag der Suche nach einem Premier seien Enttäuschung und Verzweiflung über das eigene Unvermögen in Athen mit den Händen zu fassen gewesen. Ein neues Notkabinett von Athen hat nach Einschätzung der Wiener zwei Makel. Neben dem Demokratiedefizit – es werde von einem nicht gewählten Premier geführt, der Sparpläne einer nicht gewählten Troika von IWF, EZB und EU-Kommission umzusetzen habe – gebe es ein „Politikdefizit“: Der Widerstand gegen den Sparkurs führe dazu, dass die griechischen Politiker ihn gern dem Notkabinett überließen und sich der Verantwortung entzögen.

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  • Das ganze Chaos macht vielleicht sogar Sinn....Der sozialen Makrtwirtschaft entgültig den Hahn abzudrehen...Die Demokratie zu beerdigen...mit Notstandsgesetzen aus Brüssel....weil alles ja so schlimm ist!?

    In der Not frist der Teufel bekanntlich auch Fliegen.

    http://www.handelsblatt.com/politik/international/die-grenzen-der-demokratie/5823488.html

  • Hallo, die polnischen Papiertaschentücher, die Lidl in Griechenland verkauft, macht Deutschland zum Exportweltmeister. Und deswegen soll Deutschland für die griechischen Schulden aufkommen, Basta!

  • Zitat: "Der Kreislauf könne nur durch Garantien und massive Aufkäufe von Staatsanleihen durch die EZB gestoppt werden." Das ist falsch, denn die EZB befeuert mit ihren Massnahmen den Kreislauf. Schulden wird man nur durch Schuldenrückzahlung los, nicht durch Schuldenverlagerung.

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