Presseschau
Japan eröffnet den Währungskrieg

Die Internationale Wirtschaftspresse betrachtet die Zinssenkung Japans mit Sorge. Die Financial Times Deutschland geißelt einen drittklassigen Rückzieher eines zweitklassigen Versprechens. Der Standard rechnet mit 177.000 Jahren Arbeit für Kerviel. Fundstück: Warum die Zeitung doch besser als das iPad ist.
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Mit ihrer Leitzinssenkung und ihren verstärkten Wertpapierkäufen mache sich die Bank von Japan gegen ihre eigenen Überzeugungen zum Erfüllungsgehilfen einer schwachen Politik, urteilt die Börsen-Zeitung. "Angesichts der japanischen Erfahrungen während der Bankenkrise am Anfang des Jahrzehnts warnt Gouverneur Masaaki Shirakawa seit langem vor den hohen Kosten einer Nullzinspolitik". Dass die Währungshüter jetzt überraschend zur quantitativen Lockerung zurückkehrten, die Argumente dafür seien außerordentlich dünn: "Sie verweisen auf eine sich abzeichnende Wachstumsschwäche in Japan, den festen Yen, die anderthalb Jahre alte Deflation und die unsicheren US-Konjunkturaussichten", erläutert das Blatt.

Auch das Wall Street Journal ist alles andere als begeistert. Japan versuche wieder, Banken zum Geldverleihen und Unternehmen zur Kreditaufnahme zu zwingen. Die alte Nullzinspolitik sei wieder da. "Es gibt wenige Gründe zu glauben, diesmal werde sie besser funktionieren", ist das Blatt überzeugt. Da der Referenzzins bereits seit zwei Jahren bei ultratiefen 0,1 Prozent gelegen habe, bedeute eine Rückkehr zur Nullzinspolitik für Kreditgeber und-nehmer praktisch kaum einen Unterschied, rechnet das WSJ vor. Erst recht nicht in einem Land, in dem die Hälfte der Unternehmen schuldenfrei sei, Kredite zu keinem Zinssatz nachfragen und deren Ersparnisse mehr als sieben Prozent vom BIP ausmachten. Ultraniedrige Zinsen oder sogar eine aggressive Erhöhung der Geldmenge sei nicht automatisch verrückt, hält das WSJ fest. "Beide können wichtige Politikinstrumente in den Tiefen einer Finanzkrise sein, mit der Zentralbanker die Liquidität in Gang halten." Aber Japan leide jetzt, weil seine Währungspolitik sich nie ganz aus den Notfallphasen des Platzens der Blase in den 80ern und der Bankenkrise der späten 90er Jahre herausbewegt habe. "Das hat eine vollständige Erholung verhindert." Wenn sich eins zur Verteidigung Tokios sagen ließe, dann dass es einem extrem schwierigen Umfeld gegenüberstehe. "Über der Mitteilung von gestern hängt wie eine Wolke die Angst, dass Tokio wenig monetäre Kooperation von Washington zu erwarten hat", fürchtet das Blatt.

Als Verzweiflungstat wertet die WirtschaftsWoche den Beschluss der japanischen Notenbank, den Leitzins auf Null zu setzen, ihre üppige Liquiditätszufuhr für das Finanzsystem noch einmal auszuweiten und Staatsanleihen zu kaufen. "Japans Währungshüter wollen sich so mit aller Macht gegen den starken Yen stemmen, um die heimische Wirtschaft zu stützen und Deflation im Land zu verhindern." Die Märkte habe der Schritt überrascht und den Yen auf Talfahrt zum Dollar geschickt. "Das ist im Sinne Japans", weiß die Wiwo. Bezweifelt jedoch, dass die japanische Notenbank Wechselkurs und Konjunktur des Landes damit nachhaltig beeinflussen könne. Da auch die USA mit dem Rücken zur Wand stünden, wachse die Gefahr, dass sich Notenbanken weltweit nun einen Wettkampf um eine lockere Geld- und Währungspolitik liefern würden, bei dem es am Ende nur Verlierer geben werde, orakelt die Wirtschaftszeitschrift. "Wir sind inmitten eines Währungskriegs", zitiert das Blatt den brasilianischen Finanzminister Guido Mantega. Die Frage, wie er zu stoppen sein werde, könne unverhofft zum Top-Thema der bevorstehenden Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Washington werden.

"Ist die Zeit für einen Währungskrieg mit China gekommen?", fragt sich derweil die Financial Times . Die Antwort sehe zunehmend nach Ja aus, findet das Blatt und stellt fest, Chinas Politik werde letztlich in eine weitere Runde der Finanzkrise münden werde. Die Post-Krisen-Weltwirtschaft werde nicht in Gang kommen, solange ihre dynamischste Volkswirtschaft auch ihr größter Kapitalexporteur ist, ist das Blatt überzeugt. "Darüberhinaus hat China sich selbst in einem bei weitem größeren Maß versichert, als angemessen wäre." Das Blatt hält es für an der Zeit, eine Politik zu verfolgen, das China in einen Nettoimporteur verwandeln würde. "Davon würden sowohl seine eigenen Leute profitieren, als auch der Rest der Welt." Natürlich müsse man sich damit auseinandersetzen, dass China mit einer möglichen Aufwertung seiner Währung nicht in die gleiche Falle tappen möchte, wie Japan, das in den 90ern ein Jahrzehnt Wirtschaftswachstum verlor. Doch China habe weit größeres Potenzial für ein schnelles Wachstum, als Japan in den späten 80ern, weil Japans Bruttoinlandsprodukt damals schon nahe an dem der USA gewesen sei, während das BIP Chinas nur ein Fünftel betrage, hält die FT vor Augen. Vor allem habe China riesiges Potenzial für höhere Konsumraten. Aggressives Kreditwachstum hält die Wirtschaftszeitung für einen gefährlichen Weg. Es werde strukturelle Reformen brauchen. Aber die seien ohnehin im Interesse der Chinesen. "Die Zeit ist gekommen, sich jenseits von Rhetorik zu bewegen", fordert das Blatt. "Die Zeit dränge nach Aktion."

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