Presseschau
Kulturkampf um den Kirchenfürsten

Großartiger Nonkonformist oder sturer Prediger? Der Papst-Besuch polarisiert die Kommentatoren der Zeitungen. Weitestgehend einig sind sich die Blätter nur darin, dass Benedikt XVI. kein deutscher Papst sei.
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Für den Spiegel kommentiert Matthias Matussek die Kritik an Benedikt XVI., die sich zu einer regelrechten Besessenheit gesteigert habe. Die Kritiker von heute monierten, dass sich der Kirchenfürst treu geblieben sei. „Nun rufen sie: Pass dich an, beweg dich und deine Kirche, höre auf die Meinungsumfragen, höre auf Hans Küng und die Priesterinitiative in Österreich. Doch der Papst sagt in allem, und da ist er sehr lutherisch: Hier stehe ich, und ich kann nicht anders.“ Matussek diagnostiziert in den Auseinandersetzungen um den „großartigen, letzten Nonkonformisten“ einen neuen Kulturkampf, der nicht mehr zwischen Protestanten und Katholiken ausgetragen werde, sondern „zwischen den Zeitgeistlern auf der einen und den Beharrungs-Religiösen auf der anderen Seite“.

Die Zeit sondiert die Spannungslinien zwischen Papsttum und Demokratie. Der päpstliche Anspruch, einen direkten Draht zu Gott zu haben und deshalb im Zweifelsfall die Wahrheit zu dekretieren, passe nicht in die Demokratie. Grundsätzlich sei es aber denkbar, dass sich das Papstamt demokratisieren lasse, ohne kirchliche Allmacht und ohne Unfehlbarkeit. „Ein Papst, demokratisch vom Volk Gottes gewählt. Ein Papst, der nicht über den Entscheidungen von Synoden und Konzilien stünde.“ Zurzeit könne man darüber allerdings nicht offen reden. „Wer sich dazu als Theologe äußert, muss leider mit einem Lehrbeanstandungsverfahren rechnen. Denn hier geht es um eine Frage der Macht.“

In der Süddeutschen Zeitung schreibt der Theologe Friedrich Wilhelm Graf, der von einigen Abgeordneten der Linken und der Grünen erhobene Vorwurf, ein Auftritt Benedikts XVI. im Bundestag verstoße gegen die religiös-weltanschauliche Neutralität des modernen Verfassungsstaates, sei naiv. Die Trennung von Weltlichem und Geistlichem sei im Papsttum immer schon aufgehoben gewesen. „Selbst wer nur seine geistlichen, darin immer auch politischen Aussagen kritisiert, greift zugleich auch ein auswärtiges Staatsoberhaupt an, das Oberhaupt eines theokratisch sich legitimierenden Glaubensstaates allerdings, das beansprucht, fortwährend in die inneren politischen Angelegenheiten aller anderen Staaten intervenieren zu dürfen.“

Die Welt wünscht sich einen herzlichen Empfang für den Papst, nicht nur, weil ein beharrlicher Prediger gegen Krieg und Ungerechtigkeit komme. Hinzu komme, dass der Besuch die Chancen theologischen Denkens verdeutliche. „Es beglückt doch zu fragen, ob im Bemühen um das Gute nicht tatsächlich eine Gegenwelt voller Veränderungskraft entsteht.“

Die Financial Times Deutschland rät den Papst-Kritikern, die sich beispielsweise mehr Reformen – darunter Fortschritte in der Ökumene und eine Lockerung des Zölibats – wünschten, mehr Gelassenheit: „Die Gelassenheit, nicht zu verzweifeln, weil sich die Weltkirche mit Veränderungen schwertut, auch wenn es manchmal schmerzt. Und die Hoffnung, dass es auch wieder Päpste geben wird, die vielleicht tief stapeln - aber umso höher hinaus wollen.“ Begründung: In einer religiös uninteressierten Gesellschaft sei eine intakte Kirche wichtig.

Die Frankfurter Rundschau hinterfragt den Begriff des „Panzerkardinals“, in dem bis in die Lautmalerei Unerbittlichkeit, Strenge und Sturheit bis zur Brutalität mitschwängen. Zwar passe der Begriff nicht nur heutigen Erscheinung des 84-Jährigen. Gleichwohl habe sich Ratzinger mit einem Panzer umgeben, „bestehend aus Rolle, formaler Autorität und einem kleinen Kreis von Vertrauten“. Dies enthebe ihn der Anstrengung, sich ständig auseinandersetzen zu müssen, mit Gegnern seiner Entscheidungen, mit innerkirchlichen Kritikern, Reformkatholiken und Atheisten.

„Der deutsche Papst ist kein deutscher Papst“, stellt The European fest. Der Annahme, der deutsche Papst müsse bei seinem Deutschlandbesuch auf deutsche kulturelle Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen, hält das Kommentar-Portal die globale Dimension des Katholizismus entgegen. In den global wachsenden christlichen Gemeinschaften spielten die europäischen Trennungsmomente kaum eine Rolle.

n-tv.de wirft dem Papst vor, einer „Kirche des perfekten Stillstands“ vorzustehen. Die schönen Projekte, die seine Mitarbeiter unmittelbar nach seiner Wahl im April 2005 aus den Schubladen gezogen hätten, seien wieder weggelegt worden, darunter die Auflockerung des Zölibats – eine Ur-Idee von Ratzinger selber. Eine Kehrtwende sei unter diesem Papst schwerlich denkbar: Die „grausame“ Kirchenverfassung, die die römische Kirche dazu zwinge, mit einem einmal gewählten Papst bis zu dessen Ende oder freiwilliger Amtsaufgabe zu leben, verhindere das.

Kommentare zu " Presseschau: Kulturkampf um den Kirchenfürsten"

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  • Diese Stimmung gegen den Papst von Seiten der Medien ist unerträglich !!

    Warum sollte der Papst nicht genauso freundlich empfangen werden wie beim letzten Besuch in Deutschland ?

    Warum wird diese Anti-Stimmung so forciert von den Medien ?

    Diese Manilulation / Propaganda haben sich einige Chef-Redakteure ausgedacht, die deutsche Bevölkerung wiederspiegelt das jedenfalls nicht.

    Wahrscheinlich sollen wieder die Moslems in Deutschland damit beruhigt werden, oder was ?

    WILLKOMMEN PAPST !!

  • Kulturkampf? Seit wann hben Grüne und Linke (Atheisten) denn eine Kultur? Toleranz und Gastfreundschaft fehlen ebenfalls in ihrem Vokabular.

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