Presseschau
Merkel auf Brünings Spuren?

Die Internationale Wirtschaftspresse wägt die Chancen des Euro ab. Die Financial Times Deutschland beobachtet einen Kampf um das Machtzentrum der EZB und Les Echos schätzt Sarkozys Wetteinsatz.
  • 8

KölnTief einatmen – bittet die britische Financial Times ihre Leser. „Hier ist eine gewagte Behauptung: Europa ist dabei, den Euro zu retten.“ Alles drauf zu wetten, dazu rät die FT noch nicht. „Europäische Führer haben Talent gezeigt, Dinge zu versemmeln.“ Aber diesmal könnten sie es immerhin hinbekommen. „Fangen wir mit dem Negativen an“: Solange er denken könne, zeige die Uhr eine Minute vor zwölf an. Nur habe irgendwie der Countdown nie angefangen. „Diese Woche konnten Sie die Uhr ticken hören.“ Die Flut von Zentralbankgeld sei Versicherung und Alarmsignal zugleich. Dass Mario Monti die Szenerie betreten habe, ermögliche einen von Deutschland unterschriebenen Deal, schwächere Staaten zu stützen, wenn sie ihren Staatshaushalt in Ordnung brächten. „Skeptiker werden sagen, dass auch ein für die Märkte befriedigender Deal mittelfristig nicht das Vertrauen wiederherstellen könne.“ Sie könnten recht haben. Aber den Blutverlust zu stoppen, werde dem Euro zumindest eine zweite Chance geben.

Euro-optimistisch ist auch die Wirtschaftswoche. Der Euro werde überleben. An der Zuspitzung der Schuldenkrise ändere die Liquiditätsspritze der EZB aber erst einmal nichts. Die Banken des Euro-Raums legten immer mehr Geld bei der Europäischen Zentralbank an, weil sie sich untereinander nicht mehr vertrauen. Die Wiwo rät auch Bank- und Sparkassenkunden dazu, ihren Instituten zu misstrauen und ihr Geld vorsichtshalber in Sicherheit zu bringen. Schon der ganze Wortwirrwarr um die diversen Rettungspakete spreche dafür, dass die verantwortlichen Politiker, EU-Bürokraten, Zentral- und sonstigen Banker nicht um Worte, aber um Taten verlegen sind – und dass jeder sein eigenes Süppchen koche. Zukunftsforscher Matthias Horx halte für möglich, einige Länder könnten die Euro-Zone verlassen. „Na und? Dann haben wir eben einen Euro, der den unnötigen Teil seines Übergewichts verliert und dadurch umso stärker wird.“ Dazu, sein Geld in Bundesschatzanweisungen und -obligationen in Sicherheit zu bringen, solle vor dem maroden Bankensystem schützen, nicht vor dem Euro. „Denn der wird, auch wenn das eine oder andere Land sich von ihm verabschieden sollte, noch in zehn und mehr Jahren bestehen.“

Alles hänge an Angela Merkel, glaubt das US-Wirtschaftsmagazin Forbes. Ob sie die Fehler der Vergangenheit wiederhole. „Seit den frühen 30ern habe keine demokratische Regierung solche schweren wirtschaftlichen Fehlkalkulationen gemacht, wie Merkels heutige Regierung." In der Großen Depression habe der deutsche Kanzler Heinrich Brüning verschiedene Sparmaßnahmen Berlin habe noch im schärfsten Wirtschaftsrückgang gefürchtet, ein unausgeglichener Staatshaushalt könne eine Hyperinflation auslösen. Berlins Furcht vor Inflation sei heute so falsch wie Anfang der 1930er. Europas Finanzinstitutionen seien tödlich bedroht. Ihre Liquidität werde abgesaugt. Notmaßnahmen täten Not: Kurzfristliquidität. „Das wäre nicht inflationär, sondern lebensrettend.“ Nachdem Italien und Spanien neue Regierungen hätten, die anders als ihre Vorgänger harte Maßnahmen tragen würden, sollte Berlin dazu ermutigen. „Wird Angela Merkel ein moderner Brüning?“, fragt sich das Blatt. „Ihr Platz in der Geschichte hängt von der Antwort ab – ebenso wie das Wohlbefinden der Welt.“

Seite 1:

Merkel auf Brünings Spuren?

Seite 2:

Der "germanische Weg"

Kommentare zu " Presseschau: Merkel auf Brünings Spuren?"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Forbes hat sich selten durch einen korrekten volkswirtschaftlichen Sachverstand hervorgetan.

    Von Handelsblatt habe ich ehrlich gesagt mehr als nur eine reine Zusammenfassung irgendwelche Artikel mit einer schwankenden Qualität erwartet.

  • Ich gehöre eigentlich schon zur Generation der Leistungsträger. Allerdings lebe ich seit vielen Jahren in Ländern ausserhalb der EU. Ich habe längere Zeit nur unregelmässig Deutsche Medien gelesen. Deshalb treffe ich vielleicht nicht immer den politisch korrekten Ton/Meinung und bin auch nicht firm in allen Details der aktuellen politisch korrekten Geschichtsschreibung.

    Vandale

  • Alle ausländischen Medien vergessen schlicht die Tatsache, dass es auch nationale Interessen zu wahren gilt. Für sie ist nur die Stabilisierung der Währung interessant. Das dies für Deutschland aber ewiges Sponsoring von Schwachmatenstaaten bedeuted, interessiert dort niemanden. Uns aber schon! Von daher ist dieser Pressespiegel vollkommen irrelevant für unsere Entscheidungen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%