Presseschau Merkel auf Brünings Spuren?

Die Internationale Wirtschaftspresse wägt die Chancen des Euro ab. Die Financial Times Deutschland beobachtet einen Kampf um das Machtzentrum der EZB und Les Echos schätzt Sarkozys Wetteinsatz.
  • Midia Nuri
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Eine italienische Ein-Euro-Münze liegt auf Euro-Scheinen. Quelle: dpa

Eine italienische Ein-Euro-Münze liegt auf Euro-Scheinen.

(Foto: dpa)

KölnTief einatmen – bittet die britische Financial Times ihre Leser. „Hier ist eine gewagte Behauptung: Europa ist dabei, den Euro zu retten.“ Alles drauf zu wetten, dazu rät die FT noch nicht. „Europäische Führer haben Talent gezeigt, Dinge zu versemmeln.“ Aber diesmal könnten sie es immerhin hinbekommen. „Fangen wir mit dem Negativen an“: Solange er denken könne, zeige die Uhr eine Minute vor zwölf an. Nur habe irgendwie der Countdown nie angefangen. „Diese Woche konnten Sie die Uhr ticken hören.“ Die Flut von Zentralbankgeld sei Versicherung und Alarmsignal zugleich. Dass Mario Monti die Szenerie betreten habe, ermögliche einen von Deutschland unterschriebenen Deal, schwächere Staaten zu stützen, wenn sie ihren Staatshaushalt in Ordnung brächten. „Skeptiker werden sagen, dass auch ein für die Märkte befriedigender Deal mittelfristig nicht das Vertrauen wiederherstellen könne.“ Sie könnten recht haben. Aber den Blutverlust zu stoppen, werde dem Euro zumindest eine zweite Chance geben.

Euro-optimistisch ist auch die Wirtschaftswoche. Der Euro werde überleben. An der Zuspitzung der Schuldenkrise ändere die Liquiditätsspritze der EZB aber erst einmal nichts. Die Banken des Euro-Raums legten immer mehr Geld bei der Europäischen Zentralbank an, weil sie sich untereinander nicht mehr vertrauen. Die Wiwo rät auch Bank- und Sparkassenkunden dazu, ihren Instituten zu misstrauen und ihr Geld vorsichtshalber in Sicherheit zu bringen. Schon der ganze Wortwirrwarr um die diversen Rettungspakete spreche dafür, dass die verantwortlichen Politiker, EU-Bürokraten, Zentral- und sonstigen Banker nicht um Worte, aber um Taten verlegen sind – und dass jeder sein eigenes Süppchen koche. Zukunftsforscher Matthias Horx halte für möglich, einige Länder könnten die Euro-Zone verlassen. „Na und? Dann haben wir eben einen Euro, der den unnötigen Teil seines Übergewichts verliert und dadurch umso stärker wird.“ Dazu, sein Geld in Bundesschatzanweisungen und -obligationen in Sicherheit zu bringen, solle vor dem maroden Bankensystem schützen, nicht vor dem Euro. „Denn der wird, auch wenn das eine oder andere Land sich von ihm verabschieden sollte, noch in zehn und mehr Jahren bestehen.“

Alles hänge an Angela Merkel, glaubt das US-Wirtschaftsmagazin Forbes. Ob sie die Fehler der Vergangenheit wiederhole. „Seit den frühen 30ern habe keine demokratische Regierung solche schweren wirtschaftlichen Fehlkalkulationen gemacht, wie Merkels heutige Regierung." In der Großen Depression habe der deutsche Kanzler Heinrich Brüning verschiedene Sparmaßnahmen Berlin habe noch im schärfsten Wirtschaftsrückgang gefürchtet, ein unausgeglichener Staatshaushalt könne eine Hyperinflation auslösen. Berlins Furcht vor Inflation sei heute so falsch wie Anfang der 1930er. Europas Finanzinstitutionen seien tödlich bedroht. Ihre Liquidität werde abgesaugt. Notmaßnahmen täten Not: Kurzfristliquidität. „Das wäre nicht inflationär, sondern lebensrettend.“ Nachdem Italien und Spanien neue Regierungen hätten, die anders als ihre Vorgänger harte Maßnahmen tragen würden, sollte Berlin dazu ermutigen. „Wird Angela Merkel ein moderner Brüning?“, fragt sich das Blatt. „Ihr Platz in der Geschichte hängt von der Antwort ab – ebenso wie das Wohlbefinden der Welt.“

Der "germanische Weg"
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8 Kommentare zu "Presseschau: Merkel auf Brünings Spuren?"

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  • Forbes hat sich selten durch einen korrekten volkswirtschaftlichen Sachverstand hervorgetan.

    Von Handelsblatt habe ich ehrlich gesagt mehr als nur eine reine Zusammenfassung irgendwelche Artikel mit einer schwankenden Qualität erwartet.

  • Ich gehöre eigentlich schon zur Generation der Leistungsträger. Allerdings lebe ich seit vielen Jahren in Ländern ausserhalb der EU. Ich habe längere Zeit nur unregelmässig Deutsche Medien gelesen. Deshalb treffe ich vielleicht nicht immer den politisch korrekten Ton/Meinung und bin auch nicht firm in allen Details der aktuellen politisch korrekten Geschichtsschreibung.

    Vandale

  • Alle ausländischen Medien vergessen schlicht die Tatsache, dass es auch nationale Interessen zu wahren gilt. Für sie ist nur die Stabilisierung der Währung interessant. Das dies für Deutschland aber ewiges Sponsoring von Schwachmatenstaaten bedeuted, interessiert dort niemanden. Uns aber schon! Von daher ist dieser Pressespiegel vollkommen irrelevant für unsere Entscheidungen.

  • BANKNOTEN ALS PROBLEM DER CHEMIE UND DES UMWELTSCHUTZES
    Ja, wenn es sie doch nur gäbe! Eine Verordnung für unsere Euro-Banknoten, die religiös unterlegt allen den Glauben daran wiedergäbe!
    Man halte indes doch bitte auch fest: Die gewachsene Ungerechtigkeit findet sich nicht nur im europäischen Ausland. Oh nein! Sie findet sich eklatant ekelhaft chronisch verseucht in Deutschland! Vielleicht läutert sich Deutschland doch erst mal besser "innländisch". Gerechtes Steuersystem, so wie es Herr Kirchhof in Buchform ja vorlegt. Oder dem Zuwenden zu unserer Nachfolgegeneration, damit diese nicht rechten Irrsinn pflegt? Oder dem deutschen ausufernden Machtmißbrauch der Krankenkassen, die ja bekanntlich ein Staat im Staate sind und unkontrollierte Milliarden "umleiten".
    Alles dies, ohne auch nur einmal den "bösen" Einfluß "ausländischer" Mächte zu bemühen.

  • @Horst_Trummler, wenigstens im ersten Abschnitt konnten Sie Ihre Gesinnung zu Gunsten des Geistes im Zaun halten. Danach rutscht es leider in die braune Ursuppe ab. Ich hoffe, dass Sie nicht zu meiner Generation der Leistungsträger gehören - sondern zu der , die einfach noch ein paar Jahre Ihre Rente geniesse dürfen.

  • Der Brünning Weg bestand darin das man auf eine Nachfragekrise, verursacht durch das Platzen einer Kredit- und Aktienpreisblase, mit einer Sparpolitik geantwortet hat. Soweit bekannt war Deutschland Ende 1932 wieder auf einem nachhaltigen Erholungskurs angekommen. Ohne die politischen Spannungen und mit weniger kriegsbereiten Politikern auf beiden Seiten hätte diese Wirtschaftspolitik in einen Aufschwung führen können.

    Mit der anschliessenden Politik des Deficit Spending in den USA und Deutschland wurden vielfach sehr zukunftsträchtige Investitionen, in den USA die Highways, Staudämme TVA, Werke zur Herstellung Grundmaterialien zur Kriegserzeugung, in Deutschland das VW Werk, die RWHG (heute Salzgitter), Kaprun Speicherkraftwerke, Werke zur Herstellung von synthetischen Benzin und Gummi, heute Raffinerien und Chemische Werke, gebaut. Ein Teil des Nachkriegswohlstands beruht hierauf.

    Auf unsere heutige Zeit übertragen hiesse dies mit staatlichen Krediten und Bürgschaften eine grosse Zahl an neuen Kernkraftwerken, Glasfasernetzen, Magnetschwebebahnen, Stromnetze zu bauen.

    Die Ausgangssituation ist jedoch sehr verschieden. Meines Erachtens wird die wirtschaftliche Entwicklung sehr stark durch extrem teure und zeitaufwendige Auflagen behindert. Die Baukosten machen heutzutage weniger als die Hälfte der Gesamtkosten einer Autobahn aus. REACH, die BIMSCH, die Oekoreligion und der Radikalfeminismus sind wesentliche Hindernisse die eine wirtschaftliche Gesundung verhindern.

    Vandale

  • Stellen wir die Frage einmal anders: wo stünde der erfolgreiche VW-Konzern (beispielhaft auch für viele andere) heute, wenn Martin Winterkorn und seine Vorgänger lieber im Lager Schrauben gezählt, statt in der Zentrale strategische Planungen und Entscheidungen (Entscheidungen auch i.S. des Justierens bei Soll-Ist-Abweichungen)zu treffen. Nicht nur Brüssel, sondern alle europäischen politischen Eliten haben sich lieber in subsidär zu lösende Aufgaben verbissen. Beispielhaft sind Energieeinsparbeschlüsse, die für die warmen Mittelmehrstaaten genauso gelten wie für das kalte Finnland. Auch Berlin hat sich lieber mit Deckendämmungen und Kanalinspektionen beschäftigt, als mit der heraufziehender Bedrohung durch die europäischen Schuldenexzesse. Dieses Verhalten mag zwar dem Erwartungsdruck der Bürger oder Lobbygruppen geschuldet sein, die für alle Wehwehchen staatlichen Lösungsbedarf sehen. Aber gute Führung muss Wichtiges von Unwichtigen betreffend die Entscheidungsebene unterscheiden können. Danach müsste das konsequente Ablehnen von subsidären oder rein wirtschaftlichen Aufgabe folgen, um die ureigenste Aufgaben verantwortungsvoll und rechtzeitig lösen zu können. Ob Frau Merkel nun auf Brünings Spuren wandelt oder zum Brigadier eines Reparaturbetriebes geworden ist, wird die Zukunft erweisen. Natürlich müssen zuerst die Brände ausgetreten werden. Dabei darf aber nicht verkannt werden, dass die wesentliche Verbesseung Qualität der Führung EU-weit auf der Agenda ganz oben stehen muss.

  • Der Euro wird ein wahren Boom erleben!
    Jeder Privathaushalt weis, dass er seine Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht halten muß, sonst geht er pleite. Rente mit 60, 35 Stundenwoche, ineffiziente Steuerbehörden und Korruption...das geht eben nicht mehr. Die vor Jahren durchgeführten Reformen der nordeuropäischen Staaten müssen nun auch in den anderen kriselnden europäischen Staaten durchgeführt werden. Schlimm ist, dass diese Staaten uneinsichtig sind und es Vertragsänderungen und gar den Einsatz von Expertenregierungen bedarf. Insofern ist Frau Merkel auf dem richtigen Wege. Das Nachsehen haben dann Ihre Kritiker aus dem anglizistischen Sprachraum, die dann immer noch auf Ihren gewaltigen Schuldenbergen sitzen und es sehr viel schwerer haben werden, ihre Probleme zu lösen. Von daher sollte man Kommentare und Berichte aus den USA und England als politisch motiviert abtun. Falls die EU-Staaten tatsächlich die nötigen Reformen durchführen und sich per Gesetz zu solidem Haushalten verpflichten werden die Investoren den Euro dem Dollar vorziehen und der Euro wird einen wahren Boom erleben.

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