Presseschau
Mit Irland hat das „Tontaubenschießen“ begonnen

Die internationale Wirtschaftspresse zweifelt am Effekt der Rettungsaktion für Irland und sieht Portugal als nächsten Krisen-Kandidaten. Für die Financial Times ist Deutschland der Henker der Einheitswährung, während die Börsen-Zeitung mit einigen Krisen-Mythen aufräumt. Vedomosti warnt Russland vor den Fehlern der Türkei. Fundstück: Disneys Prinzessinnen-Krise.
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Das Wall Street Journal sieht durch den Bailout Irlands die „Bazooka-Theorie“ des ehemaligen US-Finanzministers Henry Paulson widerlegt. „Wer in der Tasche eine Panzerfaust trägt, von der die Leute wissen, wird sie wahrscheinlich nicht einsetzen müssen“, habe Paulson Im Jahr 2008 erklärt, als er um Finanzspritzen für Freddie Mac und Fannie Mae gebeten habe. Im Mai habe sich die EU mit ihrem 750 Milliarden Euro schweren Stabilitätsfonds eine eigene Panzerfaust zugelegt. Die Verantwortlichen vor allem in Deutschland hätten damals behauptet, die schiere Existenz des Fonds werde die Märkte beruhigen, ohne dass er tatsächlich genutzt werden müsse. „Die europäische Bazooka feuert nun, es ist jedoch unklar ob sie ihr Ziel trifft“, schreibt das Blatt. Griechenlands Anleihen würden mit größeren Aufschlägen als im Mai gehandelt, für Irland seien die Kreditkosten nur moderat und für Spanien und Portugal „beinahe überhaupt nicht“ gesunken. Darüber hinaus könne der Bailout Irland sogar mehr schaden als nützen, falls die EU im Gegenzug auf einer Erhöhung der 12,5-prozentigen Körperschaftssteuer bestehe. Dabei müsse die irische Wirtschaft künftig noch konkurrenzfähiger werden. „Europa steht nun vor der Wahl, entweder den notleidenden Ländern wieder zum Wachstum zu verhelfen, oder so lange die finanzielle Panzerfaust einzusetzen, bis die Munition leer ist“, mahnt die Zeitung.

Die Wirtschaftsagentur Reuters sieht Portugal als nächsten Anwärter auf EU-Hilfe, sollte nicht bald eine umfassende Lösung gefunden werden. Irlands Rettung dürfte zwar die Märkte etwas beruhigen, doch der Effekt werde nicht lange anhalten. Die Gründe für die Misere Irlands und Portugals seien zwar verschieden – während Irland sich an der Rettung der Banken übernommen habe, leide Portugal an mangelnder Wettbewerbsfähigkeit und geringem Wachstum –, das Ergebnis sei jedoch gleich: „Eine Schuldenlast, die Märkte als kaum tragbar ansehen“. Das Problem könne nur systematisch für alle Staaten gelöst werden. Viele Ökonomen glaubten, die aktuelle Krise sei „von Deutschland gemacht“. Berlin habe einen Ausfall-Mechanismus für staatliche Schulden der Euroländer gefordert, bei dem private Investoren einen Teil der Lasten tragen müssten. „Dies hat die Risikoaufschläge bei spanischen und portugiesischen Anleihen auf ein untragbares Niveau getrieben“, analysiert die Agentur.

Das Verhältnis der internationalen Märkte zu den Ländern der Euro-Peripherie erinnert das Wirtschaftsblatt an Tontaubenschießen. Momentan werde bereits die nächste Scheibe eingelegt – gemeint ist Portugal. Wahrscheinlich würden bereits auch die ersten Communiqués vorbereitet, warum es für dieses Land anders laufen werde als für die Vorgänger. Es gebe keine Betrügereien à la Griechenland, keine drastische Bankenkrise wie in Irland und überhaupt sei sowieso alles anders. „Bei Portugal werden sich die Märkte einfach auf eine neue Story stürzen“, glaubt die Zeitung. Die werde lauten: „Hohe Schulden bei erbärmlichem Wachstum und einer derart geringen Wettbewerbsfähigkeit, dass das Land enorme Schwierigkeiten haben wird, seinen Schuldendienst als souveräner Staat zu bedienen“. Dann würden die ersten Order platziert, die die Risikoaufschläge und damit verbundene Investment-Erträge in die Höhe trieben. Ein Risiko gebe es jedoch gar nicht, weil die EU und der IWF wieder einspringen würden. „Der Marktmechanismus belohnt also Investoren, die sich das Risiko eines Szenarios entlohnen lassen, das nicht existiert“, analysiert das Blatt. Ein perfekter Coup.

 

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  • US-Magazin Market Watch: "in die erste Kategorie fielen solide Staaten mit niedriger inflation rund um Deutschland und seine Nachbarländer. in die zweite die Mittelmeer-Staaten sowie einige andere Randländer."
    Was ist denn das für ein Quatsch. Allenfalls würde sich eine Kern-Eurozone erhalten, und die übrigen Länder würden zu ihren früheren Währungen zurückkehren.
    by the way würde sich die Frage stellen, ob die Euro-Schulden eines aus dem Euro-Verbund austretenden Landes gegenüber ausländischen Gläubigern nicht doch als Devisenschulden weiter in Euro valutieren würden und somit von dem betreffenden Land noch nicht einmal weginflationiert werden könnten. Dann wären die deutschen und französischen banken und damit die Steuerzahler dieser Länder erst so richtig in den Allerwertesten gekniffen.
    Das Szenario, welches sich abzeichnet, ähnelt in gewisser Weise schon der Lage Deutschlands während der Weimarer Republik, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Deutschland wäre der Gläubiger und die Hyperinflation käme in den Schuldnerstaaten, nachdem diese ihre eigene Währung wieder eingeführt haben.
    Also ausdenken kann man sich viel, wirklich wissen werden wir es erst hinterher...

  • ich kann mich ZAHLMEiSTER ebenfalls nur anschliessen!

  • Mein Vorkommentator hat Volkommen recht.
    Danke

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