Presseschau
Nach der Krise ist vor der Krise

Die Internationale Wirtschaftspresse macht sich Gedanken, woher die Staatsverschuldung kommt – und wohin sie führt. Die Financial Times Deutschland hält das neue Social Network Ping von Apple für ein Geschäft ohne Risiko. Fundstück: Dirk the DAX verliert an Höhe.
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Der Internationale Währungsfonds legte in der Nacht zum Donnerstag eine Studie vor, nach der hohe Risikoaufschläge auf Staatsanleihen nicht automatisch zu einer Pleite oder Umschuldung führen müssen. Der IWF fordert, nicht nur Griechenland, Italien und Portugal müssten radikale Reformen durchführen, sondern auch die USA und Großbritannien sollen ihren Schuldenstand deutlich reduzieren. Die öffentliche Verschuldung in entwickelten Ländern habe Stände erreicht, die in Friedenszeiten bislang unbekannt seien.

Bisher habe den Regierungen die Finanzkrise als formidable Ausrede für den rasanten Anstieg der Schuldenberge gedient, kommentiert die WirtschaftsWoche. Doch den Weg in den Schuldenstaat hätten die Regierungen lange vorher eingeschlagen. Mit dem Vorwurf, die Regierungen hätten in den vergangenen 35 Jahren die öffentlichen Haushalte immer wieder benutzt, um wirtschaftliche Schocks abzufedern, es dabei aber verpasst, die hohen Schulden in guten Zeiten wieder zurück zu führen, weise der IWF auf den Kardinalfehler jeder antizyklischen Wirtschaftspolitik hin: Die Asymmetrie der Reaktionen bei den politisch Verantwortlichen. Während sich Politiker um Staatsausgaben auf Pump nicht lang bitten ließen, verschöben Sie die notwendige Rückführung der Staatsschulden im anschließenden Aufschwung auf den Sankt Nimmerleinstag. „Als Folge ächzen die Länder unter riesigen Schuldenbergen, die in Staatsbankrott und Inflation zu münden drohen.“ Auch die Notenbanken handelten asymmetrisch und schleusten nach jeder geplatzten Blase die Leitzinsen ratz fatz nach unten, um anschließend die Zinsen viel zu lange viel zu niedrig zu lassen und so die Basis für immer neue Spekulationsblasen zu legen. „Es sind diese asymmetrischen Reaktionen der Geld- und Finanzpolitik, die der Weltwirtschaft die Finanzkrise beschert haben“, hält die WiWo fest. Doch die Regierungen und Notenbanker scheine das nicht zu stören. Die großen Zentralbanken hielten dennoch auf lange Sicht die Zinsen ultraniedrig. US-Präsident Barack Obama bringe ein weiteres schuldenfinanziertes Konjunkturprogramm auf den Weg. „So dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis uns die nächste Krise ins Haus steht.“

Tony Blairs Memoiren würden zwar vor allem wegen seiner überraschend positiven beziehungsweise durchwachsenen Ansichten über George W. Bush und Gordon Brown beachtet. „Aber Herrn Blairs klarsichtiger Blick auf die Finanzkrise ist bedeutend interessanter“, kommentiert das Wall Street Journal. In seinem letzten Kapitel von „Eine Reise“ habe Blair nicht nur notiert, dass Regierungen, Regulierung, Politiker und die Geldpolitik versagt hätten, sondern auch, dass das Versagen im Verständnis der Krise gelegen habe. Zur Frage der keynesianischen Stimuluspolitik zitiert das WSJ Blair so: „Schließlich wird die Erholung nicht von Regierungen geschafft, sondern von der Industrie, Wirtschaft sowie Kreativität, Erfindungsreichtum und Unternehmergeist der Menschen.“ Dann wendet das Blatt ein: „Man kann sich fragen, ob Herr Blair im Amt all dies immer so klar erkannt habe.“ Und fügt an: „Doch schließlich, nicht mehr im Amt, habe Herr Blair eine einleuchtendere Diagnose unserer vergangenen – und anhaltenden – Probleme vorgelegt, als die meisten unserer derzeitigen Führer.“

Der Economist diagnostiziert drei verschiedene Grade der Reputation von Zentralbankern. In der Finanzkrise habe man sie beschuldigt, Haus- und Kreditblasen zugelassen zu haben, dann vergöttert, weil sie durch ihre großangelegte Unterstützung des Finanzsystems eine neue Depression verhindert hätten. Nun sei ein drittes Stadium da, das der gefährlich übersteigerten Erwartungen. Das Blatt warnt davor, wie in normalen Zeiten üblich, Zentralbanker die Wirtschaft stabilisieren zu lassen. „Mit Kurzfristzinssätzen bei Null bedeute jedes Mehr an monetärem Boom, einen Instrumentensatz auszubreiten, dessen Wirkungen und Nebeneffekte kaum verstanden sind.“ An guten Ratschlägen mangele es Herrn Bernanke und seinen Kollegen nicht, vom Kauf weiterer Regierungsanleihen bis zum Rat, die Zinssätze niedrig zu lassen. Einige Ideen seien ungetestet, andere litten unter abnehmendem Erfolg. Keiner der Einwände bedeute, Zentralbanker sollten nicht tun, was sie könnten, resümiert das Blatt. Ihre Werkzeuge, um Deflation abzuwehren sollten sie nutzen. „Doch die Verantwortung für ein boomendes Wachstums muss mehr mit Politikern geteilt werden.“ Nur sie könnten die strukturellen Probleme wie etwa die Hausverschuldung in Amerika oder die Jobbarrieren in Teilen Europas lösen.“ Und nur sie könnten Stimuli mit langfristigen Steuer- und Rentenreformen verbinden. „Es ist berauschend für Zentralbanker, wieder einmal als Erlöser gesehen zu werden“, glaubt das Blatt, „aber sie können es nicht allein schaffen.“

Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman geht in seinem Blog bei der New York Times der Leserfrage nach - „eigentlich eine sehr gute Frage“ - warum eigentlich Inflation der Wirtschaft einen Nutzen bringe. Die Antwort sei, dass Schuldner viel wahrscheinlicher von ihrer Bilanz eingeschränkt werden, als Gläubiger. Als Beispiel nennt er den Preisverfall zwischen 1929 und 1933, der schwer mit Hypotheken belastete Farmer ärmer machte, während er Reiche, die auf ihrem Geld gesessen hätten, reicher gemacht habe. „Aber während die Farmer gezwungen waren, ihre Ausgaben drastisch zu kürzen, hatten die Leute, die auf ihrem Geld hockten gerade mal die Option, mehr auszugeben“, analysiert Krugman. „Eine Option, die viele nicht gewählt haben.“ Während also die Umverteilung von Wohlstand durch Deflation kontraktorisch wirke, steigere die Umverteilung aufgrund von Inflation die allgemeine Nachfrage. „Und all das erklärt, warum Schulden, sogar, wenn es Schulden sind, die wir selbst uns schulden, ein immenses ökonomisches Problem sein können“, hält Krugman fest.

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