Presseschau
„Notenbanken liefern Pflaster statt Heilmittel“

Ein wichtiges Signal, aber keine Lösung der Schuldenkrise – die internationalen Medien bleiben nach der Intervention der Zentralbanken skeptisch. Und erhöhen den Druck auf die deutsche Kanzlerin, sich endlich zu bewegen.
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Die wichtigsten Zentralbanken der Welt haben gestern mit einer Welle von Aktionen die internationalen Aktienmärkten in Euphorie versetzt. Die Börsen in Europa reagierten mit einem kräftigen Kursanstieg. Aus Sicht der Financial Times Deutschland ist die massive Intervention ein „schrilles Warnsignal“, da das Bankensystem offenbar kurz vor dem Kollaps gestanden habe. Doch das Liquiditätsproblem der Banken sei im Vergleich zu den Problemen auf den Staatsanleihemärkten nur sekundär. Dennoch: Die Intervention sei ein psychologisch wichtiges Signal: „Amerikaner, Europäer und Chinesen sind willens und in der Lage, schnell und koordiniert zu handeln, wenn es die Situation erfordert.“

Das gemeinsame Vorgehen sei wie ein Pflaster für die große Wunde in Europa, aber keine Heilung, argumentiert Fortune. Die Auswirkungen seien temporärer Natur, griffen aber nicht die strukturellen fiskalischen Probleme der Eurozone an. Daher werde der Aufschwung auf den Finanzmärkten im Sande verlaufen, sobald klar werde, dass die Ursachen der Probleme weiter bestehen. Als Ausweg aus der Krise erkennt das US-Magazin nicht die Eurobonds, sondern eine „totale fiskalische Integration“ in der Eurozone, bei der die nationalen Haushalte synchronisiert werden.

In der britischen Financial Times liest Pimco-Chef Mohamed El-Erian zwei wesentliche Aspekte aus der Aktion der Notenbanken heraus: Diese Institutionen verspürten den Drang einzugreifen, weil andere Akteure zu langsam und ineffektiv seien. Hinzu komme, dass die Zentralbanker Druck vom Bankensystem nehmen wollten. Hoffentlich handelten die Notenbanker, weil sie zuversichtlich seien, dass andere Politiker endlich zu der sich ausweitenden und Wachstum, Jobs und Ungleichheit betreffenden Schuldenkrise aufschließen wollten. Zu befürchten sei jedoch, dass die Zentralbanker lediglich einer Reihe von politischen Enttäuschungen vorwegkommen wollten.

Die „akutesten“ Probleme seien nicht die schlimmsten, dämpft auch der Kommentator der Financial Times selbst die Hoffnungen. Die eigentliche Sorge sei nicht die Versorgung mit Dollars, sondern mit Euros. Die Interbanken-Kredite und unbesicherten befristeten Finanzierungsmittel drohten in der Eurozone trockengelegt zu werden, während kurzfristige EZB-Kredite und besicherte Schulden an ihre Stelle träten. Fazit der FT: Die Zentralbanken hätten ein Signal der Handlungsbereitschaft aussenden wollen. Bleibe zu hoffen, dass diese Botschaft auch bei den EU-Regierungschefs angekommen sei.

Euphorie spürt La Tribune aus Frankreich an den Finanzmärkten. „Dabei überrascht der Umfang der Maßnahmen, die die Notenbanken beschlossen haben. Sie ermutigen und zielen genau auf ein aktuelles Kernproblem ab: die Schwierigkeiten der Banken hinsichtlich ihres Zugangs zu Finanzierungen, vor allem in Dollar“, kommentiert das Blatt. Auch der Schritt der chinesischen Zentralbank, den Mindestreservesatz für die Banken um 50 Basispunkte zu senken, hätten die Märkte positiv aufgenommen. „Nachdem Chinas Behörden in den letzten Jahren die Reservequote immer wieder angehoben haben, ist dies ein wichtiges Signal des Einlenkens.“ Beide Aktionen hätten schnell vergessen gemacht, dass die Ratingagentur Standard & Poor‘s gerade erst die Noten von 15 Großbanken heruntergestuft hatte.

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Economist: „Die Gefahr wächst weiter.“

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  • Widerstand leisten nach Paragraph 20 Absatz 4 Deutsches Grundgesetz !

    Politiker belügen das Volk und vertreten nicht mehr seine Interessen !

  • Wann steigt Deutschland aus?

  • Hallo,
    bei der Finanzkrise wird das System Krankenversicherung (Deutschland) angewand:
    Viel zahlen Beiträge, die Entscheider zahlen nicht und "der Apparat" frisst und verteilt die Beiträge.
    Dabei wird überwiegend auf die Behandlung von Symptomen gesetzt, nur in seltenen Ausnahmen werden die Ursachen angegangen.

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