Presseschau „Papandreou ist der einzige Held“

Die internationale Wirtschaftspresse warnt vor der heute anstehenden Vertrauensfrage des griechischen Regierungschefs vor Neuwahlen und nimmt den Ministerpräsidenten vor seinen Kritikern in Schutz. Die Wiener Zeitung geißelt indes das Spiel der „Ratten-Agenturen“ - und die Financial Times lobt die britische Regierung für ihre Ideen zur Bankenreform.
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Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou will die Vertrauensfrage stellen. Quelle: dpa

Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou will die Vertrauensfrage stellen.

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Giorgos Papandreou, Griechenlands Ministerpräsident, ist mit seinem Versuch gescheitert, die konservative Opposition für eine Koalition der "nationalen Einheit" zu gewinnen. Er werde nun am heutigen Donnerstag sein Kabinett umbilden und im Parlament die Vertrauensfrage stellen, kündigte Papandreou gestern Abend in einer Fernsehansprache an.

Aus Sicht des Wall Street Journal wären Neuwahlen in Griechenland das falsche Signal: „Eine frische politische Unsicherheit wäre ein komplettes Desaster.“ Nach Meinungsumfragen würde aktuell keine der beiden großen Parteien (Sozialisten und Neue Demokratie) eine Mehrheit zur Bildung einer Regierung erlangen. Dies wiederum würde zu noch höheren Zinsen bei den Staatsanleihen und neuen Tiefstständen beim Vertrauen der Verbraucher führen. Außerdem würden die Athener Börse, die gegenüber dem Höhepunkt vor einigen Jahren 70 Prozent verloren habe, noch stärker taumeln und die ohnehin am Land zweifelnden Investoren weiter verunsichert. Fazit: Da den Griechen Anfang Juli das Geld ausgehe, seien sie auf der „Einbahnstraße“ zum Bankrott.

Die Süddeutsche Zeitung fordert ein Komplettpaket zur Rettung von Griechenland. Darin enthalten: weitere Opfer von den Griechen selbst, eine Umschuldung, ein großes Wiederaufbauprogramm à la Marshallplan für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg – und eine große Reform in Europa, die eine „Härtung des Stabilitätspaktes“ und ein System gegen unseriöse Finanzpolitik umfassen solle.

Die Welt nimmt anlässlich der gewaltsamen Proteste in Athen die griechischen Politiker in Schutz, die nicht als Einzige an den griechischen Staatsschulden Schuld trügen. Auch die Bürger hätten wissen müssen, immer neue Wohltaten und Versprechen der griechischen Politik in die Schuldenfalle führten. Daneben hätten die Gewerkschaften unrealistisch hohe Löhne durchgesetzt, was dazu geführt habe, dass die Unternehmen des Landes international wettbewerbsunfähig sind. Für das Blatt sind die Proteste ein „verheerendes Signal an den Rest Europas“, da sie den Eindruck vermittelten, dass viele Griechen immer noch an Realitätsverweigerung litten.

Die Financial Times Deutschland lobt den griechischen Regierungschef Giorgos Papandreou, der aktuell als einziger Held aus dem Schlamassel heraussteche. Seit Ausbruch der Schuldenkrise habe der Sozialdemokrat so ziemlich alles getan, was die Europäer und der Internationale Währungsfonds (IWF) von ihm verlangt hätten. Die von Papandreou angekündigte Umbildung des Kabinetts zu einer Regierung der "Nationalen Einheit" erfülle die letzte Bedingung, die Europa ihm abverlangt habe: für einen nationalen Konsens bei den auferlegten Sparprogrammen zu sorgen. Dennoch: Über kurz oder lang sei er ein Bauernopfer. „Eine Regierung, die so radikal spart wie derzeit die Krisenländer der Euro-Zone, wird abgewählt. Das hat schon die Wahl in Portugal vor zehn Tagen bewiesen.“

Fragwürdiges Spiel der "Ratten-Agenturen"

Die Ratingagentur Standard & Poor’s spiele sich – fernab jeglicher demokratischer Legitimation – als „finanzielle Welt-Polizei“ auf, kritisiert die Wiener Zeitung. Über Jahre sei das hingenommen worden, jetzt aber gehe die Agentur frontal auf die Euro-Zone los. „Ein westamerikanischer Medienverlag kann ja wohl nicht bestimmen, was gut und richtig in Europa ist. Alle EU-Länder sollten in der Sekunde die Bonitätseinstufungen solcher Unternehmungen ablehnen und dies laut aussprechen. Denn die ‚rating agencies‘ sind zu Ratten-Agenturen verkommen, ihr Wort ist nichts wert“, schimpft die österreichische Zeitung.

Britische Regierung will Trennkost verordnen

Die britischen Banken sollen nach dem Willen der Regierung ihr Privatkundengeschäft stärker vom riskanteren Investmentbanking abgrenzen, die Firmenteile bleiben aber unter dem Dach einer Holdinggesellschaft.  Nachdem sich Finanzminister George Osborne am gestrigen Mittwoch für einen entsprechenden Vorschlag einer unabhängigen Kommission zur Reform der Bankenbranche ausgesprochen hat, wertet die Financial Times dies zwar als mutigen Schritt. Gleichwohl sei der Vorschlag im Vergleich zu einer kompletten Trennung der Geschäftsbereiche und den geforderten weitaus höheren Eigenkapitalanforderungen „weniger radikal“. Indem Osborne schon jetzt, drei Monate, bevor die Kommission ihren Abschlussbericht vorlegt, zu Wort meldet, wolle er die Reform beschleunigen und sich selbst in ein gutes Licht bei der Öffentlichkeit stellen, vermutet das Blatt.

„Krebsgeschwür“ in der Nobelbank

Nach Recherchen des Manager Magazin sind die Recherchen der Kölner Staatsanwaltschaft im „größten Bankenskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte“ weiter fortgeschritten als bisher bekannt. Die Ermittler der Sonderkommission "Byzanz" hätten im Fall Sal. Oppenheim akribisch Büros und Wohnungen durchsucht und unermüdlich Indizien und Beweise zusammengetragen. Die früheren Geschäftsleiter hätten nicht nur das eigene Vermögen dezimiert, sondern das aller Bankeigner: der Familie Oppenheim sowie Nachfahren ehemaliger familienfremder Partner. Papiere zeigten außerdem, wie sich der Einfluss des Immobilienjongleurs Josef Esch, der dem Geldhaus jahrelang zwei- bis dreistellige Millionengewinne eingebracht habe, wie ein "Krebsgeschwür" in der Bank ausgebreitet habe.

Moskauer Prachtboulevard wird teurer

Moskaus Prachtboulevard Twerskaja gehört laut neusten Untersuchungen zu den zehn teuersten Straßen der Welt, berichtet die russische Wirtschaftszeitung Vedomosti. Die Miete für einen Quadratmeter entlang der Straße in Moskaus Stadtzentrum belaufe sich auf 7413 Dollar im Jahr. Dies seien etwa 21 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Die Straße sei ein beliebtes Pflaster für ausländische Geschäfte und Handelsketten. Die teuerste Straße der Welt sei nach Angaben der Zeitung die New Yorker Fifth Avenue mit über 23.000 Dollar Jahresmiete für einen Quadratmeter. Der deutschsprachige Raum wird vertreten von der Bahnhofsstraße in der Schweizer Hauptstadt Zürich. Was Moskau angeht, so sei die Nachfrage auf der Twerskaja vielfach höher als das Angebot, was dazu führen werde, dass die Preise auf anderen Straßen im Zentrum der Twerskaja sich angleichen dürften.

Fundstück: Wirtschaftsbetrüger im Profil

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  • Daniel Lenz, Maxim Kireev
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5 Kommentare zu "Presseschau: „Papandreou ist der einzige Held“"

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  • Die deutschen Medien sind ja auch absolute Systemmedien. Das dumme deutsche Volk darf nur das wissen, was das Politbüro sagt.
    Ist doch wie bei Göppels und seiner Propaganda. Wie sehr sich doch so manches ähnelt. Es ist erschreckend.
    Man hat so das Gefühl, Europa soll mit aller Gewalt zerstört werden.
    Der jahrzehntelange Frieden den wir ahben, paßt offenbar einigen nicht

  • Natürlich ist die jetzige Regierung nicht schuld an der Krise, nach 20 Monaten im Amt kann sie das gar nicht. Aber ich verstehe den Zorn der Griechen, Zorn auf ihre Führer der vergangenen Jahrzehnte. Und der entläd sich nunmal gegen die jetzige Regierung.

  • Ich frage mich nur, wieso schweigen die deutschen Medien?? Bangen hier zulande vlt auch Banken und Finanzheie auf einen Bankrott Griechenlands?

    Wie gesagt G.P´s Vater hat das Land kaputt gemacht, und all die nachfolgenden Regierungen haben munter so weiter gemacht bis sein Sohn an der Reihe kam. Der nun die Suppe, die sein Vater versalzen hat, auslöffeln darf.

    Ich als Grieche verstehe nicht, warum die Griechen die jetztige Regierung für ihre Misere anprangern, es waren die Regeierungen davor! Klar eine Umstrukturieirung Griechenlands war schon lange von nöten, aber alles in dem ganzen Wust durch zu bekommen wird schwierig!

    Gruß
    Der Grieche aus Deutschland ;)

  • P., sein Vater und sein Großvater waren je Ministerpräsidenten von Griechenland. Die Familie P. trägt somit ganz erheblich Schuld an der schlechten wirtschaftlichen Lage und der Korruption des Landes. P. jetzt als Held zu betiteln ist schon grotesk!
    @ Weltenbürger: Der Vorwurf, dass P. und dessen Familie und Freunde mit CDS Milliarden verdient haben, ist berechtigt und wird schon seit Wochen im griechischen Parlament diskutiert. Nur die deutschen Medien schweigen sich darüber aus!

  • „Papandreou ist der einzige Held“
    Der Blog CoveringDelta berichtete am 29.05.2011, dass die staatliche griechische Postbank, Anfang 2009, CDS (Credit Default Swaps = Shorts) auf griechische Staatsanleihen gekauft hat…


    CDS sind Kredit-Ausfall-Versicherungen, die im Wert steigen, wenn die zugrunde liegenden Anleihen im Wert fallen. Der griechische Ministerpräsident Papandreou soll im Dezember 2009, kurz nach seiner Machtübernahme, angeordnet haben, diese Papiere für etwa 1,3 Milliarden Euro an Firmen zu verkaufen, an denen seine Familie beteiligt ist.

    Dieser Verkauf fand zufälligerweise zum gleichen Zeitpunkt statt, an dem Papandreou mit dem IWF hinter verschlossenen Türen über ein Rettungspaket verhandelte. Damit war klar, dass die CDS massiv an Wert gewinnen mussten wenn die griechische Schuldenmisere öffentlich bekannt werden würde. So kam es dann auch, denn aufgrund des massiven Verfalls der griechischen Staatsanleihen in den letzten Monaten, sind diese CDS mittlerweile 23 Milliarden Euro wert, das entspricht einer Wertsteigerung von etwa 2700 Prozent!

    Das ist schon ein Held....

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