Presseschau
Politik der Beschwichtigungen

Die internationalen Medien gehen hart mit dem Krisenmanagement der japanischen Regierung ins Gericht. Auch die Debatte deutscher Politiker über Atom-Ausstieg und steigende Energiepreise werten die Medien als zynisch.
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Nach den Kursstürzen an der Börse in Tokio seit Wochenanfang, durch die 626 Milliarden Dollar vernichtet worden seien, zweifelt das Wall Street Journal an den Versuchen der japanischen Regierung, die Anleger zu beruhigen. Die Ankündigung, dass man möglicherweise Aktien kaufen werde, ähnlich wie in den 1990-er Jahren oder nach der Lehman-Brothers-Pleite, sei insofern zweifelhaft, als sich das hochverschuldete Land keine Geschenke für die Aktionäre leisten könne. Der von Premierminister Naoto Kan angeregte „New Deal“, um mit fiskalischen Stimuli mehr Geld in Infrastrukturprogramme zu pumpen, zeige, dass die Regierung nichts aus den vergangenen zwei Jahrzehnten gescheiterter Bailout-Programme gelernt habe.

Auch die Japan Times greift den Kurssturz an der Tokyo Stock Exchange vom Dienstag auf. Hauptursache sei offenbar die Sorge, dass die Wirtschaft in der Tohoku -Region durch das Erdbeben beeinträchtigt werde – große Firmen wie Toyota und Honda hätten ihre Produktion zeitweise gestoppt. Dennoch gebe es zuversichtliche Stimmen, dass die Autobauer ihre Binnen-Krise durch verstärkte Exporte werden ausgleichen können.

Die russische Zeitung Vedomosti kritisiert die Informationspolitik der japanischen Regierung und fühlt sich an die Zeiten der Sowjetunion während der Tschernobyl-Katastrophe erinnert. Die ersten Äußerungen des Premiers Naoto Kan hätten noch verlautbart, dass die Informationen über eine erhöhte Radioaktivität ein Gerücht seien, erst später habe er sich korrigieren müssen. Kurze Zeit danach habe die Führung sogar eine Evakuierung veranlassen müssen. Nun würden auch die Angaben über die Strahlenbelastung in Mikrosievert schwanken und ständig nach oben korrigiert, aber nur allmählich. „Die Beschwichtigungen ziehen nicht mehr, nachdem der Unfall in Fukushima 1 von der INES als Störfall der Stufe sechs betrachtet wird. Die höchste Stufe 7 hat bisher nur der Super-Gau in Tschernobyl erreicht“, schreibt das Blatt. Ein ähnliches Wirrwarr aus anfänglichen Beschönigungen und nur schrittweiser Korrektur der Angaben habe es auch bei den Tsunami-Opferzahlen gegeben.

Für den Economist sind die politischen Auswirkungen der Japan-Katastrophe auf Deutschland „plötzlich und dramatisch“. Hintergrund der Kehrtwende in Merkels Atompolitik seien die anstehenden Landtagswahlen, besonders in Baden-Württemberg. Doch das Wirtschaftsmagazin geht davon aus, dass die Regierung nach dem Moratorium nicht wieder auf den alten Atom-Kurs einschwenken wird. Als Physikerin wisse Merkel, dass die Risiken der Atommeiler in Deutschland heute nicht größer seien als vor der Katastrophe in Japan. Gleichwohl sei ihr bewusst, dass die politischen Risiken gestiegen seien. „Das bedeutet, dass die Regierung mit einer neuen Energiepolitik aufwarten muss, die den Wähler beruhigt, ohne die Energiekosten in die Höhe zu treiben oder die ehrgeizigen Ziele zur Reduktion der CO2-Emissionen bedroht. Deutschland wird also eine neue ,Brücken'-Technologie suchen. Möglicherweise ist dies Gas“, vermutet der Economist.

Unter ökologischen Gesichtspunkten wäre eine Rückkehr zur Stromerzeugung aus fossilen Energieträgern nicht der Weisheit letzter Schluss, meint der Wiener Standard. Die 17 deutschen AKW würden in etwa so viel Treibhausgase vermeiden, wie der ganze Autoverkehr produziere; eine Atom-Kehrtwende würde zwangsläufig zu neuen Kohle- und Gaskraftwerken führen. Ein sinnvoller Ausstieg aus der Atomkraft, so das Blatt, müsse stattdessen über Effizienzsteigerungen und Einsparungen laufen. „Doch die beiden Begriffe spielen in der Energiedebatte eine untergeordnete Rolle.“

Die Welt kritisiert das „Theater“ in der Debatte um das Atom-Moratorium. Dass das „Ausstieg oder nicht Ausstieg“ auf den Weltbühnen nicht der große Publikumsmagnet sei – nicht einmal in Japan –, spiele keine Rolle. „Bei uns läuft das Stück bestens, weil hierzulande die Rollen von Schurken und Rettern, angesichts der derzeitigen Mehrheit für den Ausstieg, fest zugeteilt sind.“ In Erinnerung an den Atomunfall von Tschernobyl könnte die Halbwertszeit der Atomangst zwar kurz ausfallen. Doch anders als 1986 sei die Generation der Mahnwachen für den Ausstieg von damals heute die Generation der leitenden Berichterstatter und Kommentatoren im Lande.

Wenn alle Atomkraftwerke doch so sicher seien, warum stünden sie dann nicht mitten im jeweiligen Land, sondern in aller Regel nahe an der Grenze zum Nachbarstaat, fragt die die Wiener Zeitung. Die Mängel, die bei den europaweiten anstehenden Überprüfungen jetzt entdeckt würden, erklärt das Blatt damit, dass Atomkraftwerke, vor allem ältere Reaktoren, für die Energiekonzerne Gelddruckmaschinen seien – die Unternehmen aber ihre Gewinne nicht durch zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen reduzieren wollten. Mit Blick auf die deutsche Atompolitik schreibt das Blatt: „Das vom deutschen Wirtschaftsminister Brüderle am Dienstag genannte Argument, Energiepreise würden steigen, wenn auf Kernenergie verzichtet wird, ist im Angesicht des japanischen Leids purer Zynismus. Solche Politiker finden sich weltweit, auch in Japan. Mit ein Grund für die Katastrophe.“

„Angsttage sind Kauftage“, sucht das österreichische Wirtschaftsblatt nach Chancen in der Japan-Krise. Die crashartigen Kursverläufe an den Börsen seien damnit zu erklären, dass die „Lemminge“ jetzt nach der Rekordhausse seit März 2009 die Richtung gewechselt hätten und ihre Gewinne mitnähmen. „Da die fundamentale Berechtigung der Korrektur – abseits der Börse Tokio – endenwollend ist, können sich vor allem jene Investoren freuen, die aktuell auf einem Haufen Cash sitzen. Die dürften sich in den kommenden Wochen die Hände reiben.“ Denn es sei absehbar, dass nach einigen volatilen Tagen die Indizes neuerlich auf die alten Aufwärtstrends aufspringen würden. In der langfristigen Nachbetrachtung. lautet das Fazit der Zeitung, werde die Katastrophe in Japan zu einem „börsetechnische Non-Event“ verkommen.

Der indische Business Standard fragt sich, ob die Renaissance der Kernenergie nun vorbei sei. In den 1980-er Jahren sei Atomkraft  negativ behaftet gewesen: Nach Störfällen in Kernkraftwerken in den USA und der Ukraine habe die Öffentlichkeit solche Anlagen als tickende Atombomben in ihrer Mitte betrachtet, die außerdem Gesundheitsrisiken bergen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hätten dann die Experten weltweit eine „nukleare Renaissance“ erkennen können, beflügelt von den steigenden Kosten fossiler Brennstoffe, der Sorge um den Klimawandel und dem steigenden Strombedarf in den asiatischen Ländern – allen voran China und Indien. Neben den schätzungsweise 448 Kernkraftwerken weltweit sei vor der Japan-Krise ein massiver Ausbau der Atomkraft innerhalb der kommenden 20 Jahre geplant gewesen – der jetzt in Frage stehe. Wichtig sei in dieser Situation, dass Lehren aus der japanischen Katastrophe gezogen werden. Davon hänge ab, ob die „nukleare Renaissance“ überlebe, so das Blatt. Nur wenn die Öffentlichkeit über Kernenergie aufgeklärt und ein intelligentes Bewusstsein für deren technische, politische und wirtschaftliche Risiken entwickelt werde, könne das öffentliche Vertrauen zurückgewonnen werden.

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  • Man muss aufpassen, dass der Tsunami der Angst, der über die Presse rollt, nicht noch mehr Schaden anrichtet. In der Scottish Sun (zugegebenermaßen nicht das, was man als denkender Mensch lesen sollte) war ein Reich illustrierter Artikel mit eindrucksvollen Bildern:

    Eine Aufnahme zeigt einen Geigerzähler in den Strassen von Tokio, um die Massenpanik zu rechtfertigen. Bei 0,6 Microsievert pro Stunde dauert es allerdings vier Millionen Stunden, bis das Krebsrisiko um 1% erhöht wird.

    Eine ander Aufnahme zeigt die Massenpanik am Flughafen Tokio. Sah aus wie ein Archivbild eines Sonntagnachmittags von vor zwei Jahren. London-Heathrow habe ich noch nie so leer gesehen.

    Es ziert aber auch nicht gerade das Handelsblatt, wenn die oberste Schlagzeile Überlebende von Hiroshima zitiert mit 'keiner sagt uns die Wahrheit'. Guckt halt auf den Geigerzähler und überlegt, was gerade anliegt im Leben. Gab's nicht irgendwo ein Beben mit unglaublichen Zerstörungen, um die man sich kümmern muss? Können wir mal die Kirche im Dorf lassen?

    Schon klar, dass sich keiner über Gesundheitsbelastung freut, aber der nicht evakuierten Bevölkerung wäre vielleicht schon geholfen damit, einmalig eine Schachtel weniger Zigaretten zu rauchen, und das gesamte zusätzliche Krebsrisiko ist schwuppdiwupp kompensiert. Sollte jemand vor Schreck gleich zwei Schachteln weggelassen haben, dann ist der Netto-Gesundheitseffekt der Ereignisse plötzlich sogar positiv...? Auweia. Räumen wir erst mal Japan wieder auf, dann können wir uns an den Kamin setzen mit einem Blatt Papier und einem Stift und mal den Atom-Kram ausrechnen.

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