Presseschau: Schlecker hätte sich die große Demütigung ersparen können

Presseschau
Schlecker hätte sich die große Demütigung ersparen können

Die Internationale Wirtschaftspresse debattiert den Fall Schlecker. Die Financial Times rüffelt David Cameron. Und das Wall Street Journal und die Fortune stellen die Systemfrage von zwei verschiedenen Enden her.
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Vom Tellerwäscher zum Millionär - Anton Schlecker verkörpere den amerikanischen Traum genauso wie den schwäbischen Albtraum: vom Milliardär zum Habenichts, stellt die Financial Times Deutschland und staunt über die Versicherung der Tochter, das Familienvermögen sei futsch und die Aussage des Insolvenzverwalters, bei Schlecker sei privat nicht mehr viel zu holen. Das Mitleid halte sich in Grenzen. „Seine Egomanie, seine Geheimniskrämerei sind dem einstigen Drogeriekönig wahrscheinlich zum Verhängnis geworden.“ Weil er sich nie in die Karten habe schauen lassen wollen, habe er eine für sein Unternehmen höchst riskante Rechtsform gewählt: den eingetragenen Kaufmann. Die schnelle und einsame Entscheidungen erlaube. Aber dem Unternehmer auch die volle Haftung auflud. „Das Schlimme ist, dass Schlecker nicht nur sich in Haftung genommen, sondern 47.000 Mitarbeiter mitverhaftet hat, von denen jetzt viele um ihren Arbeitsplatz bangen.“ Die Rolle des ehrbaren Kaufmanns, der zum Schluss alle Last trage, sei das „eben nicht die ganze Wahrheit. Sondern nur seine ganz persönliche“, hält die FTD fest.

Das Unternehmermagazin Markt und Mittelstand wundert sich derweil, ob Schlecker wohl systemrelevant sei. Schließe doch Baden-Württembergs Wirtschafts- und Finanzminister Nils Schmid (SPD) eine Bürgschaft des Landes für Investoren der insolvente Drogeriekette Schlecker nicht aus. Ob diese freimütige Offerte tatsächlich Anklang bei den Bürgern finden werde? „Ein Blick in die leeren Gänge der Drogeriemärkte lässt daran zweifeln.“ Systemrelevant sei Schlecker sicher nicht. Hinter der Insolvenz steckt vielmehr ein normaler Konsolidierungsprozess. Die Kunden hätten sich gegen Schlecker entschieden. Das Unternehmen habe nun die Konsequenzen der Marktentscheidung zu tragen – allein und ohne Eingreifen des Staates.

 

In diesen Zeiten der Rücksichtslosigkeit in vielen Chefetagen – und schon gar nicht diesem Mann – möchte man es glauben, schreibt Die Welt: „Anton Schlecker hat durch die Wahl der Rechtsform seines Unternehmens sehenden Auges riskiert, sein persönliches Vermögen zu verlieren.“ Und er habe es verloren. Diese Version der Geschichte hält die Zeitung für glaubwürdig. „Hätte er das Geld gehabt, hätte er vermutlich gezahlt und sich so die größte Demütigung seines Unternehmerlebens erspart.“ Auch für von langer Hand geplante Planinsolvenz und bequeme Sanierung auf Kosten anderer spreche wenig. Wichtiger sei jedoch der Blick nach vorn: „Wird es das, was der vorläufige Insolvenzverwalter „Schlecker 2.0“ nennt, jemals geben?“ Zumindest gebe es Hoffnung. Wieder liefernde Lieferanten zeigen: Die Sache ist nicht aussichtslos. In bereits renovierten Läden liefen die Geschäfte auch offenbar schon besser, stellt die Zeitung fest. Die offenbar behutsame Schrumpfungsstrategie sei ein gutes Signal. „Ver.di sollte kooperieren und sich mit Horrorszenarien zurückhalten“, appelliert das Blatt. Denn der Buhmann Anton Schlecker habe nichts mehr zu sagen bei Schlecker.

 

Es werde ein Unternehmen geben, das aus den Ruinen der zusammen gebrochenen Schlecker-Gruppe neu aufgebaut wird, glaubt auch die Frankfurter Rundschau. „Der Grund: Die Lieferanten wollen es so.“ Denn die Drogeriekette sei für Henkel, Beiersdorf, Procter&Gamble und Dutzende weiterer Firmen mit Tausenden von Filialen ein eminent wichtiger Absatzkanal. Außerdem würde ein Duopol aus dm und Rossman die Renditen schmälern. Für die Kunden sei gravierend, dass dies das enorm günstige Preis-Leistungsverhältnis in der Branche verschlechtern würde. Es dürfe mindestens zwei, drei Jahre dauern, bis Schlecker 2.0 funktioniere. „Die Konsumgüterkonzerne werden diese Geduld aufbringen“, erwartet das Blatt. Die Sanierung würden Konsumgüterhersteller und Investor ausmachen, die Familie Schlecker sei raus. „Das ist vielleicht die härteste vorstellbare Strafe für Anton Schlecker.“

 

Schlecker Österreich mit seinen 970 Filialen befinde sich zwar nicht in der Insolvenz, berichtet die Onlineredaktion des österreichischen Rundfunks ORF. Doch das Auslands-Geschäft solle verkauft werden, um die Forderungen der Gläubiger bedienen zu können. Ohnehin könnte das Unternehmen in Österreich keine schwarzen Zahlen mehr schreiben. Werde doch anders als bisher die Zentrale in Deutschland nicht mehr die IT-Kosten und den Einkauf übernehmen, beruft sich die der Sender auf Branchenkenner. Die etwa 3.000 Mitarbeiter von Schlecker Österreich müssten weiter um ihre Zukunft bangen.

Was mit den insgesamt rund 17.000 Mitarbeitern bei ausländischen Schlecker-Filialen geschehe, hat sich die Nachrichtenagentur dpa gefragt. Es sei noch nicht abschließend besprochen, zitiert die Agentur einen Unternehmenssprecher. Auch wann eine Entscheidung dazu fallen soll, sei noch offen. Schlecker hat Filialen in Österreich, Spanien, Frankreich, Italien, Tschechien, Polen und Portugal.

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Auch Großbritannien könnte von Deutschland lernen

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  • Ich find's toll, wie das bei Schlecker gelaufen ist.

    Erst heißt es, "alles kaputt, alle müssen raus, Patient tot", dann merkt der Geschäftsführer "huch, es geht ja um meine Existenz" und plötzlich wird wieder alles möglich.

    Ich fände es gut, wenn bei jedem großen Unternehmen, die Mitarbeiter anteilig nach Ihrem Gehalt auch am Unternehmensverlust beteiligt werden.
    Dann zockt der Geschäftsführer bzw. die Vorstände nicht so herum und die Mitarbeiter spielen nicht so viel Solitär.

  • Der Artikel erweckt den Eindruck als ob die von Schlecker gewählte Rechtsform die Mitarbeiter besonders in Mitleidenschaft zieht. Das ist Unsinn!

    Mitarbeiter, die bei einer Pleite ihren Job verlieren und so mitzahlen, gibt es bei jeder Unternehmensform, lieber Artikelschreiber. Die von Schlecker gewählte Rechtsform verhindert nur die Trennung von des Geschäfts- von seinem Privatvermögen und zwingt ihn privat in die Haftung.

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