Presseschau
„Stresstest mit Placebo-Effekt“

Die internationale Presse zerpflückt die Ergebnisse des EU-Banken-Stresstests: Sie dienten nur zur Beruhigung der Politiker und seien glatter „Betrug“. Ehrlich hingegen sei, eine Staatspleite der Griechen zuzulassen.
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„Europa hat einen weiteren Stresstest vermasselt“, zeigt sich das Wall Street Journal von den Ergebnissen des zweiten europäischen Stresstests für Banken enttäuscht. Wie im letzten Jahr habe der Test nicht angemessen das eine Risiko bewertet, das die Märkte am meisten fürchten: das Risiko eines Staatsbankrotts. Abschreibungen für Staatsanleihen seien nicht zu aktuellen Marktpreisen bewertet worden. „Der wahre Wert des Tests dürfte wohl in den Veröffentlichungen der Anlagen der teilnehmenden Banken liegen. Sie könnten sich als zweischneidiges Schwert erweisen, wenn Investoren und Depotinhaber daraufhin das Vertrauen in Banken verlieren, deren Regierungen es nicht schaffen, sie zu rekapitalisieren.“ Dies zeige noch mal deutlich, wie stark verwoben die Bankenkrise der Eurozone und die Staatsschuldenkrise sind. „Europas Politiker müssen sich schnell entscheiden, ob sie Länder retten wollen oder ihr Bankensystem nach einem multiplen Staatsbankrott mit mehr Kapital ausstatten wollen.“ Wenn sie dies nun im Fokus hätten, sei der Stresstest vielleicht nicht umsonst gewesen.

Auch der britische Economist kritisiert den Stresstest. So arbeite er nicht heraus, welche Konsequenzen Staatsschulden auf das Vertrauen von Investoren oder die Verfügbarkeit von Geldmitteln haben. Auch habe der erste Test nicht vermocht, Europas Banken zur Aufstockung ihres Eigenkapitals zu animieren. „Zudem bekommt die zuständige Behörde, die EBA, Widerstand von nationalen Behörden zu spüren. So hat sich die Hessische Landesbank (Helaba) aus dem Test zurückgezogen, weil sie nicht alle Daten offen legen wollte. Das wird sie nicht ohne Zustimmung der deutschen Aufsichtsbehörde Bafin getan haben.“ Doch es gebe auch Positives anzumerken: Die Banken hätten viele Daten über von ihnen gehaltene Staatsanleihen veröffentlicht, das helfe nun Analysten abzuschätzen, welche Banken von der derzeitigen Krise akut bedroht sind. „Und die EBA hat einen besseren Job gemacht als ihre Vorgängerin 2010.“ Dennoch laute das Fazit, dass die Ergebnisse des Stresstests zu schwach sind, um die Märkte zu beruhigen.

Die Börsen-Zeitung sieht im europäischen Banken-Stresstest ein „klassisches Placebo“. Die Politik werde sich einreden, die Bankenwelt in Europa sei sicherer geworden und man habe die notwendigen regulatorischen Konsequenzen aus der Finanzkrise gezogen. Doch die wirklich kritischen Stellen im Bankensystem würden nicht beleuchtet. Übungen wie den Stresstest könne man sich deshalb „glatt schenken“ -  es sei denn, man werte die Beschäftigung von Bankern mit mathematischen Berechnungen und dem Ausfüllen jeder Menge Formulare als Beitrag zur Finanzmarktstabilität,  „weil die so abgelenkten Banker dann in dieser Zeit nicht ihren eigentlichen Geschäften nachgehen können“, ätzt das Blatt. Mit der Fokussierung auf Eigenkapitalquoten und Risikopuffer gehe man in die Irre, weil keine Bank daran gehindert werde, höhere Risiken einzugehen, um vordergründig höhere Erträge ausweisen zu können. Eine Bank, die so vorgehe, sei nicht per se wettbewerbsstark und finanziell solide.

„Nur acht von 90 Banken haben den Stresstest nicht bestanden?“, fragt sich Forbes ungläubig - und schlussfolgert, dass der Test „ein Betrug“ sei, eine „verpasste Gelegenheit“. Die europäischen Behörden seien offenbar nicht mutig genug, um einen wirklich strengen Test durchzuführen. „Die zuständige EBA scheint das Finanzwesen mit einer Verzögerung von 12 Monaten wahrzunehmen: Sie behaupteten, dass der Stresstest 2011 alle Banken dazu bringen werde, ihr Eigenkapital aufzustocken, um sich gegen eine künftige, neue Finanzkrise zu wappnen. Aber sollten sie das nicht schon nach dem ersten Stresstest tun?“, schimpft das Magazin. In Spanien sträube man sich wohl dagegen, der Direktor der spanischen Zentralbank habe gemeint, dass es nicht nötig sei, Geld in gefährdete spanische Banken zu pumpen. Und Portugal habe angekündigt, das Kapital zweier Banken in den nächsten drei Monaten zu erhöhen, obwohl dies sofort möglich sei, immerhin habe da Land 78 Milliarden Euro aus dem Euro-Rettungsfonds erhalten. „Wahrscheinlich verlässt man sich darauf, dass die EZB immer wieder aushilft.“

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  • Hallo,
    der "Stresstest" hat die gleiche Zielrichtung wie die seinerzeitige Aussage der Kanzlerin und des Finanzministers zur Sicherheit von "Spareinlagen". Danach könnte alles was nicht auf einem definierten Sparbuch liegt auch ausgeschlossen werden:
    Steinbrück: Möglicherweise. Deshalb haben wir unsere Zusage konzentriert auf Spareinlagen. Dabei haben wir am Sonntag wohlweislich offengelassen, was unter dem Begriff Spareinlagen genau zu verstehen ist.

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