Presseschau: „Super-GAU für die deutsche Atom-Politik"

Presseschau
„Super-GAU für die deutsche Atom-Politik"

Die internationalen Medien untersuchen die Auswirkungen der Naturkatastrophe auf die Wirtschaft. Kontrovers diskutieren die Medien über die Atom-Frage. In Deutschland steht die schwarz-gelbe Energiepolitik in der Kritik.
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DüsseldorfDas Wall Street Journal beklagt mit Blick auf die japanische Atom-Krise die „Überreaktionen“ in den USA. Während das Erdbeben eine Energie freigesetzt habe, die über tausend Mal stärker sei als die Nuklearexplosion in Hiroshima, berichteten US-Medien schwerpunktmäßig vom Nuklear-Unfall, dessen Auswirkungen aber noch gering seien. „Die Zerstörungen durch die Natur und das Meer haben bis dato jeden Fehler des Menschen übertroffen“, hält das Blatt dagegen. Und: „Weil ein Flugzeug abstürzt, hören wir nicht auf zu fliegen. Weil eine Ölplattform im Golf explodiert, stoppen wir nicht die Öl-Bohrungen (zumindest sollten wir das nicht). (...) Wir sollten von der japanischen Nuklearkrise lernen und nicht eine politische Panik gegenüber Nuklearenergie befüttern.“

Wie hält es Deutschland mit der Atomkraft? – für den Stern ist die anstehende Debatte nach Guttenbergs Plagiatsaffäre und dem E10-Chaos die „vielleicht schwierigste Frage, vor der Schwarz-Gelb steht“. Denn die „Strahlensuppe“ eingebrockt habe sich die Regierung selbst, die den unter Kanzler Gerhard Schröder ausgehandelten und von allen Seiten akzeptierten Ausstieg revidiert habe. Kanzlerin Angela Merkel könne die Abkehr von diesem Kompromiss nicht ohne Gesichtsverlust rückgängig machen. „Sie kann die Abkehr aber auch nicht mehr offensiv verkaufen. Übrig bleibt ein um den Machterhalt besorgtes Eiern und Taumeln. Das ist es, was derzeit zu beobachten ist.“

Der frühere Stoiber-Berater und Bild-am-Sonntag-Chef Michael Spreng geht davon aus, dass der Super-GAU in Japan auch zum GAU für die deutsche Atompolitik und die politischen Kräfte werde, die sie tragen: „Jetzt rächt sich, dass im vergangenen Jahr nicht wenigstens die Abschaltung der ältesten Kernkraftwerke beschlossen wurde, dass mit der Energieindustrie Geheimverträge ausgemauschelt wurden, dass die Energieindustrie und Schwarz-Gelb glaubten, der Widerstand gegen ihre Atompolitik werde nur von den üblichen Verdächtigen getragen. Jetzt auf jeden Fall sind es nicht mehr nur die üblichen Verdächtigen, sondern wahrscheinlich die gesamte Bevölkerung.“ Fazit von Spreng: Die schwarz-gelbe Koalition habe ihre energiepolitische Glaubwürdigkeit verloren.

Thailand fühle mit Japan, versichert die Bangkok Post nach dem schweren Erdbeben vom vergangenen Freitag – auch angesichts der Tsunami-Katastrophe von 2004. Thailand stehe mit Hilfe und Solidarität zur Seite, denn gerade letztere benötige Japan nun am dringlichsten, so das Blatt. Immerhin hätten sich Japans umfangreiche Katastrophenvorsorge sowie die strengen Bauauflagen ausgezahlt – dadurch seien zahlreiche Leben gerettet worden, meint das Blatt. Doch aufgrund der Nachbeben und der drohenden Kernschmelze in Fukushima könne sich das Unglück durchaus ausweiten. In Thailand und dem Rest der Welt hofften die Menschen, gerade im Hinblick auf das atomare Risiko auf „den bestmöglichen Ausgang im Land der aufgehenden Sonne“. Der Fall Fukushima werde sicherlich die Position der Atomkraftgegner stärken, die neben der Unfallgefahr auf das Risiko von Terroranschlägen hinwiesen und auf das schwierige Problem der Lagerung von radioaktivem Müll.

Eine Debatte über die Kernkraft habe es in Japan nie gegeben, erinnert die Süddeutsche Zeitung. Selbst die Unfälle in Harrisburg und Tschernobyl hätten die Kernenergie, anders als in Europa und den USA, nicht zu bremsen vermocht. Darüber hinaus erkennen die Münchner ganz grundsätzliche Defizite der japanischen Gesellschaft: So gelinge es den Medien nicht, eine kritische Öffentlichkeit herzustellen. So habe die Kontrolle der Regierung durch die Wähler grundsätzlich bisher kaum funktioniert. Mit Blick in die Zukunft hält es die SZ für möglich, dass die Katastrophe, ähnlich wie seinerzeit in der Sowjetunion der GAU von Tschernobyl, den Niedergang eines kaputten, gelähmten politischen Systems beschleunigt.

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  • Soweit ich weis,ist Baden-Württemberg das einzige Bundesland,welches bei Elementarschadensversicherung auch eine Absicherung gegen Erdbeben empfiehlt.Erdbeben
    Mai1979 läßt grüßen.Beim Bau Neckarwestheim II wußte man bereits, daß dies ein Risikoobjekt auf geologisch unsicherem Gebiet werden wird.Wie war Das damals?-In NECKARWESTHEIM I mußten im Reaktor 900 Bolzen ausgetauscht werden---wegen Sicherheitsmängeln

  • ....und ich sage,der Tanz ums "Goldene Kalb" muß ein Ende haben

  • Wie dumm und ungebildet darf ein Ministerpräsident in Baden-Württemberg sein ?
    Baden-Württemberg ist ein bekanntes Erdbebengebiet. Da gibt es zum Beispiel den Oberrheingraben und den Zollerngraben.
    Letzter verläuft keine 10 KM östlich von Stockach. Dort hat der noch MP, Stefan Mappus öffentlich behauptet: "Baden-Württemberg ist kein Erdbebengebiet" (http://www.suedkurier.de/region/kreis-konstanz/stockach/landtagswahl-singen./Mappus-redet-gegen-die-Angst-an;art372461,4772931)

    Das Regierungspräsidium Freiburg (gehört auch zu BW Herr Mappus !) listet die Erdbeben in BW auf und kartiert die Erdbebenzonen detailgenau.

    Sie haben gewonnen Herr Mappus:
    1. Pinnochio des Tages
    2. 1 Platz bei der Challenge "nix wissen macht nix"

    Wählbar sind Sie für denkende Menschen nicht.

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