Presseschau
Verhärtung der währungspolitischen Fronten

Die internationale Wirtschaftspresse sieht aufgrund der massiven Kritik an der geplanten Dollar-Schwemme der Fed den G20-Gipfel in Seoul vor einer Zerreißprobe. Forbes ergründet das Erfolgsgeheimnis des LVMH-Chefs Bernard Arnault. La Tribune glaubt, dass die westliche Welt nicht um einen Technologietransfer nach China herumkommt. Fundstück: Blaumachen will geübt sein.
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Die Süddeutsche Zeitung hält die Empörung von Politikern aus Deutschland und China angesichts der angekündigten Dollar-Schwemme für berechtigt: "Globale Absprachen einer gemeinsamen Krisenbewältigung sehen anders aus." Die Amerikaner wollten im Alleingang, "auf Teufel komm raus" und zu Lasten vieler anderer ihre Binnenkonjunktur stärken. Ihre Hoffnung, damit den Arbeitsmarkt positiv beeinflussen zu können, sei eine riskante Wette, die schon in der Vergangenheit nicht aufgegangen sei. "Vielmehr überwiegt die Gefahr, dass dieses Geld nach Südamerika, nach Asien oder nach Europa schwappt." Außerhalb der USA würden die Dollars mehr Erträge abwerfen und damit neue Blasen nähren. China, Brasilien oder Indien könnten die Ersten sein, die die Zeche der amerikanischen Geldpolitik zahlen. "Deutschland muss sich zwar vor der Konkurrenz der Amerikaner und ihres billigen Dollars nicht fürchten, weil es selbst einen ordentlichen Beitrag zum weltweiten Wachstum leistet." Aber dieser Wachstumsbeitrag könnte aufgefressen werden, denn das viele Geld treibe die Preise hoch und entwerte Erspartes. Fazit: "Das Gipfeltreffen der 20 wichtigsten Staaten der Welt in Seoul verspricht schwierig zu werden."

Auch das Manager Magazin befürchtet eine "Verhärtung der währungspolitischen Fronten" im Vorfeld des G20-Gipfels, sekundiert den Kritikern an der US-Geldpolitik jedoch mit Stellungnahmen aus deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten. So meine der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, dass die Auseinandersetzung der beiden großen Weltregionen - Amerika und China - nun "auf die nächste Eskalationsstufe" gehoben worden sei. Die Chinesen dürften kaum tatenlos zusehen, wie durch einen billigeren Dollar ihre Wettbewerbsfähigkeit leidet und ihre billionenschweren Devisenreserven an Wert verlieren. Der Geldpolitikexperte des Kieler Instituts für Weltwirtschaft sei der Ansicht, dass die USA bei der Geldpolitik mittlerweile "fast panikartig" agierten. Zugleich scheine es, "als wiederholten sie den Fehler, der 2007 über die Immobilienblase in die globale Finanzkrise mündete." Vor negativen Auswirkungen warne auch der Leiter Makroökonomik am Institut für Wirtschaftsforschung Halle. In einer Art Spirale folge eine Abwertungsmaßnahme der nächsten, der Protektionismus nehme zu und Kapitalverkehrskontrollen würden eingeführt oder verschärft.

Nach der Häufung der Kritik an den USA erwartet der Guardian einen "Showdown" auf dem G20-Gipfel in Seoul - und sieht dabei auf Bundeskanzlerin Angela Merkel eine neue Rolle zukommen: "Merkel, deren Regierung davor warnte, dass die Dollar-Schwemme aus den USA der Welt Extraprobleme bereiten werde, ist einer der Repräsentanten, die sich in Seoul gegen die USA formieren könnten." Dazu zählten auch die Vertreter von China, Brasilien und Kanada, sie alle könnten die Diskussion über die Torontoer Defizitabbau-Pläne wieder aufnehmen. Die USA kämen dafür nicht in Frage: "Washington ist gelähmt durch die jüngsten politischen Kämpfe, und Fed-Chef Bernanke darauf angewiesen, die US-Wirtschaft anzukurbeln." Nach Auffassung von Experten sei die Geldpolitik der Fed fehlgeleitet, sie führe zu Spannungen. Die Fed ergreife einen Vorteil, den sie sich nicht verdient habe. "Das G20-Treffen könnte zur entscheidenden Kraftprobe werden, die Ben Bernankes Selbstgefälligkeit erschüttert."

"Vor dem Hintergrund der Diskussionen über Währungskrieg und den Meinungsverschiedenheiten über die Entscheidung der Fed, Staatsanleihen zu kaufen, wird der G20-Gipfel in Seoul ein Test für internationale Zusammenarbeit sein", prognostiziert Weltbank-Präsident Robert Zoellick in einem Kommentar für die Financial Times. Er listet fünf Maßnahmen auf, die die G20 gemeinam umsetzen müssten, um den globalen Aufschwung zu stemmen. "Erstens sollte die Kerngruppe der G20 sich auf parallele Programme für strukturelle Reformen einigen, um nicht nur die Nachfrage anzukurbeln, sondern auch Wachstum zu fördern." Zweitens müssten einige der G20-Länder, allen voran die G7, auf Währungseingriffe verzichten. Drittens: Schwellenländer sollten Ungleichmäßigkeiten beim Aufschwung durch flexible Wechselkurse und eine unabhängige Währungspolitik begegnen. Viertens sollten die G20 Wachstum durch eine Fokussierung auf angebotsverursachte Engpässe in den Schwellenländern stützen. "Und fünftens sollten sie all diese Maßnahmen mit den Planungen für ein kooperatives Währungssystem flankieren." Diese Ideen seien nicht radikal, aber praktikabel und realisierbar. "Sie greifen viel weiter und tiefer als der aktuelle Dialog der G20. Es wird Zeit brauchen, sie umzusetzen. Aber wie müssen beginnen."

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