Presseschau vom 1.07.2008
Die einzige Waffe der EZB

Die internationale Wirtschaftspresse bezieht Stellung im Streit um die Erhöhung der EZB-Leitzinsen. Richard Branson erklärt, warum der Flughafen Heathrow über Wohl und Wehe der Wirtschaftsmacht Großbritannien entscheidet. Les Echos aus Frankreich sekundiert Siemens-Chef Peter Löscher in seiner Entscheidung, 17.000 Stellen weltweit abzubauen. Fundstück: England kommt sein legendärer Erfindergeist abhanden.
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"Es hilft nichts: Die Europäische Zentralbank (EZB) muss in dieser Woche ihren Leitzins erhöhen", ist sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung sicher. Die mittelfristige Sicherung der Preisniveaustabilität und ihres Ansehens als einer verantwortungsbewussten Zentralbank würden diesen Schritt erzwingen. Zudem könnten die Argumente der Gegner einer Leitzinserhöhung nicht überzeugen. Ihr Verweis auf die Möglichkeit eines Konjunktureinbruchs, als dessen Folge auch die Inflationsgefahren zurückgehen könnten, sei zwar richtig. "Doch die Aussichten auf deutlich rückläufige Inflationsraten bei einer unveränderten Geldpolitik sind nichts anderes als ein Hoffnungswert. An Hoffnungen darf sich keine seriöse Zentralbank orientieren." Die Erfahrungen aus den siebziger Jahren, als die Zentralbanken aus Angst vor einem Einbruch des Wirtschaftswachstums hohe Inflationsraten tolerierten und letztlich doch die Rezession nicht verhindern konnten, dienten als abschreckendes Beispiel. "Die Inflationsrate muss herunter, und das so schnell wie möglich."

Auch die Presse aus Wien sieht die Anhebung der Leitzinsen als "einzige Waffe gegen eine hohe Inflation." Denn damit werde den Märkten signalisiert, dass sich Investitionen verteuern. Gleichzeitig lohne es sich, Geld auf Sparkonten zu legen. Folgten die Märkte den Anreizen, werde Geld aus dem Umlauf gezogen, wodurch sich der Preisauftrieb abschwächen würde. Dennoch: "Die höheren Zinsen kommen zu einem ungünstigen Zeitpunkt - die Wirtschaft befindet sich gerade im Abschwung." Das Signal an die Unternehmen, weniger zu investieren und der Hinweis an die Verbraucher, den Konsum zurückzufahren, könne diesen Abschwung verstärken. "Zudem sind die Erfolgsaussichten höchst ungewiss: Die Preistreiber sitzen nämlich zum überwiegenden Teil außerhalb der Euro-Zone", betont die Zeitung.

Nicolas Sarkozy hat in einem Interview mit dem französischen Sender France 3 die EZB wortgewaltig vor einer Anhebung des Leitzinsen gewarnt. Wie der Nouvel Observateur berichtet, habe der französische Präsident darin gefordert, dass die Notenbank auch die Frage nach dem Wirtschaftswachstum in der Eurozone stellt, und nicht nur die Frage nach der Bekämpfung der Inflation. "Die Inflation von vor 30 Jahren und die von heute haben nichts gemein. Heute ist sie auf die Preisexplosion der Grundverbrauchgüter zurückzuführen. Mir kann keiner aber erzählen, dass man zur Bekämpfung einer solchen Inflation die Leitzinsen erhöhen muss", zitiert das Blatt den neuen EU-Ratspräsidenten. "Man kann den Leitzins verdoppeln, oder verdreifachen, das wird einfach nicht den Ölpreis senken", habe Sarkozy bekräftigt.

Die Süddeutsche Zeitung rückt die Stärke des Euro in den Fokus: "Der Euro soll so hart sein wie die D-Mark, hatten die Politiker zum Start der Währungsunion versprochen." In diesem Sommer aber habe der Euro vier Prozent an Wert im Vergleich zum Juni des Vorjahres verloren. Niemand dürfe sich deshalb wundern, wenn die EZB an diesem Donnerstag die Zinsen heraufsetze und damit versuche, den Trend zu steigenden Preisen zu brechen. "Ungefährlich ist dieser Kurs nicht. Denn die steigenden Zinsen passen nicht zu der erwarteten Abkühlung der Wirtschaft. Aber die Notenbank muss Prioritäten setzen, weil sie eine harte Währung garantieren will."

"Die Eurozone leidet bereits unter einer steigenden Inflation - nun wird sie durch erhöhte Leitzinsen zusätzlich Schlagseite bekommen", kritisiert Forbes den so gut wie sicheren Entschluss der EZB, die Leitzinsen zu erhöhen. "Psychologisch gesehen, sind das schlechte Nachrichten", zitiert dazu das Blatt den Finanzökonomen einer amerikanischen Bank. Entscheidend sei jedoch, ob die EZB weitere Erhöhungen im zweiten Halbjahr 2008 vornehme. Sollte sie dies tun, könne dies eine gefährliche Lohn-Inflations-Spirale in Gang setzen: Die Löhne steigen aufgrund der Inflation, die Inflation steigt wiederum aufgrund der hohen Löhne. Analysten warnten davor, dass Europa sich in diese Spirale begeben und so seine Zukunftsaussichten dramatisch verschlechtern könne.

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