Presseschau vom 11.7.2008
In hausgemachten Turbulenzen

Die internationale Wirtschaftspresse nimmt den Fluglinien ihre Klagen über den hohen Ölpreis nicht ab und attestiert ihnen hausgemachte Probleme. Der Independent aus Großbritannien sagt den Untergang von Europas Mittelklasse voraus. Cinco Días aus Spanien geißelt José Zapateros kleinlauten Umgang mit der aktuellen Krise. Fundstück: Die Katalanen bewundern Angela Merkel.
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"Die Luftfahrtbranche taumelt in ihre nächste Krise", konstatiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung. "Nun, da der Treibstoffaufwand in historische Höhen steigt - er macht bei allen Fluggesellschaften der Welt den größten Kostenblock aus -, werden schonungslos die Versäumnisse der Vergangenheit aufgedeckt." Älteres Fluggerät, das hohen Kerosinverbrauch mit sich bringe, fehlende Mittel, um neue und sparsamere Flugzeuge zu kaufen, Überkapazitäten, protektionistischer Schutz vor ausländischen Wettbewerbern in den USA: Noch immer sei dort die Luftfahrtbranche keine "normale" Industrie, wo durch grenzüberschreitende Fusionen wettbewerbsfähige Unternehmen entstehen könnten. "Ein anderes Grundübel ist, dass viel zu häufig der Luftverkehr als halbstaatliche Veranstaltung in aller Welt interpretiert wird", grenzüberschreitende Fusionen gebe es deshalb auch selten. Fazit: "Die Luftfahrt steht vor einer tiefen und längeren Anpassungskrise, die zu einer Neuordnung führen wird. Dabei wirkt der teure Treibstoff als Katalysator."

"Nun haben sie also ihre Kunden angebettelt, vor den US-Congress zu ziehen, damit den schrecklichen, bösen Ölspekulanten das Handwerk gelegt wird", höhnt der Milwaukee Journal Sentinel angesichts eines aktuellen Hilfeaufrufes der großen amerikanischen Fluglinien. Diese verfügten zwar über so wichtige Kompetenzen wie Passagiere am Taxistand stranden und schwören zu lassen, dass sie nie wieder verreisen werden. Doch wenn es um Wirtschaftstheorie gehe, solle man die Kompetenzen doch eher den Ökonomen überlassen. Und die sagten zu der Frage, ob Spekulanten am hohen Ölpreis Schuld seien - und damit das Grab der Fluglinien schaufelten - schlichtweg Nein. Vielmehr hätten die amerikanischen Fluglinien Spekulationen am Ölmarkt nutzen sollen, um sich gegen das Risiko eines hohen Ölpreis abzusichern. Doch kaum eine Fluglinien habe sich dergestalt abgesichert.

"Nicht der hohe Ölpreis allein kann für die Probleme der indischen Fluggesellschaften verantwortlich gemacht werden", zitiert die Economic Times aus Indien aus einem Bericht des Wirtschaftsprüfungs- und Forschungsinstituts CRISIL. Statt zu jammern, sollten die Unternehmen hausgemachten Problemen nachgehen. So könnten die indischen Fluglinien weiter Kosten reduzieren: "Zum Beispiel laufen zu hohe Gebühren für gemietete Flugzeuge im Verhältnis zu den gesamten operativen Kosten an. Auch sollten sie sich von Ausgaben für Kommissionen und Werbung trennen." Hinzu käme die ruinöse Preispolitik der Fluglinien, um Marktanteile zu gewinnen: "Sie haben inzwischen realisiert, dass sie sich damit nur gegenseitig ausbluten."

Die Welt Online kritisiert das Vorgehen der Gewerkschaft Verdi bei den Tarifverhandlungen mit der Lufthansa. Dabei ginge es nur vordergründig um mehr Geld, es stehe tatsächlich auch die Macht der Arbeitnehmervertreter im Konzern auf dem Spiel. Doch für Machtspiele sei die Zeit nicht nur schlecht, sondern schlichtweg falsch: "Die Lufthansa ist zwar wegen ihrer langfristigen Absicherung der Treibstoffpreise in Europa noch am besten für die sich bereits abzeichnende Krise im Fluggeschäft gewappnet. Diesen Vorteil kann der Konzern aber nicht einfach durch stark steigende Personalkosten aufgeben. Denn die Mixtur aus stark steigenden Kerosinpreisen und einer sich abschwächenden Weltkonjunktur dürfte auch dem deutschen Marktführer schwer zu schaffen machen." Außerdem brauche es in solchen Zeiten eine gut gefüllte Kriegskasse, um vielleicht die ein oder andere günstige Übernahmemöglichkeit nutzen zu können. Zwar habe auch Verdi viel zu verlieren, aber eine ungebremste Eskalation des Konfliktes nütze beiden Seiten nicht. "Schließlich würde ein langer Streik nicht nur das Renommee der Lufthansa erheblich beschädigen, sondern auch die immer noch sehr sicheren Arbeitsplätze bei der Lufthansa gefährden."

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