Presseschau vom 14.7.2008
Kein Ende des Schreckens

Die internationale Wirtschaftspresse sieht die Weltwirtschaft nach dem Zusammenbruch des Baufinanzierers Indymac und der abermaligen Krise bei Fannie Mae und Freddie Mac auf einen neuen Crash zurasen. All Things Digital meint, dass die Situation um Yahoo und Microsoft mittlerweile stinkt. Expansión fürchtet um Spaniens Reputation. Fundstück: Bis dass die Kreditkrise uns scheidet!
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„Die Krise geht weiter“, bemerkt die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu den jüngsten Hiobsbotschaften aus den USA. Der Kollaps einer Hypothekenbank werde nicht der letzte gewesen sein, für große Verunsicherung aber sorge die Angst um die Schieflage bei Fannie und Freddie. „Diese Giganten stehen im Zentrum des amerikanischen Hypothekenmarktes. Als private, börsennotierte Unternehmen mit staatlichem Auftrag, das Wohneigentum zu fördern, garantieren sie die Hälfte der amerikanischen Hypotheken. Wenn sich Hypothekenbanken nicht mehr bei ihnen refinanzieren könnten, würde der angeschlagene Häusermarkt zusammenbrechen – mit desaströsen Auswirkungen auf die amerikanische und die globale Konjunktur.“ Die amerikanische Regierung würde Fannie und Freddie deswegen nie zusammenbrechen lassen, doch genau diese Garantie sei der Kern des Problems: „Die beiden Konzerne mussten in der Vergangenheit weniger Kapital vorhalten als traditionelle Banken. Das hatte dazu geführt, dass die auf Wachstum ausgerichteten Gesellschaften zu viel Risiken auf sich genommen haben. Milliarden-Verluste sind die Konsequenz.“ Es bleibe abzuwarten, ob Worte von Finanzminister Henry Paulson oder Notenbankchef Ben Bernanke reichten, eine Eskalation der Vertrauenskrise abzuwenden. Zumindest sei offensichtlich, dass die Rolle von Fannie und Freddie und deren Aufsehern überdacht werden müsse. „Bis dahin müssen Paulson und Bernanke weiter improvisieren.“

Das amerikanische Magazin The Atlantic sieht Parallelen zwischen der neuerlich ausgebrochenen Immobilienkrise und einer infektiösen Krankheit. „Finanzblasen sind wie eine Epidemie – und wir sollten beide in der gleichen Art und Weise behandeln.“ So würde eine Krankheit sich ausbreiten, wenn die Übertragungsrate von Mensch zu Mensch die Rate der Genesenden übersteige. „Im Fall der Immobilienkrise war der Boom der Erreger: Die Optimisten, die unbedingt an ihn glaubten, waren in der Überzahl, nur wenige erwiesen sich als immun, und so konnte sich das Virus ausbreiten.“ Nun habe es bereits andere Märkte erfasst, wie den Kreditkarten- oder den Autodarlehenssektor. Wie könne man sich dagegen impfen? Die regulierenden Maßnahmen von Regierung und Notenbanken würden nur wenig helfen, die Anfälligkeit für den „Boomerreger“ sei immer gegeben. „Wir müssen einfach die Übertragungsrate senken, d.h. soviel verlässliche Informationen wie möglich bereitstellen darüber, wie Booms entstehen und auf welch schlechten Argumenten sie fußen. Darauf sollte sich die Regierung in den kommenden Jahren konzentrieren.“

„Jetzt haben auch die Amerikaner ihren Fall Northern Rock“, kommentiert die Financial Times Deutschland den Zusammenbruch des kalifornischen Hypothekenfinanzierers Indymac. „Der Unterschied zwischen beiden Schreckensmeldungen ist nur: Der Bank Run bei Northern Rock ereignete sich zu einer Zeit, in der die globale Finanzkrise ihre zerstörerische Macht gerade erst richtig entfaltete.“ In der Zwischenzeit hätten jedoch Spitzenbanker, Politiker oder der US-Finanzminister Henry Pauslon das baldige Ende der Krise ausgerufen. „Umso beängstigender ist, wenn es trotzdem zum drittgrößen Bankencrash in der amerikanischen Geschichte kommt.“ Mit Blick auf die bedrohliche Lage bei Fannie und Freddie spreche nun wenig dafür, dass auf den internationalen Finanzmärkten ein Ende des Schreckens in Sicht sei. „Sollten Fannie und Freddie abstürzen, muss die US-Regierung zwischen zwei Übeln wählen. Lässt sie die Hypothekenriesen fallen, nimmt sie den Kollaps des amerikanischen Immobilienmarkts in Kauf. Stützt sie die Firmen mit Steuergeld, drohen die ohnehin schon gewaltigen Staatsschulden zu explodieren.“ Wer in dieser Situation Entwarnung gebe, habe den Ernst der Lage nicht verstanden.

„Die Zeit, Fannie Mae und Freddie Mac langsam aber sicher eingehen zu lassen, ist gekommen“, stellt BusinessWeek unmissverständlich klar. Denn es zeige sich deutlich, dass die beiden Giganten nicht Teil der Lösung der Immobilienkrise seien, sondern eine ihrer Ursachen. „Sie haben das Wachstum der Immobilienblase befördert. Die uneingeschränkte Verfügbarkeit von Geld, u. a. durch Zufluss aus dem Ausland, und die daraus resultierende uneingeschränkte Verfügbarkeit von Hypotheken über Fannie und Freddie haben die Amerikaner verführt, immer mehr Geld zu borgen.“ Es sei sicher richtig, das heute keine Hypothek mehr ohne die Garantie der beiden zustande käme. Doch genau das beweise, dass Fannie und Freddie die implizite Garantie der Regierung für sich ausgenutzt hätten, um Rivalen aus dem Geschäft zu drängen. „In guten Zeiten sind sie überflüssig, und in schlechten Zeit nur soviel Wert wie der Kredit der Regierung.“ Natürlich könnten sie nicht sofort vom Markt verschwinden, sondern nur nach und nach. „Doch mit der Zeit würde ihre Funktion verloren gehen, die Banken vor Ort würden wieder mehr ins Spiel kommen. Jetzt könnte tatsächlich der richtige Moment sein, Fannie und Freddie dem Verfall zu überlassen.“

Russland könnte von der Hypothekenkrise in den USA schwer in Mitleidenschaft gezogen werden, schreibt die Zeitung Nesawissimaja Gazeta. Denn allein in Fannie und Freddie habe das Finanzministerium rund 100 Milliarden Dollar investiert, indem es Anleihen der Hypothekenhäuser kaufte. Das ist knapp ein Fünftel der Nationalen Reservefonds Russlands, schreibt das Blatt. Dieses Geld könnte in Gefahr sein, falls die beiden Unternehmen Pleite gingen. Da dies jedoch auf Grund von staatlicher Hilfe aus Washington unwahrscheinlich sei, müsse vielmehr mit Verlusten aus den Anleihen wegen des schwachen Dollars gerechnet werden. Das Finanzministerium habe den größten Teil der Papiere von Fannie und Freddie im Jahr 2007 erworben, als die Immobilienkrise längst ausgebrochen war, kritisiert der Autor. Der Optimismus der Regierung könnte für Russland nun teuer werden.

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