Presseschau vom 15.11.2007
Die Wut wächst

Die Streiks in Frankreich und Deutschland stehen im Zentrum der internationalen Presse. Das Wall Street Journal wundert sich über den neuen Mann an der Spitze von Merrill Lynch. Fortune singt den Paypal-Gründern eine Lobeshymne. Cinco Días warnt vor der Inflation in China. Fundstück: Warren Buffett, bitte dringend in die Unterwäsche-Abteilung kommen.

» Les Echos kommentiert den Streik der französischen Bahn: Erstmals in der Geschichte Frankreichs scheine ein großer Teil der Bevölkerung gegen einen Streik zu sein. Aber nicht nur, weil er der Wirtschaft und dem Leben jedes Einzelnen schade und ungerechtfertigt sei. Die Franzosen glaubten vielmehr nicht mehr an den Mythos einer mit allen Vollmachten ausgestatteten Streikbewegung. Das liege zum einen daran, dass Sarkozy diesen Kampf nicht verlieren könne, ohne seine Autorität zu verlieren. Zum anderen sei die Haltung der Gewerkschaften überzogen. "Sie haben 15 Jahre lang versäumt, ihre Mitglieder auf diese unvermeidliche Reform vorzubereiten", wirft das Blatt ihnen vor. Mit dem Streik hätten sie sich und das Land in eine Falle manövriert, aus der die Grande Nation nicht ohne Ansehensverlust herauskomme. "Europa wird wieder mit den Fingern auf Frankreich zeigen, weil es sich erneut unfähig zu Reformen erweist. Wetten, dass die Deutschen eine Lösung für die Deutsche Bahn gefunden haben werden, bevor in Frankreich wieder alle Züge fahren?"

Die » FAZ appelliert an Bahnchef Hartmut Mehdorn, den "quälenden Tarifkonflikt" zu beenden. Der Streik habe erhebliche Folgen für die Wirtschaft: Audi lasse wegen der Bahnstreiks die Frühschicht in seinem Brüsseler Werk ausfallen. "Der Streit hat einen Punkt erreicht, an dem die Bahn mehr zu verlieren hat als die GDL: nicht nur Kunden, sondern die Zukunft", kommentieren die Frankfurter. Mehdorn müsse der Gegenseite jetzt entgegenkommen, mit dem Angebot, die Lokführer in eine eigene Gesellschaft mit eigenen Tarifbedingungen zu überstellen. "Dann können sie wählen, ob sie dort (mehr) Geld verdienen wollen oder ob sie im Schoße des vertrauten Konzerns soziale Sicherheit genießen möchten".

De Volkskrant aus den Niederlanden schreibt, dass sich die Deutsche Bahn "zum Hüter der deutschen Tarifeinheit aufschwingt". Bis vor kurzem habe es den Anschein gemacht, als ob die kleine GDL nicht gegen die gefestigte Ordnung gewachsen sei. Mit dem Richterspruch von Chemnitz aber habe sich das Blatt gewendet: "Die vereinigte Front der Unternehmer scheint zu brechen". Die Lösung des Konfliktes liege jetzt allein bei der Deutschen Bahn, schreibt das Blatt.

Aus Sicht der » Süddeutschen Zeitung ist es für die Lokführer-Gewerkschaft GDL gefährlich, dass quer durch die Republik das Unverständnis über ihre Streiktaktik wachse: "bei den Menschen, die auf verwaisten Bahnhöfen stehen oder im Stau; bei Firmen, deren Waren auf der Strecke bleiben. Die Deutschen spüren plötzlich, wie wichtig die Bahn für ihren Alltag ist - aber sie hassen es, wenn dieser Alltag durcheinandergebracht wird." Wie auch immer dieser Arbeitskampf ausgehe: Am Ende gehörten beide Seiten zu den Verlierern.

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