Presseschau vom 16.6.2008
Zäune für die Herde der Spekulanten

Die internationale Wirtschaftspresse diskutiert die Bedeutung von Spekulationen für den Ölpreis und nennt Auswege aus der Preisspirale. Die New York Times fordert in einem bitterbösen Brief an Yahoo-Boss Jerry Yang dessen Rücktritt. El País berichtet von Spaniens Plan, über eine Million Einwanderer loszuwerden - gegen die Zahlung von Geld. Fundstück: Traue keinem unter 70!

"Epochal!", jubelt die » Frankfurter Rundschau angesichts der Entscheidung der Finanzminister der wichtigsten Industrienationen, den Internationalen Währungsfonds mit einer Studie zu beauftragen, die den Einfluss der Spekulation auf den Ölpreis aufschlüsseln soll. Sie "zweifeln an der Effizienz freier Kapitalmärkte. Sie trauen dem Braten nicht mehr", kommentiert die Zeitung. Wenn der freie Markt heilig sei, wäre dies tatsächlich ein Frevel. "Das scheint nun nicht mehr der Fall zu sein. Gut so." Viel zu lange habe sich die Staatengemeinschaft aktiv daran beteiligt, Zäune für die Herde der Spekulanten niederzureißen, viel zu lange sich der Glaube gehalten, wenn die Transaktionen nur billig genug seien, steigerten sie Wachstum und Wohlstand. "Spekulanten mögen stabilisierend wirken, mögen Liquidität bereitstellen." Doch auf diese Theorie hätten Politiker viel zu lange gehört.

Ein Loblied auf Spekulanten stimmt dagegen die Frankfurter Allgemeine Zeitung an. Weil Anleger und Investmentbanken an den Finanzmärkten den Ölmarkt entdeckt hätten, sehe manch einer darin einen Anlass, vor dem Einfluss böser Spekulanten zu warnen und ihnen die Schuld an dem hohen Ölpreis zu geben. Doch die marktwirtschaftliche Sicht der Dinge sei eine andere. "Es ist gut, dass die Spekulanten am Ölmarkt aktiv sind. Sie wittern, dass angesichts der großen Energienachfrage aus Schwellenländern wie China der Ölpreis noch auf lange Zeit hoch bleiben und womöglich weiter steigen wird. Das treibt den Preis für Öl an den Terminmärkten, an denen künftige Lieferungen gehandelt werden, in die Höhe." Der daraus resultierende Preisauftrieb sei wünschenswert - weil er helfe, die Verbraucher zum sparsamen Energieeinsatz anzuhalten. Auch lenke er Ölproduzenten, mehr in die Erforschung neuer Abbaustätten, in die Ölförderung und in die Verarbeitung zu investieren. Denn: "Die Preissignale sind mächtiger als jeder Appell von Politikern."

Wenig verwundert über die Spekulationsgeschäfte auf dem Ölmarkt zeigt sich die » Fiji Times von den gleichnamigen Inseln. "Die Krise an den Immobilien- und Aktienmärkten hat zwangsläufig dazu geführt, dass Hedge Fonds, Pensionsfonds und Banken den Markt für Verbrauchsgüter für sich entdeckten." Schließlich handelten sie u.a. mit Öl - wenn auch nur auf dem Papier - um ihre Verluste zu kompensieren. "Öl ist nun mal in eine neue Klasse aufgestiegen, die Klasse äußerst gewinnträchtiger Anlagen. Muss man deswegen gleich den Handel mit Öl verbieten", fragt das Blatt konsterniert.

Auch der » Scotland on Sunday warnt davor, Spekulanten leichtfertig zu Sündenböcken zu erklären. "Alle reden von der Ölblase, doch bislang ist sie noch nicht geplatzt." Zwei Probleme sieht das Blatt in Bezug auf die "Ölblasen-These": "Zum einen hat es immer Spekulationen gegeben. Zum anderen ist die Situation durch das Verhalten der Notenbanken verschlimmert worden. Denn der Ölpreis wurde insbesondere durch den schwachen Dollar in die Höhe getrieben - eine Politik, die von den US-Behörden als Mittel im Kampf gegen die Kreditkrise gepriesen wurde." Auch die Europäische Zentralbank trage Mitschuld: Jean-Claude Trichets Warnung, die Zinsraten anzuheben, sei nach hinten losgegangen: Der Dollar sei so weiter geschwächt und der Ölpreis weiter befeuert worden. Helfen könne gegen den hohen Ölpreis schließlich nur eins: die Reduktion des Verbrauchs und neue Entwicklungen hinsichtlich der Förderung, Nutzung und Bevorratung von Energierohstoffen. "Je mehr diese Schritte weltweit umgesetzt werden, um so geringer wird das Interesse der Spekulanten an Öl ausfallen."

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