Presseschau vom 17.6.2008
Gewehr bei Fuß gegen die Inflationsangst

Die internationale Wirtschaftspresse zeigt sich uneins in der Frage, ob die Europäische Zentralbank den Leitzinssatz angesichts neuer Inflationsrekorde erhöhen soll oder nicht. Businessweek berichtet von den Kopfschmerzen, die das Apple-iPhone seinen Konkurrenten bereitet. Die Gazeta.ru zerpflückt den angeblichen Investitionsboom in Russland. Fundstück: Rosinenbomber für den Gaza-Streifen.

Die Finanzkrise scheine so gut wie überwunden, da mausere sich die Inflation zum Nachfolge-Gespenst, das der Wirtschaft das Fürchten lehre, moniert der Standard aus Österreich angesichts des neuerlichen Inflationsrekordhochs in Europa. "Bei einer Teuerung von 3,7 Prozent im Euro-Schnitt bleibt den Konsumenten weniger zum Ausgeben, womit der chronisch schwache Konsum in Europa bestenfalls noch stagnieren dürfte." Doch das Schlimmste stehe noch bevor: "Der Europäischen Zentralbank (EZB) wird - nimmt sie ihren Auftrag zur Herstellung der Geldwertstabilität ernst (woran niemand zweifelt) - nichts anderes übrig bleiben, als an der Zinsschraube zu drehen. Das erhöht die Kreditkosten und dämpft somit die Investitionstätigkeit ebenso wie den ohnehin schwachen Konsum." Alternativen gebe es gleichwohl keine. "Ohne gegenzusteuern, würden die Unternehmen im Glauben gelassen, dass sie ihre Preise munter weiter erhöhen können." Deshalb müsse die EZB in dieser Phase Gewehr bei Fuß stehen - und zumindest die Angst vor Gespenstern nehmen.

Kritik kommt dagegen vom Internetportal New Europe: "Die Anhebung des Leitzinssatzes war bislang ein Thema, dass die EZB nicht diskutieren wollte. Und nun kommt Jean-Claude Trichet mit seiner Ankündigung, dem Leitzinssatz anzuheben, und schon schnellt der Euribor, der Zinssatz für Termingelder in Euro im Interbankengeschäft, auf 4,89 Prozent - eine Sphäre, in die die Euro-Zone noch nie in ihrer zehnjährigen Geschichte vorgedrungen ist. Die Folge war, dass Darlehen teurer wurden", beklagt das Portal. Die EZB operiere nun mal nicht im Vakuum, sie müsse stets auch die politischen und wirtschaftlichen Implikationen ihrer Handlungen für die Völker, die sie vertrete, im Auge behalten.

Das kanadische Wirtschaftsportal CEP News hat während eines Asien-Europa-Treffens in Südkorea missbilligende Worte vom dort anwesenden belgischen Finanzminister Didier Reynders notiert: "Jean-Claude Trichet war mit seiner Ankündigung, den Leitzinssatz anzuheben, vielleicht etwas voreilig." Nicht nur handele es sich dabei um eine kurzfristige Maßnahme, zu der der Ausblick auf die weitere, langfristige Entwicklung fehle. Man könne auch davon ausgehen, dass die Inflation in Europa in der zweiten Jahreshälfte zurückgehe. "Deshalb sollte die EZB den Leitzinssatz belassen, wie er ist. Schließlich müssen wir alles tun, damit die Wirtschaft weiter wächst", zitiert CEP News den Minister.

Die EZB muss die Zinsen erhöhen, fordert indessen das portugiesische Jornal de Negócios. Die Löhne der Euro-Zone seien um 3,3 Prozent gestiegen - ein Fünf-Jahres-Rekord. Trotz der schlechten Wirtschaftslage hätten sich die Unternehmen den Gewerkschaften nicht widersetzen können. Das sei aber verständlich, da sich die Wirtschaft auf ein höheres Inflationsniveau einstellen würde. Ein Alptraum für die Europäische Zentralbank, findet das Blatt. Die Inflationserwartungen umzukehren mithilfe der Zinspolitik sei nun der einzig richtige Weg. "Gott sei Dank haben wir eine unabhängige Zentralbank", schreibt das Blatt.

Die Washington Post registriert die mögliche Leitzinsanhebung der EZB mit Besorgnis, weil die amerikanische Notenbank (Fed) gerade das Gegenteil beschlossen habe. "Die Aussicht, dass die beiden einflussreichsten Zentralbanken der Welt konträre Wege einschlagen, reflektiert eine ungewöhnliche Uneinigkeit über die Weltwirtschaft bei Ben Bernanke und Jean-Claude Trichet." Dabei liege auf der Hand, dass die EZB den Ölpreis nicht mit höheren Zinsraten senken könne: Die Bevorratung mit Öl z.B. in China stelle das eigentliche Problem dar. Dagegen seien Zentralbanken einfach machtlos. "Auf internationaler Ebene koordinierte Aktionen könnten helfen, doch das scheint derzeit nicht möglich, wo Europa und Amerika gerade vollkommen unterschiedliche Richtungen nehmen."

Seite 1:

Gewehr bei Fuß gegen die Inflationsangst

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%