Presseschau vom 18.3.2008
Droht die finanzielle Kernschmelze?

Die internationale Wirtschaftspresse zeigt sich in der Bewertung der Rettungsmaßnahmen der US-Notenbank gespalten. Les Echos feuert Nicolas Sarkozy zu klaren, wirtschaftspolitischen Aussagen an. Und die Bangkok Times empfiehlt Investoren den indischen Immobilienmarkt. Fundstück: Krokettenkrieg im Tiefkühlfach.

Im Zuge der in letzter Minute abgewendeten Pleite von Bear Stearns werden die jüngsten Maßnahmen der Federal Reserve Bank kontrovers diskutiert. Sie hat nach ihrer 30-Milliarden-Dollar-Spritze für die angeschlagene Investmentbank den Diskontzinssatz von 3,5 auf 3,25 Prozent gesenkt und zusätzliche Kreditmöglichkeiten geschaffen - was » Forbes bitter kommentiert. "Die Fed hilft großen Finanzinstituten aus der Klemme, ohne ihnen Bedingungen aufzuerlegen, die sie dazu zwingen, ihre Handlungsweise und ihr Auftreten am Markt zu verbessern", schimpft das Magazin. Sie unterlasse es, notwendige Reformen einzufordern, statt dessen stehe sie jenen verantwortungslosen Bankern zur Seite, die ihren Kunden die Hauptlast aufbürdeten. "Sicher, die Fed versucht mit diesen Maßnahmen die Finanzmärkte zu stabilisieren, doch es ist kaum wahrscheinlich, dass sie auch greifen. Die letzten Aktionen der Fed waren Verzweiflungstaten unfähiger Männer."

Der » Guardian stellt lakonisch fest, dass der Fed ein historischer Schritt in der modernen US-Wirtschaftsgeschichte geglückt sei: "Sie hat die Schulden einer Wall Street-Investmentbank verstaatlicht - obwohl man das in Amerika sicher nicht so nennen würde." Die brennende Frage sei nun, ob die Finanzmärkte inzwischen so komplex und ineinander verflochten seien, dass keiner bedeutsamen Investmentbank mehr erlaubt werden könne, Bankrott zu gehen - wegen möglicher, verheerender Folgen. "Wenn ja, wären Regierungen künftig verpflichtet, einzugreifen - auf Kosten eines freien Marktes", meint die Zeitung. Wirklich fatal seien aber die Signale, die von der Fed ausgingen: "Die Botschaft lautet nicht nur, dass Bear Stearns nicht untergehen kann, sondern auch, dass die Fed immer zur Stelle sein wird, um den Schlamassel in Ordnung zu bringen."

Die » Süddeutsche Zeitung räumt ein, dass die Fed mit ihrem Bear Stearns-Kredit eine unsichtbare Linie überschritten habe: "Disziplin in Finanzdingen und Vertragstreue sind nur dann zugesichert, wenn Investoren nicht damit rechnen können, dass Vater Staat ihnen notfalls mit dem Geld der Steuerzahler zu Hilfe kommt." Dennoch seien Prinzipien das eine und Notfälle das andere. Es gebe Ausnahmen, bei denen Regierungen einem Kreditinstitut zu Hilfe eilen dürften und müssten. Das löse verständlichen Zorn aus, doch dieser dürfe nicht zu Fehlschlüssen führen. Denn: "Der Krise zum Trotz, haben sich die globalisierten Finanzmärkte bisher segensreich ausgewirkt. Notenbanker und Regierungen müssen jetzt schnell und effektiv zusammenarbeiten, um wieder Vertrauen zu schaffen."

Die » Tageszeitung aus Berlin sieht in den Aktionen der Fed keinen Sinn, weil sie auf den Finanzmärkten verpufften. Nun stehe die US-Regierung in der Pflicht: "Die Finanzkrise zieht immer weitere Kreise, die Aktienkurse stürzen ab, und die US-Wirtschaft ist mittlerweile zweifellos in einer Rezession angelangt. Daher mehren sich die Kassandrarufe, die eine finanzielle Kernschmelze globalen Ausmaßes nicht mehr ausschließen wollen." Doch was aus Washington an Hilfestellungen komme, sei besorgniserregend. Unbeeindruckt von den Entwicklungen salbaderten Präsident George W. Bush und sein Finanzminister Henry Paulson von guten und schlechten Zeiten, durch die eine Volkswirtschaft nun einmal gehe. "Ostentativer Optimismus ist jedoch kein Ersatz für Politik." Washington müsse seine Anti-Regulierungspolitik aufgeben, die Doktrin, dass der Staat sich aus der Wirtschaft heraus halten müsse, sei seit der Bear-Stearns-Rettung Makulatur.

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