Presseschau vom 18.8.2008
Gieriger Goliath Google

Die internationale Wirtschaftspresse wirft zum 10. Geburtstag von Google einen kritischen Blick auf dessen Größe und Unternehmenskultur. Ryanair-Boss Michael O'Leary geriert sich im Irish Independent als Wirtschaftsweiser. Die Süddeutsche sieht in Martin Winterkorns Aufstieg in die Porsche-Holding ein Ablenkungsmanöver. Fundstück: Grand Cru aus Shangdong schlägt Bordeaux.
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"Ist Google ein großer, freundlicher Gigant oder ein gieriger Goliath?", fragt der Observer anlässlich der Gründung der Suchmaschine vor zehn Jahren. Ohne Zweifel sei Google das derzeit mächtigste Unternehmen, das in wirklich jeden Bereich unseres Lebens wirke. "Sie haben unser Wissen komplett revolutioniert, aber sie haben in diesen zehn Jahren auch mehr Informationen über Menschen angehäuft als alle Regierungen der Welt zusammen. Sie lassen Stasi und KGB wie die nette freundliche Oma von nebenan aussehen", zitiert das Blatt einen Insider. Alarmieren müssten in jedem Fall Googles Aktivitäten im Online-Werbemarkt, denn mit der jüngsten Akquisition DoubleClick käme der Gigant einem Monopol-Status näher. Doch auch alle anderen Services machten deutlich, dass sich das Unternehmen tentakelartig ausbreite. Zwar wolle sich jeder in Googles Erfolg sonnen, und jeder applaudiere seiner Umwelt- und Mitarbeiterpolitik und dem ungeschriebenem Credo "Tue nichts böses". "Doch trotz all dieser Bemühungen wandelt sich Google vom mutigen David in den sinistren Goliath, kritische Stimmen häufen sich, Menschenrechtsorganisationen äußern Bedenken." Die einen forderten ein Einschreiten von Seiten der Regierungen, andere meinen, dass auch Google irgendwann Konkurrenz erwachse, wie einst Microsoft. Bei Google selbst habe ein Umdenken eingesetzt: Hätten die jungen Mitarbeiter bislang immer die "Warum nicht?"-Haltung gepflegt, dürfe es nun auch mal schlicht "Nein" heißen.

Mit einen großen, alles verzehrenden schwarzen Loch vergleicht der australische Business Spectator den Konzern. "Unter Technikfreaks wurde und wird die Übernahme durch Google nie als Ausverkauf gewertet: Im Silicon Valley gilt Google mit seiner nach wie vor gepflegten Attitüde eines Start-up-Unternehmensals als Paradies." Doch von vielen Firmen und Dienstleistern, die Google geschluckt habe, sei nachher nicht mehr viel zu hören gewesen. "Es geht immer nach einem Muster: Google übernimmt eine Firma, die User freuen sich, die Firma liegt brach, die User werden ungeduldig, die Mitarbeiter der Firma werden in andere Google-Projekte abgezogen, die Firma liegt weiter brach, die User werden noch ungeduldiger." Beispiele dafür seien Jaiku, JotSpot oder der innovative Mobilservice Dodgeball. Es habe den Anschein, dass Google an cleveren Mitarbeitern interessiert sei, nicht an cleveren Firmenkonzepten. Bei Google selbst dementiere man die Theorie. "Jede Firma, die übernommen wird, verändert auch Google", zitiert das Blatt Google-Vizepräsidenten David Lawee. Gegenbeweis sei zum Beispiel YouTube: Der Anbieter nehme inzwischen in jeder Minute Videos im Abspielumfang von 13 Stunden auf, das hätte YouTube ohne Google nie geschafft.

Das US-Wirtschaftsmagazin Fast Company rät zu einem Blick ins Weltall, um dem Geheimnis von Googles Erfolg auf die Spur zu kommen. Konkurrent Microsoft habe im Frühjahr mit dem World Wide Telescope einen Service gestartet, der Millionen von Besuchern angezogen habe, Google halte mit Google Sky dagegen und die Art und Weise, wie beide funktionierten, ließe Rückschlüsse auf die Zukunft der Wirtschaftsgalaxis zu. "Microsofts Teleskop bietet 50 verschiedene Ansichten, ist aber an Windows gekoppelt - und deshalb nur beschränkt nutzbar, nicht nur für die User, sondern auch für Vermarktungszwecke. Google Sky hat nur magere acht Ansichten im Angebot, ist aber an den Browser gebunden, funktioniert deshalb auf jedem Rechner mit Internetverbindung." Werbung sei kein Problem, und schon gar nicht die Einbindung in all die anderen Google-Services. Skye eröffne den Google-Nutzer einfach ein zusätzliches Universum für potenzielle Kunden - und potenzielle Werbeempfänger. "Deshalb steht Microsoft eine harte Zeit bevor im Wettbewerb mit Googles immer weiter expandierenden Kosmos, denn das ist das Wirtschaftsmodell der Zukunft."

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