Presseschau vom 19.12.2007
Sonnenscheinkanzlerin überschattet

Die Wirtschaftspresse kommentiert Pin-Pleite und Mindestlohn-Pläne. Der Guardian befürwortet den New-Labour-Plan zur Rettung von Northern Rock. El Sur übt scharfe Kritik an Spaniens Banken. Laut New York Times mischen immer mehr russische Ex-Spione in der Wirtschaft mit. Fundstück: Was haben die Heiligen Drei Könige in New York verloren?

Während die Post-Konkurrentin Pin der Pleite entgegentaumelt, wirft die » Frankfurter Rundschau einen schiefen Blick auf Pin-Chef Günther Thiel. „Reden kann er. Wer erlebt hat, wie Günther Thiel rhetorisch eine Zukunftsvision entwirft, ist geneigt, ihm sein Geld anzuvertrauen. Dass dies allerdings ins Auge gehen kann, musste nicht nur der Medienkonzern Springer feststellen“, meint die FR. Sein Unternehmen Thiel Logistik, das er 2000 an die Börse brachte, sei ins Schlingern geraten, „weil der Chef eine Firma nach der anderen kaufte, sich aber um die Integration nicht kümmerte. Bevor dies ruchbar wurde, hatte er seine Anteile jedoch schon versilbert“. Sicher sei, dass Thiel verstehe, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Am Verkauf seiner Pin-Anteile, schreiben die Frankfurter, habe er einen dreistelligen Millionenbetrag verdient.

Der » Tagesspiegel fragt, wer schuld ist an der Pin-Misere. „Der Mindestlohn, sagt Springer-Chef Mathias Döpfner. Springer war’s, sagt Thiel. Verständlich, dass niemand den Schwarzen Peter haben will.“ Nach Einschätzung der Berliner trägt das Verlagshaus das unternehmerische Risiko, es habe höher als andere gepokert – und verloren. Selbst ein hoher Mindestlohn werde nicht Pin bremsen, sondern die kleineren Wettbewerber, habe Döpfner kürzlich selbstsicher erklärt; und versichert, dass die Synergien mit dem klassischen Geschäft größer seien als das Risiko, eine halbe Milliarde Euro in den Sand zu setzen. „Eine gigantische Fehlkalkulation. Den Pin-Beschäftigten bleibt nur die Erkenntnis, dass für sie unter dem Strich nichts übrig bleibt.“

In der » Süddeutschen Zeitung stichelt Bundesfinanzminister Peer Steinbrück mit einem Plädoyer für eine einheitliche gesetzliche Regelung beim Mindestlohn gegen die Unions-Kollegen. Eine solche Untergrenze beim Lohn sei im Vergleich zu den jetzt diskutierten Branchenlösungen „übersichtlicher und auch richtiger", so Steinbrück. Mit Blick auf Pin & Co. sagt Steibrück, diese hätten gar nicht an den Mindestlohngesprächen teilnehmen wollen, „weil sie dachten, das kommt sowieso nicht zustande“. Dies sei der „kleine historische Irrtum“ gewesen, dem Döpfner erlegen sei.

Die » Tageszeitung kreidet Bundeskanzlerin Angela Merkel den Fehler an, beim Mindestlohn taktisch falsch entschieden zu haben. „Merkel wird das Thema jetzt nicht mehr los – und die SPD wird ihr auf den Fersen bleiben. Warum soll es denn für Postboten Mindestlöhne geben, nicht aber für Zeitarbeiter?", fragen die Berliner. Die SPD habe mit dem Mindestlohn ein Feld, auf dem sie endlich zeigen könne, dass sie etwas für ihre Klientel tue. Während die Merkel-Union bei jeder Branche aufs Neue erklären müsse, warum ein Mindestlohn eigentlich falsch sei, nur um am Ende dann doch „zähneknirschend zuzustimmen“. Dies sei keine souveräne Haltung. „Und es bringt etwas Neues: Nun wird man sehen, wie viel Glanz von der Sonnenscheinkanzlerin bleibt, wenn sie ins Schleudern gerät.“

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