Presseschau vom 2.6.2008
Eins minus für die EZB

Die internationale Wirtschaftspresse zieht Bilanz aus zehn Jahren Eurozone. Die Welt beklagt den Mangel an erfolgreichen Unternehmern in Deutschland. Die Financial Post aus Kanada singt ein Loblied auf die USA. Und der Business Standard aus Indien warnt vor zu großer Freude über das hohe Bruttoinlandsprodukt des Landes. Fundstück: Frauensterben an der Amsterdamer Börse.

Die » International Herald Tribune gratuliert der Europäischen Zentralbank (EZB) zum zehnten Geburtstag. „Der Euro ist gerade in der aktuell turbulenten Phase der Weltwirtschaft eine erstklassige Anlage, und dass er stabil ist, verdankt er der EZB“, meint die Zeitung. Die EZB sei erfolgreicher, als ihre „Architekten“ es sich je erträumt und stärker als ihre Gegner je gefürchtet haben. Dabei habe die Bank ihr wichtigstes Ziel, die Inflationsrate moderat zu halten, erreicht. Doch nun stehe die EZB vor ihrer größten Herausforderung seit der Einführung des Euro: „eine erfolgreiche Währungspolitik umzusetzen für ein zusammengewürfeltes Konglomerat an Staaten. Da gibt es südeuropäische Länder, die der globale Abschwung erwischt hat, aber auch Länder wie Deutschland, die florieren.“ Beobachter hielten aber genau das für eine Stärke: „Finanzielle und wirtschaftliche Risiken werden so besser verteilt.“

„Jean-Claude Trichet und seine Kollegen haben allen Grund zu feiern: Die Eurozone scheint nicht nur der globalen Kreditkrise bislang widerstanden zu haben, die apokalyptischen Vorhersagen, sie werde innerhalb von wenigen Jahren zusammenbrechen, haben sich auch nicht bewahrheitet“, schreibt der » Observer aus Großbritannien. Doch mit Italien am Rande der Rezession und den akuten Immobilienkrisen in Spanien und Irland werde die EZB mit schwerwiegenderen Aufgaben konfrontiert als nur damit, Zinsraten festzulegen. „Obendrein muss die EZB Länder mit unterschiedlichsten wirtschaftlichen Bedingungen unter einen Hut bringen – und vor allem dem politischen Druck widerstehen, den fünfzehn, sich widersprechende Regierungen auf sie ausüben“, warnt das Sonntagsblatt. Trichet müsse in Zukunft mit deutlich mehr Kritik rechnen.

Auch die französische Tageszeitung » Le Monde zollt der EZB Respekt für die bisherigen Leistungen – und kritisiert in diesem Zusammenhang das recht einseitige „Trichet bashing“ aus Frankreich –, mahnt aber zu Wachsamkeit: Die guten Wachstumsraten in der Eurozone im ersten Trimester 2008 seien Experten zufolge „ein Wunder“ und für das zweite oder dritte Trimester nicht mehr zu erwarten. „Auch wenn sich Europa bislang widerstandsfähig gezeigt hat, wird es von der Krise nicht unberührt bleiben.“ Darauf weise z.B. die Lage in Spanien hin. Auch vom Ziel, die Preise stabil zu halten, habe sich die EZB angesichts des neuerlichen Inflations-Rekordhochs von 3,6 Prozent im Mai weiter entfernt. Hier sei als Maßnahme dringend die Aufwertung des Euro zu empfehlen, denn ein starker Euro wirke deflationistisch. „Zehn Prozent Aufwertung reduziert die Preise um fünf bis sieben Prozent“, zitiert das Blatt einen Experten. „Das müsste endlich auch unser Präsident Nicolas Sarkozy verstehen“, hofft die Zeitung.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung stellt Barry Eichengreen, Wirtschaftsprofessor an der Universität Berkeley in Kalifornien, der EZB die Note 1 minus aus. Im Interview mit der Zeitung meint der Ökonom, dass die EZB in stürmischer See – verursacht durch das Zerplatzen der Hightech-Blase und die Hypothekenkrise – recht gut Kurs gehalten habe. Zudem habe sie neben ihrem Auftrag, die Preisstabilität zu sichern, schon jetzt ein Auge auf die Beschäftigungsentwicklung im Euro-Raum und erfülle damit eine ähnliche Aufgabe wie die US-Notenbank (Fed). Mit Blick auf die derzeit 15 Länder der Eurozone empfiehlt er einen Paradigmenwechsel: „Eine Ratssitzung mit mehr als 20 Teilnehmern, die über die Leitzinsen entscheiden sollen, ist eine seltsame Vorstellung. Es ist an der Zeit, dass die EZB zu einem Rotationssystem übergeht, in dem nicht sämtliche Gouverneure der nationalen Notenbanken jederzeit stimmberechtigt sind.“

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