Presseschau vom 2.7.2008
Car Crash

Die internationale Wirtschaftspresse dokumentiert den erdrutschartigen Einbruch am Automarkt und listet die Todsünden der Autoindustrie auf. Der Independent aus Großbritannien erklärt, warum Aldi und Lidl auf der Insel erfolgreich sind. Nesawissimaja Gazeta sieht Russland im Inflationsschock. Fundstück: Friseure, Kosmetikerinnen und Soldaten sind am glücklichsten.
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Von den jüngsten Absatzzahlen der amerikanischen Autoindustrie zeigt sich die New York Times alarmiert. Der Marktanteil von Ford am Gesamtverkauf im Juni brach um 28 Prozent ein, bei Toyota um 21 Prozent und bei General Motors um 18 Prozent. Chrysler verbuchte mit 36 Prozent den größten Rückgang, Gewinner ist Honda, die mit ihren sparsamen, kleinen Autos den zweiten Monat in Folge Absatzrekorde einfuhren und ihren Marktanteil um ein Prozent steigerten. Gründe für den Rückgang seien nicht nur die Kraftstoffpreise, sondern auch das Debakel auf dem Immobilienmarkt: „Den Verbrauchern ist das Vertrauen abhanden gekommen.“ Da würden auch keine Sonderaktionen mehr helfen. Die US-Autobauer hätten gerade im Juni viele Nachlässe auf schwer verkäufliche Modelle gewährt, General Motors habe sogar zinslose Kredite mit einer Laufzeit von sechs Jahren offeriert – gefruchtet hätten die Maßnahmen allerdings nicht. Die Konsequenzen: Die Detroiter Autohersteller wollen weniger Trucks herstellen, Chrysler habe sich von seinen Minivan-Plänen verabschiedet und Ford werde voraussichtlich vier Fabriken schließen.

Die Financial Times Deutschland analysiert, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass die einst weltweit wichtigsten Autobauer mit Kursstürzen und Pleitegerüchten zu kämpfen haben und der Marktanteil der drei großen Autokonzerne aus der Region Detroit im Heimatmarkt nur noch bei rund 47 Prozent liege – und listet ihre Todsünden auf: Der Bau von Spritfressern, die schwache Abwehr gegen Konkurrenten aus dem Ausland, die Gewährung zu langer und zu billiger Kredite und die Überschwemmung des Marktes mit wertlosen Gebrauchtwagen aufgrund des langen Festhaltens an ihrer Modellpalette.

Wie schlecht es dem deutschen Automarkt geht, wird heute an den Neuzulassungszahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes abzulesen sein. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat die Branche vorab durchleuchtet – und konstatiert, dass auch die Deutschen kaum noch Neuwagen kaufen. „Selbst Umweltautos sind Ladenhüter. Die Autohändler klagen – und so mancher Betrieb steht vor dem Aus.“ Schuld, so die Autoindustrie, seien die CO2-Debatte, der Streit um Umweltzonen und nun die rekordverdächtigen Kraftstoffpreise. Einziger Ausweg sei, dass sich die Autobauer auf eine niedrigeres Marktniveau einstellen. Doch verfolgten viele Hersteller noch immer expansive Ziele, kritisiert die Zeitung. „Mit einem ausgeweiteten Direktgeschäft machen sie es ihren eigenen Händlern außerdem immer schwerer.“

Den französischen Automobilherstellern konnten die Preisanstiege für Kraftstoff oder Stahl noch nichts anhaben: „Um 4,5 Prozent sind ihre Zulassungen im ersten Halbjahr 2008 angestiegen“, jubelt das französische Wirtschaftsblatt L’Expansion. PSA und Renault seien die Gewinner, vor allem aufgrund der Erfolge ihrer Modelle Logan bzw. Citroën. „Wenn Frankreichs Automobilindustrie noch so gut dasteht, hat sie das vor allem ihrer Ausrichtung auf kleine und sparsame Modelle zu verdanken“, meint das Blatt. Diese hätten vor allem PSA und Renault mit hervorragenden Produktoffensiven auf dem Markt platzieren können. „Doch das Blatt kann sich ganz schnell wenden: Die Kraftstoffpreise werden auf hohem Niveau bleiben, und die düsteren Aussichten hinsichtlich des französischen Wirtschaftswachstums lassen darauf schließen, dass den Franzosen bald weniger Geld für Konsum zur Verfügung steht“, warnt die Zeitung zugleich.

Ein neuerlicher Umbau des Automarktes steht nach Informationen des französischen Wirtschaftsmagazins Challenges bevor: Ford habe, so zitiert das Blatt Insider, Verhandlungen mit Renault über den Verkauf seiner Volvo-Sparte aufgenommen. Die ersten Gespräche seien zwar aufgrund unterschiedlicher Preisvorstellungen abgebrochen worden, doch die beiden Wettbewerber seien an den Verhandlungstisch zurückgekehrt. Bei Ford habe man die Gespräche nicht bestätigen wollen, „Volvo steht nicht zum Verkauf, die Sparte soll vielmehr zur Verbesserung der Absatzzahlen des Konzerns beitragen“, so ein Ford-Sprecher gegenüber Challenges. „Doch Ford steht massiv unter Druck: Das Unternehmen soll 2006 und 2007 Verluste über 15 Milliarden Euro angehäuft haben, und vor ein paar Tagen hat es angekündigt, 2008 mit einem schlechteren Ergebnis zu rechnen als in 2007.“ Zudem habe Ford sich bereits von Aston Martin, Jaguar und Land Rover getrennt. Für Volvo habe Ford seinerzeit 6,45 Milliarden Dollar gezahlt, im ersten Trimester habe die Sparte einen Verlust von 151 Millionen Dollar eingefahren.

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