Presseschau vom 20.3.2008
Rettungsanker Vater Staat

Die internationale Wirtschaftspresse diskutiert die Frage, ob die Aktionen von Fed und US-Regierung riskantem Verhalten bei Bankern – genannt „moral hazard“ – Tür und Tor öffnen. Die Prawda fürchtet, dass die russische Wirtschaft kollabieren könnte, die NZZ gratuliert Visa zum fulminanten Börsenstart. Fundstück: Jungmanager üben sich in Sozialarbeit.

Leistet die US-Regierung willfährig verantwortungslosen Bankern Vorschub? Das » Barron’s Magazin glaubt zumindest, dass sich die USA bereits mitten in einer „moral hazard“-Ära befindet. Jüngster Beweis sei die Entscheidung der US-Regierung, die Kapitalanforderungen für die beiden staatlich gestützten Baufinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac zu lockern, damit diese dank einer neuerlichen Liquiditätsspritze von 200 Milliarden Dollar Hypotheken aufkaufen und den Immobilienmarkt entlasten können. „Ausgerechnet Fannie Mae und Freddie Mac, die mehrfach der Bilanzfälschung überführt wurden – von einigen der schlimmsten Risikobewertungspraktiken auf dem Kapitalmarkt ganz schweigen“, schimpft die Wall Street Journal-Schwester. Um den heimischen Hypothekenbanken zu Hilfe zu eilen, nehme die Regierung das offenbar bedenkenlos in Kauf.

» The Australian meint dagegen, dass der US-Regierung keine andere Wahl bleibe als einzugreifen. Die Wirtschaft stecke schon in der Rezession, die Immobilienpreise sackten weiter ab und die Arbeitslosigkeit nehme zu. Es sei nur logisch, die Aktionen der Fed mit eigenen Maßnahmen zu unterstützen. „Gerade im Wahljahr dürfte es den Politikern mühelos gelingen, jegliche Diskussion über ‚moral hazard‘ abzuwürgen.“ Das Blatt rechnet damit, dass die US-Regierung den Hypothekenbanken bei der Abschreibung von Darlehenswerten bald unter die Arme greife und die Zinszahlungen auf reduzierte Darlehen kürze. „Die Intervention der Regierung wird die Finanzmisere abmildern – wenn auch zu einem hohen Preis: Das Ansehen der USA wird erheblich darunter leiden.“

In Deutschland hatte Josef Ackermann mit seiner Einschätzung, die Selbstheilungskräfte der Marktwirtschaft könnten versagen, die „moral hazard“-Debatte entfacht. In einem Interview mit der » FAZ präzisiert der Chef der Deutschen Bank seine Haltung: „Es geht nicht um die Rettung der Investoren. In diesen schwierigen Zeiten ist vielmehr eine konzertierte Aktion von Regierung, Notenbank und Marktteilnehmern notwendig.“ Das hätten die Amerikaner in den letzten Wochen pragmatisch erkannt: „Sie haben Konjunkturprogramme über 170 Milliarden Dollar verabschiedet, steuern einen expansiven Kurs in der Geldpolitik und nehmen nun auch zusätzliche Wertpapiere als Sicherheit an.“ Alles sei vorbereitet, damit die Märkte sich wieder stabilisieren könnten. Die Frage, ob es demzufolge gutzuheißen sei, dass Investoren, die sich verspekuliert haben, von der Politik gerettet werden, weist Ackermann zurück. Banken und Investoren hätten durchaus Konsequenzen zu tragen: „Die Aktionäre von Bear Stearns haben über 90 Prozent ihres Investments verloren sowie das Management und die Mitarbeiter, die Aktien gehalten haben.“

Für » The New Republic ist es unerheblich, ob die US-Regierung eingreifen soll oder nicht – ohnehin trage sie erhebliche Mitschuld an der globalen Krise, weil sie seit langer Zeit die fragwürdige Politik der US-Notenbank dulde und stütze. Die Fed kenne bei Finanzkrisen und Spekulationsblasen stets nur eine Reaktion: Geld in den Markt zu pumpen. „Das war bei der Dot-Com-Krise Ende der 90er Jahre so, und auch 2003, als die Fed ihren Leitzinssatz auf einen Prozent reduzierte.“ Ihre nachlässige Geldpolitik habe die Fed bis heute fortgeführt – mit dem Ergebnis, dass eine imaginäre Wirtschaftswelt entstehen konnte, in der Millionen von Menschen zuviel Geld borgten und zuviel konsumierten. „Die Fed betreibt ein Monopoly der Geldschöpfung. Die US-Regierung muss sie endlich stoppen“, fordert das Magazin.

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