Presseschau vom 21.4.2008
Roulettespiel der Finanzwelt

Die internationale Wirtschaftspresse wertet die 50-Milliarden-Pfund-Hilfe der britischen Regierung als Beleg dafür, dass die Krise endgültig Großbritannien erreicht hat. Die Welt hat Russen auf Einkaufstour in Deutschland beobachtet. Das Journal du Dimanche geißelt die scheinheiligen Industrienationen. Fundstück: Wie gehirngewaschen ist Microsoft?

Die Londoner » Times bewertet die „beispiellose Rettungsaktion“ der britischen Regierung – sie bietet den heimischen Banken an, verbriefte Hypothekenkredite im Wert von bis zu 50 Milliarden Pfund gegen Staatsanleihen zu tauschen – skeptisch. „Eine Garantie, dass die Banken den Verbrauchern nun tatsächlich günstigere Hypothekenkredite einräumen, so wie es sich die Regierung wünscht, gibt es nicht.“ Zudem würden insbesondere kleine Bausparkassen oder Baugenossenschaften von diesem Angebot nicht profitieren, da diese kaum mit verbrieften Hypothekenkrediten operieren. „Bereits 20 Prozent dieser Institute mussten sich aus dem Hypothekenmarkt zurückziehen. Sie überlässt die Regierung weiterhin ihrer Notlage“, meint die Zeitung.

„Die Kreditkrise hat die britische Politik mit voller Wucht erreicht“, konstatiert die » Financial Times Deutschland. Nicht nur hätten Banken, Regierung und Zentralbank erstmals unorthodoxe Notmaßnahmen ausgehandelt, wie es an der Wall Street seit Monaten geschehe. Der in Downing Street 10 ausgehandelte Plan zeige auch, wie sehr es bei den Finanzinstituten knirsche: „Notenbank und Regierung wollen nun dem Hypothekengeschäft der Banken wieder aufhelfen.“ Kreditrisiken sollen dabei nicht übernommen werden – aber es sei schon jetzt absehbar, dass sich der Staat im Zweifel noch stärker engagieren wird. „Schließlich steht längst auch die politisch Zukunft von Premier Gordon Brown auf dem Spiel.“

Der » Observer kritisiert, dass sich die Banken erneut aus ihrer Verantwortung für riskante Darlehensgeschäfte stehlen können. „Das alles erinnert an ein Roulettespiel im Casino: Die Banken haben Hypotheken als Plastikchips genommen, sie haben ihnen theoretische Werte zugeordnet, sie herumgereicht – und behandelt, als wären sie echtes Geld. Aber als sich nun herausstellte, dass einige der Chips Blindgänger waren, sind sie zur Kasse gegangen, um sie in richtiges Geld eintauschen zu können – in Geld der Steuerzahler“, schreibt die britische Sonntagszeitung. Selbst wenn die Banken eine Mitschuld an der aktuellen Krise leugneten, stehe fest, dass sie schuldig seien der systematischen Arroganz und Selbstgefälligkeit. „Der Regierung bleibt nun keine andere Wahl, als zu helfen. Als Gegenleistung müssen die Banken aber zu grundlegenden Veränderungen bereit sein. Und sie müssen anerkennen, dass die soziale Verantwortung haben.“

Für » Scotland on Sunday stellt sich die Frage, welche Bank als nächstes verheerende Bilanzen und Reputationen verteidigen muss. „Mit Ausnahme von Lloyds TSB und HSBC, stehen die britischen Banken zunehmend in der Kritik ihrer Investoren – und die werden nicht davor zurückschrecken, Köpfe rollen zu lassen.“ So seien nach dem glücklosen Adam Applegarth, der die Northern Rock verlassen musste, die Chefs von Alliance & Leicester, B & B oder HBOS mögliche Wackelkandidaten. Denn ob der Plan der Regierung tatsächlich dazu führe, dass neue Hypothekenkredite verkauft würden, bleibe abzuwarten: „Aus den britischen Konsumenten sind inzwischen Sparer geworden. Und viele, die Schwierigkeiten bei der Abzahlung ihrer Kredite haben, werden jetzt nicht neue zu ihrer Tilgung abschließen – weil sie noch höhere Rückzahlungen befürchten.“

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