Presseschau vom 23.6.2008
Schluss mit fiskalischem Selbstmord!

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die Ankündigung Saudi-Arabiens auf dem Treffen in Dschidda, die Fördermenge bis 2009 zu erhöhen. In Newsweek meint Carlos Ghosn, CEO von Nissan-Renault, dass Manager auch mal tabulos sein müssen. Les Echos empfiehlt der Weltwirtschaft eine sanfte Entwöhnung vom Opium der Subventionspolitik. Fundstück: Italien schlägt Frankreich auch beim Kochen.
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„Wenn Ölproduzenten sich für gemäßigte Preise einsetzen, sollte das hellhörig machen“, meint die Tageszeitung aus Berlin. Statt sich wie Venezuela oder Argentinien zurückzulehnen und die Profite einzustreichen, zeigten sich Saudi-Arabien & Co plötzlich konziliant. Warum? „Schon einmal explodierten die Ölpreise, in den 1970er Jahren, als die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) erstmals ihre Muskeln spielen ließ. Daraufhin versank die Welt in einer Rezession, so dass die Industrie weniger Öl brauchte.“ Zudem sparten die Verbraucher damals fleißig Öl, neue Erdölvorkommen wurden erschlossen. Das jetzige Interesse der Ölproduzenten sei deshalb klar: „Die Welt soll noch möglichst lange möglichst viel Öl konsumieren.“ Im Interesse der Umwelt sei das nicht, allein schon aus Gründen des Klimaschutzes sei eine deutliche Verminderung des Verbrauchs dringend geboten. Fazit: Wir brauchten keine zusätzliche Ölförderung, sondern mehr Anreiz zur Senkung des Verbrauches.

Als stillschweigendes Eingeständnis, dass die Hauptursache für den hohen Ölpreis nicht Spekulationen, sondern unzureichende Fördermengen waren, wertet die Washington Post das Angebot der Saudis, mehr Öl zu fördern. „Doch es ist fraglich, ob die Saudis überhaupt in der Lage sind, mit ihrer Erhöhung der Förderquote den Ölpreis zu senken. Selbst wenn sie 500.000 Barrel zusätzlich pro Tag fördern würden, machte das rund die Hälfte des gestiegenen Verbrauchs im letzten Jahr aus, verursacht größtenteils durch Asien.“ Schon jetzt wiesen Experten darauf hin, dass die Vorräte der Saudis weit mehr aufgebraucht seien als es das Königreich zugeben wolle. Die aktuellen Ereignisse ließen deshalb einen Blick auf eine künftige, politische Dynamik des Mittleren Ostens zu, bei der Saudi-Arabien keinen großen Einfluss mehr haben werde.

Die FAZ vermisst konkrete Ergebnisse des Treffens in Dschidda. Denn nicht nur den Verbrauchern sei der Ölpreis zu hoch, sondern auch den Saudis und anderen Golfstaaten. Sie hätten „kein Interesse, die Industriestaaten mit dem hohen Ölpreis in eine Rezession zu schicken. Denn sie haben ihre Petrodollars im Westen angelegt.“ Auch wollten sie es sich nicht mit den USA verderben, da sie diese gegen die iranische Herausforderung bräuchten. Damit hätten sowohl die Gastgeber des Treffens als auch die Verbraucher letztlich am gleichen Strang gezogen: „Das Ei des Kolumbus haben sie nicht gefunden; der Ölpreis wird wegen der zu geringen freien Förderkapazitäten und des Energiehungers Chinas hoch bleiben. Dschidda war aber wichtig, weil beide Seiten erkannten, dass der heutige Ölpreis allen schadet.“

Kritik an der ewig gleichen Forderung westlicher Regierungschefs, die Fördermenge zu erhöhen, wenn der Ölpreis steigt, übt die Financial Times Deutschland. Denn für die langfristige Entwicklung des Ölpreises werde ein anderer Faktor viel entscheidender sein: wie sich die Preispolitik von Schwellenländern auf die Ölnachfrage auswirken werde. Dabei sei das aktuelle Verhalten asiatischer Schwergewichte wie China oder Indien zu loben: Sie haben „mit ihrer bisherigen Philosophie gebrochen und die staatlich festgelegten Spritpreise erhöht. Anstatt den Verbraucher von Ölpreisschwankungen weiterhin abzuschirmen, geben sie das Preissignal an die Bevölkerung weiter.“ Ein richtiger Schritt, denn die Differenz zum Weltmarktpreis regelmäßig ausgleichen zu wollen, bedeute fiskalischen Selbstmord. Selbst in den USA lerne man nun umzudenken: „Seit Januar schränken sich die US-Amerikaner ein – zum ersten Mal seit 17 Jahren.“

Die Presse aus Österreich sieht nach Dschidda Europa unter neuem Druck. Zwar sei die Ankündigung von Saudiarabien, seine Kapazität bis 2009 um ein Viertel anzuheben, eine gute Nachricht, dämpfe diese doch Ängste über Versorgungsengpässe. An der Abhängigkeit der westlichen Wirtschaftsnationen ändere dies jedoch nichts. „Dass diese Abhängigkeit künftig große Probleme mit sich bringen könnte, sah man vergangene Woche. Da forderte der venezolanische Präsident Hugo Chavez von der EU, ihre Immigrationsbestimmungen zu ändern. Andernfalls drohe ein Ölboykott.“ Wolle Europa künftig nicht von diversen Diktatoren abhängig sein, müsse es die Abhängigkeit endlich durch einen effizienteren Umgang mit Öl und einen zunehmenden Einsatz von Alternativen reduzieren.

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