Presseschau vom 24.6.2008
Die Zähmung des Inflationsbiestes

Die internationale Wirtschaftspresse entlarvt die Warnungen von Regierungen und Ökonomen vor der drohenden Inflation und zeigt auf, was konkret gegen diese getan werden kann. Shanghai Daily erteilt den Apologeten des freien Marktes eine Lehrstunde. Der New Zealand Herald sieht Politiker weltweit in der Pflicht, um die Zukunft der Fluglinien zu sichern. Fundstück: Wirtschaftlicher Erfolg klappt auch ohne Karaoke.
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Höhere Inflationsraten seien Gift für die Wirtschaft, gerade auch für Sparer und Arbeitnehmer, weil selbst scheinbar üppige Lohnerhöhungen sofort wieder zunichte gemacht würden, schreibt die Welt Online. Und doch habe die spürbare Aufregung über diese schleichende Enteignung auch ihr Gutes: "Sie könnte den Kampf gegen die Inflation erleichtern. So wird eher akzeptiert werden, wenn die Europäische Zentralbank bald die Zinsen erhöht - auch wenn die Schelte von Politikern programmiert ist. Denn Zinserhöhungen gelten nun einmal als schädlich für die Konjunktur", argumentiert die Zeitung. Dabei sei es doch die Regierung, die von der Inflation profitiere: Staatsschulden würden zügiger entwertet, gleichzeitig würden ihre Einnahmen steigen: "Denn wenn die Inflation zu höheren Gehältern führt, rutschen die Bürger schneller in höhere Steuerklassen." Wenn sich also Politiker derzeit öffentlich um den Ölpreis sorgen und die Europäische Zentralbank vor Zinserhöhungen warnten, lenkten sie von ihrer eigenen Verantwortung ab: "Die Regierung hat es in der Hand, Firmen und Verbraucher zu unterstützen. Es ist Zeit für eine grundlegende Entlastung bei der Einkommensteuer."

Der Business Spectator aus Australien warnt die Regierungen davor, sich zu sehr auf die Frage zu versteifen, ob man die Inflation bekämpfen oder aber Konjunktur und Wachstum schützen solle. Zu komplex wirke die Inflation in Wirtschaft und Gesellschaft hinein, um sie mit "einfachen" Methoden bekämpfen zu können. Außerdem habe das Beispiel Asien gezeigt, dass Zinserhöhungen nicht unbedingt die Inflation dämpften. "Die Regierungen sollten sich nicht am Entweder-Oder festklammern, sondern stattdessen versuchen, beides zu tun." So könnten sie z.B. höhere Leitzinssätze durch Rabatte und Steuerrückzahlungen flankieren, um die Bürger zu entlasten. Auch Zurückhaltung bei Lohnforderungen seien eine Möglichkeit. "Vor allem aber sollten sie offen über tatsächliche Inflationsrisiken sprechen, Maßnahmen gegenüber der Bevölkerung gut begründen und kreative Ideen umsetzen."

In Großbritannien glaubt die Londoner Times, dass die Angst der Mitglieder der Bank of England vor der drohenden Inflation übertrieben ist: Die Kerninflation - ein von Ökonomen gern verschmähter Wert, weil er die Preisteuerungen bestimmter Güter nicht berücksichtige - gebe Auskunft darüber, in welchem Maß sich die Inflation in allgemeinen Preisteuerungen manifestiere. So liege die Kerninflation im Königreich aktuell bei 1,5 Prozent, vor sechs Monaten habe der Wert 1,4 Prozent betragen, Panik sei also nicht angebracht. Die von der Bank of England in Erwägung gezogene Anhebung des Leitzinssatzes wäre zudem falsch. Nicht nur würde das die Konjunkturaussichten trüben und den Pfund in eine größere Misere stürzen. Man könne auch darauf vertrauen, dass das derzeit "schleichende Wachstum das Biest der Inflation schon zähmen" werde. Die Zinsen zu erhöhen, wäre letztlich nur ein gefälliger Akt gegenüber Wirtschaft und Politik.

Äußerst skeptisch bewertet die New York Times eine Rede von US-Notenbank-Chef Ben Bernanke an der Harvard University, die impliziere, die Fed habe es in der Hand, mit ihrer Geldpolitik die Inflation zu stoppen. Zwei Präzedenzfälle seien hier von Relevanz: In der Ölkrise der 70er Jahre habe die Fed auf Druck der Politik das Land mit Geld geflutet und die Leitzinsen hoch gehalten, um eine Rezession zu verhindern. Ergebnis sei eine schwere Inflationswelle gewesen. Danach habe es eine 20 Jahre währende, stabile Zeit ohne hohe Inflationsraten gegeben, dank der Unterstützung durch Jimmy Carter bzw. Ronald Reagan. "In anderen Worten: Die Fed hat einmal falsch gehandelt und einmal richtig. Der Unterschied war: der politische Druck." Einem solchen Druck könne sich Bernanke mit einem neuen, populistischen Präsidenten - egal ob er McCain heiße oder Obama - bald ausgesetzt sehen. Bei beiden sei damit zu rechnen, dass die vorherrschende politische Meinung sie danach streben lasse, eine Rezession mit allen Mitteln zu verhindern. Es sei fraglich, ob Bernanke sich gegen sie durchsetzen könne.

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