Presseschau vom 26.5.2008
Wirtschaftskrimi, Macht und Paranoia

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert den vom Spiegel recherchierten Verdacht gegen die Telekom, jahrelang Journalisten, eigene Manager und Aufsichtsräte bespitzelt zu haben. Richard Branson macht in Newsweek amerikanische Flugzeuglinien lächerlich. Die Los Angeles Times feiert das Comeback alter Wirtschaftszweige. Fundstück: Rosa Krawatten sind kreativ!

„Eine absurde Melange aus ganz viel Wirtschaftskrimi und einer ordentlichen Portion Macht und Größenwahn, einem Schuss Paranoia, komplett demontierter Mitbestimmung und missachteter Pressefreiheit“, befindet der Spiegel in seiner heutigen Ausgabe zum Telekom-Skandal. Noch sei nicht absehbar, was an den Vorwürfen eines derart gewaltigen Lauschangriffs dran sei. Immerhin habe die Telekom den Sachverhalt der Staatsanwaltschaft übergeben und Telekom-Chef René Obermann mitgeteilt, diese bei ihrer Aufklärungsarbeit zu unterstützen. Doch die „schmutzige Datenattacke“ der Telekom fliege ausgerechnet in einem Moment auf, in dem der Staat höchste Ansprüche an Vertraulichkeit und Vertrauenswürdigkeit des Bonner Konzerns stelle: Seit dem 1. Januar müssten die Telefon- und Internet-Anbieter in Deutschland alle Verbindungsdaten ein halbes Jahr lang speichern. „Damit aber ist gerade der Branchenprimus Telekom heute mehr denn je eine Art Hilfspolizist des Staates. Umso peinlicher, dass der Konzern nun in den Verdacht gerät, sich in eigener Sache wie ein halbseidener Schnüffler an diesem Datenschatz vergriffen zu haben.“

„Eigentlich dachte man, es hätte nicht mehr schlimmer kommen können“, stellt die Frankfurter Allgemeine Zeitung nach den Affären um Lidl, Burger King oder Porsche-Chef Wendelin Wiedeking ernüchtert fest. Jetzt aber habe die Deutsche Telekom noch einen obendrauf gesetzt: „Das ist ein Schlag in das Gesicht derer, die immer noch an den Anstand in der deutschen Unternehmenslandschaft glauben.“ Es scheine, als ob die Devise „Der Zweck heiligt die Mittel“ ausgegeben worden sei, um ein Unternehmen, aus dem immer wieder – und vom Vorstand ungewollt – Informationen an die Öffentlichkeit gelangten, auf Kurs zu halten. „Eine solche Devise führt aber ins Verderben. Denn die Basis erfolgreichen Wirtschaftens ist das Vertrauensverhältnis, das sowohl unter Unternehmen als gegenseitigen Lieferanten als auch zwischen dem Unternehmen und seinen Kunden bestehen muss.“

Mögliche Folgen aus der Bespitzelung durch die Telekom beleuchtet die » Financial Times Deutschland: Sollten die Vorwürfe gegen den Konzern zutreffen, wäre „dies ein Skandal ersten Ranges, der zu harten Konsequenzen führen muss – nicht nur intern bei der Telekom, sondern auch durch die Aufsichts- und Strafverfolgungsbehörden.“ Denn die Grenzen zwischen einer scheinbar ehrenwerten Recherche „im Dienste des Unternehmens“ und kriminellen Geschäften seien in der Schnüffelpraxis fließend. Die Telekom müsse schleunigst klarstellen, was wirklich geschehen sei. „Wurden tatsächlich Kundendaten missbraucht, dann wird die Telekom nicht nur juristische Schwierigkeiten bekommen. Es droht dann auch ein massiver Vertrauensverlust bei den Kunden, die bisher davon ausgingen, dass ein Telefonat so diskret geführt werden kann wie ein Gespräch unter vier Augen.“

Die » Tageszeitung aus Berlin befragt den Kommunikationsstrategen Lutz Engelke zu den Motiven, die deutsche Großkonzerne wie Lidl oder Telekom zu Methoden wie Bespitzelung greifen lassen. „Es existiert eine paranoide Angst vor einem schlechten Image, weil die positiven Nachrichten natürlich den DAX beeinflussen. In den Rating-Agenturen ist ein positives Image bares Geld wert“, meint Engelke. Das Grundproblem aber sei, dass sich die Management-Eliten fatal entpolitisiert hätten. „Es gibt kein politisches Personal mehr in dieser Art von Großkonzernen. Zudem wird in unserer Gesellschaft nicht mehr an einem gemeinsamen Ziel gearbeitet. Der DAX ist zu einem Mantra geworden. Es wäre dringend geboten, eine Leitbilddiskussion zu beginnen.“ Denn es komme nicht darauf an, den einzelnen operativen Vorgang zu erklären, sondern Rückkopplungseffekte auf die Gesellschaft und die Wertekultur in den Vordergrund zu rücken. „Diese Diskussion muss von Großkonzernen initiiert werden.“

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