Presseschau vom 28.7.2008
Freie Fahrt für die Kreml AG

Die internationale Wirtschaftspresse verurteilt die Eingriffe des Kremls bei den Konzernen Mechel und TNK-BP und meint resigniert, dass sich in Russland letztlich nichts geändert habe. Der Observer aus Großbritannien spekuliert über ein neues Apple-Produkt. Die Presse aus Wien beklagt das falsche Spiel mit der Globalisierung. Fundstück: Der Wert der Schönheit sinkt.
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Die Eingriffe des Kremls beim Stahl- und Bergbaukonzern Mechel und dem Ölkonzern TNK-BP wertet die Financial Times Deutschland als Anzeichen dafür, dass sich in Russland nichts geändert habe. "Wer wissen will, was Macht bedeutet, sollte sich Wladimir Putin ansehen. Der russische Regierungschef schaffte es, mit ein paar Sätzen nicht nur die Aktie von Mechel abstürzen zu lassen, sondern gleich die ganze Moskauer Börse." Die Reaktion der Investoren zeige, dass kaum jemand in Russland noch daran glaube, dass der Staat unter dem neuen Präsidenten Dmitri Medwedew seinen Einfluss auf die Wirtschaft zurückfährt. Sowohl der Fall Mechel als auch der Streit um das russisch-britische Joint Venture TNK-BP machten deutlich, dass der Kreml nach wie vor der entscheidende Akteur auf dem Markt sei. "Das Versprechen von mehr Freiheit, das Medwedew in Reden und Interviews immer wieder abgegeben hat, entpuppt sich als reine Rhetorik." So beschränke ein neues Gesetz den Zugang ausländischer Investoren, zudem bastele sich der Staat mit Rostechnologii eine gigantische Industrieholding, in der Anteile von über 400 Unternehmen aufgehen sollen: "Die Kreml AG ist in voller Fahrt."

Der Daily Telegraph aus Großbritannien begrüßt, dass die britische Regierung sich in den Streit zwischen British Petrol und der russischen Aktionsgruppe AAR um den britisch-russischen Ölkonzern TNK-BP eingemischt und den Kreml um Aufklärung gebeten habe. Denn das sich zuspitzende Drama könne eine Wendepunkt für die Investitionsbereitschaft aus dem Ausland markieren. "Die Flucht von TNK-BP-CEO Robert Dudley hat zu einem Kurseinbruch an der Moskauer Börse geführt - weil die Investoren, die Russland schon immer verdächtigten, ein chaotischer und gefährlicher Ort zu sein, sich nun bestätigt fühlen." Russland mache nun den Eindruck eines Handelsplatzes für Spekulationen statt für Investitionen. Seine Größe und seine Wachstumsraten hätten Investoren magisch angezogen, doch auch Russland werde nicht von negativen Wirtschaftstrends verschont bleiben. "Der mit den letzten Optimisten besetzte Zug hat gerade den Bahnhof verlassen. Wollen wir hoffen, dass sie Russland nur als Urlauber verlassen haben, und nicht als Emigranten", zitiert das Blatt einen besorgten Investmentbanker aus Moskau.

Von den Entwicklungen in Russland zeigt sich das Wall Street Journal nicht im Geringsten überrascht: "Keinen, der ernsthaft Geld in das Reich von Wladimir Putin investiert, darf es verwundern, wenn er anschließend geschröpft, verjagt oder nach Sibirien geschickt wird", lautet der lakonische Kommentar. So sei BP mit offenen Augen in sein Unglück gerannt, bereits zuvor seien Total, Royal Dutch Shell, ExxonMobil und Amoco über Russland gestolpert. Anfangs liefen solche Geschäft immer gut, man mache Gewinn, doch dann frage sich Russland stets, warum es die Gewinne mit Ausländern teilen solle. "Und schon fand sich BP schutzlos im Wilden Westen wieder." Nun zeige sich, dass die Stabilität, die Putin ausländischen Investoren suggeriert habe, eine ganz andere sei: Steuerbehörden und Gesundheitsbehörden erpressten große Unternehmen und gingen gegen mittelständische und kleine Firmen vor, die Rechtsstaatlichkeit des Landes werde mehr und mehr ausgehöhlt. "Putin beschwert sich, dass der Westen Russland nicht angemessen respektiere. Den Chef eines großen westlichen Ölkonzerns förmlich zur Flucht zu zwingen, verdient jedoch von keinem Land Respekt."

Das russische Wirtschaftsmagazin Smart Money sucht nach Gründen für Wladimir Putins Wut auf Igor Zyusin, den Eigentümer des Kohle- und Stahlkonzerns Mechel. Putin habe den Stahlmagnaten in ungewöhnlich harter Form gerügt, wie bisher nur Michail Chodorkowski, schreibt das Blatt. Daraufhin sei der Börsenwert von Mechel von 15 auf 10 Milliarden Dollar eingebrochen. Auslöser des Konflikts waren Beschwerden der russischen Stahlkocher, Mechel würde seine Steinkohle im Ausland billiger verkaufen als in Russland, was die Erzeugerpreise nach oben treibe. Zyuzin sei nicht zu der entscheidenden Konferenz erschienen, weil er krank gewesen sei, und habe so Putins Zorn ausgelöst. "Ich rate Igor Wladimirowitsch möglichst schnell gesund zu werden, ansonsten müssen wir wohl einen Doktor vorbeischicken, der bei ihm nach dem Rechten schaut", zitiert die Zeitung Putin. Für die Rolle der Ärzte habe Putin die Föderale Antimonopolbehörde und die Staatsanwaltschaft auserkoren. Smart Money merkt an, dass sich in der Vergangenheit die Gazprom-Investmentholding schon für Mechel interessiert habe. Die Holding kontrolliere bereits die Eisenerzförderung, einen anderen wichtigen Rohstoff für die Stahlproduzenten.

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